Campino und Marteria in Anklam : Eine Kleinstadt gerät in Wallung

Der aus Rostock stammende Rapper Marteria wird von seinen Fans auf Händen getragen  Fotos: Stefan Sauer
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Der aus Rostock stammende Rapper Marteria wird von seinen Fans auf Händen getragen Fotos: Stefan Sauer

Campino und Marteria rappen und rocken in Anklam gegen Rechts. Rund 2000 Menschen kamen heute zum Konzert

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23. August 2016, 22:39 Uhr

Am Ende der knappen Stunde, die Marteria auf dem Vorplatz des Bahnhof von Anklam rappt, gibt er alles: Erst fordert er die rund 2000 Zuhörer auf, ihre Shirts auszuziehen, dann zieht er seines aus – und springt zum Stagediving in die Menge. Die Musiker hinter ihm, darunter Campino von den Toten Hosen und die Punkband „Feine Sahne Fischfilet“, tun es ihm gleich. Frenetischer Jubel schallt über den Platz – so etwas hat die Kleinstadt noch nicht erlebt. Dann ist der Spuk vorbei, 20.30 Uhr ist es da zwar erst, aber gleich werden am Bahnhof die letzten Züge abfahren. Und mit denen müssen viele der Konzert-Besucher nach Hause.

Dass der aus Rostock stammende Rapper, der im Jahr 2016 eigentlich eine Konzertpause einlegt, heute in Anklam auftreten würde, war erst einen Tag zuvor bekannt geworden. Und trotzdem sind die Menschen in die Stadt geströmt, manche sind hunderte Kilometer angereist, andere sind Urlauber von der nahen Insel Usedom – und wieder andere stammen tatsächlich aus Anklam. Wie Desiree Schuch, die inzwischen in Schwerin lebt und gerade ihre Großmutter in Anklam besucht. Über Facebook hat sie von dem Konzert des Rappers erfahren: „Sonst wäre ich im Leben nicht hierher gekommen“, sagt sie.

Denn auch schon bevor Marterias Auftritt ruchbar wurde, war dort für den Abend ein Konzert geplant. Die aus der Region stammende Punkband „Feine Sahne Fischfilet“ wollte auftreten. Die Musiker organisieren seit Wochen Veranstaltungen in ganz Mecklenburg-Vorpommern, um junge Menschen vor den Landtagswahlen gegen Rechtsextremismus zu sensibilisieren. „Zusammenhalten gegen den Rechtsruck“ steht auf den Plakaten und das ist auch die Botschaft hinter dem Konzert in Anklam, jener Kleinstadt, die oft als Sinnbild für den Rechtsextremismus in Vorpommern herhalten muss. Die Parteizentrale des NPD-Landesverbands befindet sich keine 200 Meter entfernt vom Bahnhof.

Jan Gorkow, Frontmann der Band sagt: „Wir erleben in Mecklenburg-Vorpommern, dass die ländlichen Regionen vollkommen abgehängt werden. Wir stammen alle selbst aus Orten, in denen der einzige Jugendclub, den es da gibt, die Bushaltestelle ist.“ Er redet sich in Rage: „Die Parteien haben im ländlichen Raum allesamt versagt.“ Das Hinterland werde abgehängt, keine Partei tue etwas dagegen. Keine – bis auf eine: Die rechtsextreme NPD. „Was die machen, ist ideologisch scheiße, aber politisch gut“, sagt Gorkow.

Was er damit meint: Kinderfeste mit hunderten Besuchern, Sozialberatung – all das müsste eigentlich die etablierte Politik leisten. Und jetzt gebe es ja auch noch die AfD. Davor wollen sie die jungen Leute warnen, sie aufrütteln.

Es sei für ihn „wie ein Segen“ gewesen, als Gorkow ihn gefragt habe, ob er mitmachen wolle, sagt Marteria.

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