Nach tödlichem Unfall in Groß Kiesow : „Eine Klage, keine Anklage“

Gedenkfeier für die Opfer des Unfalls mit vier Toten in der evangelischen Kirche Groß Kiesow
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Gedenkfeier für die Opfer des Unfalls mit vier Toten in der evangelischen Kirche Groß Kiesow

In einer emotionalen Gedenkfeier hat Groß Kiesow der vier Menschen gedacht, die bei einem Verkehrsunfall ums Leben kamen

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09. August 2016, 21:00 Uhr

Die kleine Dorfkirche kann die Trauernden kaum fassen. Die Menschen stehen hinter dem hölzernen Gestühl, das bis auf den letzten Platz besetzt ist. Sie stehen in den Gängen und auf der Empore. Und sie stehen draußen vor der Holztür, um der vier Menschen zu gedenken, die am Wochenende bei einem schweren Verkehrsunfall in Groß Kiesow ums Leben kamen. Einer, der zur Gedenkfeier am Montagabend keinen Platz mehr in der Kirche fand, ist Rettungsassistent Bodo Schmidt. „Es ist schrecklich“, sagt der Mann, der am frühen Sonnabendmorgen mit seinen Kollegen am Unfallort war und die beiden Schwerverletzten notversorgte.

Schmidt muss reden. Seit 28 Jahren sei er Rettungsassistent. Der Unfall gehöre zu den schlimmeren Einsätzen in seiner beruflichen Laufbahn. Es falle ihm zunehmend schwerer, ein solch schreckliches Ereignis zu verarbeiten. „Das hängt wahrscheinlich mit dem Alter zusammen“, sagt er und drückt die Hand seiner Frau. Noch könne er nachts schlafen. Aber aus seiner Erfahrung wisse er, dass die schlaflosen Nächte noch kommen. Reden helfe, sagt er. Mit den Kollegen, mit seiner Frau. Es gebe professionelle Angebote.

Musik erfüllt den mit rund 250 Menschen überfüllten Kirchenraum. „Du musst Meer sein“, singt der Liedermacher Michael Turban. In den ersten Reihen sitzen die Familien, die Kinder und Ehepartner verloren. Sie senken ihre Köpfe, eine Frau knetet ein Taschentuch in ihren Händen. Viele weinen. „Es war ein Abend voller Freude (...), und dann wurde es ein Morgen voller Schmerzen und voller Trauer“, beschreibt Pfarrer Andreas Schorlemmer die Unfallnacht. Um den Altar stehen vier Milchkannen mit Sonnenblumen, verbunden durch ein Meer von Kerzen.

Zehn Jahre leitete der 54-jährige Jan N. aus dem niederländischen Borne – eines der Unfallopfer – einen Milchviehbetrieb in Groß Kiesow, zuletzt betrieb er dort eine kleinere Viehwirtschaft. Er und seine 20-jährige Tochter, die das Unfallauto lenkte, waren im Dorf sehr beliebt. Vor dem Unfall feierten die Niederländer gemeinsam mit Deutschen ein fröhliches Wiedersehen. „Jan fühlte sich hier ganz zu Hause“, sagt sein Schwager. Auch die Bevölkerung in seiner niederländischen Heimatstadt Borne sei zutiefst erschüttert.

Unter den Trauernden sind auch die Eltern eines 27-jährigen Niederländers, der wie seine Freundin bei dem Unfall schwer verletzt wurde. Sie bangen um das Leben ihres Sohnes. „Ich bin auf der Suche nach den richtigen Worten. Aber die Worte sind verschwunden“, sagt die Frau. Pfarrer Andreas Schorlemmer dankt den Rettungskräften, der Feuerwehr, den Polizisten und allen, die gekommen sind, um den Angehörigen beizustehen. „Es ist eine Klage, keine Anklage“, sagt Schorlemmer. Vorwürfe gegen die Fahrerin haben in der Kirche keinen Platz. Es sei auch völlig egal, sagt eine Frau. Jeder der sechs hätte hinter dem Steuer sitzen können. Die Kirchentür bleibt in dieser Nacht offen zum Trauern.

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