zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

19. Oktober 2017 | 22:17 Uhr

Eine Kapitalanlegerin sammelt Flaschen

vom

svz.de von
erstellt am 23.Okt.2012 | 09:49 Uhr

Rostock | 70 700 Euro, in Worten: Siebzigtausendsiebenhundert. Auf einen Schlag verloren. Verloren an die Volkssolidarität, ein Riese unter den Wohlfahrtsverbänden in Deutschland, Platzhirsch im Osten der Republik. Sabine Rosin, Rostockerin, Jahrgang 1944, gehört zu den rund 1600 Menschen, deren Ersparnisse in den Immobilienfonds der mecklenburg-vorpommerschen Kreisverbände Bad Doberan/Rostock-Land und Mecklenburg Mitte verschwunden sind - zusammen an die zehn Millionen Euro. Die Chancen, etwas von dem Geld wiederzusehen, schwinden mit jedem Tag. Neujahr 2013 sind alle Schadensersatzansprüche verjährt.

"Ich werde immer angeschissen", sagt Sabine Rosin. Alles, was sie mühsam zusammengespart hat in ihrem Leben, ist weg. Dennoch spricht die Rostockerin lieber von dem, was sie hat, als von dem, was fehlt. An diesem Vormittag war sie mit ihrem Fahrrad in der Rostocker Heide unterwegs. Einen Riesen-Steinpilz hat sie gefunden, ein paar kleinere dazu, zwei Handvoll Anis champignons. Zudem etliche Pfandflaschen. Die sammelt sie ein, um ihre schmale Rente aufzubessern. "Manche tun ja, als ob das etwas Ehrenrühriges ist", sagt Sabine Rosin. "Meinem Sohn zum Beispiel ist es schon etwas peinlich." Sie steht darüber. "Da kommt ganz schön was zusammen." Diesmal waren es 8,75 Euro auf einmal.

"Ich habe nie viel Geld gehabt", sagt Sabine Rosin. "Ich habe mit jedem Pfennig gerechnet." So kannte es sie von zu Hause, wo sie sechs Geschwister waren. So ging es weiter, als sie - jung verheiratet - in drei Jahren drei Kinder zur Welt brachte. 1965 eine Tochter, 1966 und 1967 die Söhne. "Auch in der DDR hat man nicht drei Krippenplätze auf einmal bekommen", sagt sie. Also blieb sie zu Hause und begrub den Traum, Klavierlehrerin zu werden. "Mit 23 und drei Kindern in einem möblierten Zimmer." Ihr Mann spielte in einem Militärorchester, sie kümmerte sich um Kinder, Haushalt, Garten.

Den Anspruch, selbst etwas Geld zu verdienen, mochte Sabine Rosin aber nicht aufgeben. Sie fing an, Kunstpostkarten und Kalender zu gestalten - mit getrockneten Blüten und mit Linolschnitten. "Das Linoleum habe ich auf dem Sperrmüll gefunden, gedruckt habe ich mit einer alten Wäschemangel", sagt sie. "Oft bin ich am Wochenende um 5.30 Uhr aufgestanden, hab die Karten fertiggemacht und zum Trocknen ausgelegt. Dann ging es in den Garten." 95 Pfennige zahlten Kunstgewerbeläden in Rostock und Bad Doberan pro Klappkarte mit Umschlag. "Die haben meine Sachen gern genommen", sagt Sabine Rosin. Nebenbei absolvierte sie ein Studium. Als die Kinder in der Schule waren, übernahm sie eine Betriebsbibliothek.

1987 reichte Sabine Rosin die Scheidung ein, gegen den Willen ihres Mannes, der die Ehefrau nicht verlieren, die Geliebte aber auch nicht aufgeben wollte. "Zu DDR-Zeiten geschieden…", Sabine Rosin winkt ab. Pech gehabt. Auch, als sie noch einmal einen Mann in ihr Leben lässt. Sie sind zweieinhalb Jahre zusammen, doch nicht verheiratet, als er ums Leben kommt. "Ein Holländer hat ihn totgefahren. 17 Stunden saß er hinterm Steuer, ohne Pause." Der Garten ist ihr geblieben, die Kinder. "Immer, wenn ich einen Mann verloren hab, hab ich ein Enkelkind bekommen", sagt sie. Zwei Männer. Zwei Enkel, heute 24 und 18.

Als ihre Eltern starben, machte Sabine Rosin "eine kleine Erbschaft". Einen Teil gab sie an die Kinder weiter, den Rest legte sie aufs Sparbuch. In den ersten Jahren nach der Wende erschienen ihr Bundesschatzbriefe als sichere Geldanlage. Bis die Zinsen fielen und fielen. 2008 zahlte Sabine Rosin zum ersten Mal Geld in die Immobilienfonds der Volkssolidarität. Eine Bekannte hatte sie auf das günstige Angebot aufmerksam gemacht. Das Versprechen lautete: "Mein Geld arbeitet für mich und eine gute Sache." Eine gute Sache, die fünf Prozent Rendite bringen sollte. 2009 unterschrieb Sabine Rosin den letzten Vertrag. All ihr Geld, 70 700 Euro, hatte sie der Volkssolidarität damit anvertraut. Im Herbst desselben Jahres kam die Pleite ans Licht. "Das muss denen doch längst klar gewesen sein, als die mein Geld genommen haben."

Ihr glückloses Finanzgeschäft füllt mittlerweile einen dicken Aktenordner. "Angeschissen" - und nicht von einem eiskalten Finanzhai, sondern von der Volkssolidarität, dem Sozialverband, der den Anspruch "Miteinander - füreinander - Solidarität leben" postuliert. Vor einer Schadensersatzklage gegen die verantwortlichen Kreisverbände ist Sabine Rosin zurückgeschreckt. Bei der Summe, um die es für sie geht, sind die Verfahrenskosten im Falle eines Misserfolgs beängstigend: Fast 2500 Euro allein für den Rechtsanwalt, an die 16 400 Euro für den Prozess in erster Instanz, weitere knapp 19 000 Euro, wenn es in die zweite geht.

Die Hoffnung, dass zumindest eine der wenigen Zivilklagen bis zum Jahresende entschieden ist und Auskunft gibt über die Chancen des Rechtsstreit, hat sich zerschlagen. Das Landgericht Rostock hat noch immer keinen Verhandlungstermin angesetzt.

In den kommenden Tagen will die Rostockerin darum entscheiden, ob sie wenigstens eine Schlichtung beantragt. Die würde die Verjährung der Ansprüche etwas hinausschieben. Dass die Volkssolidarität eine gütliche Einigung anstrebt, glaubt Sabine Rosin längst nicht mehr. Seit langem äußert sich der Verband nur noch über seine Rechtsanwälte. Brüske Worte in 0815-Briefen an alle betroffenen Anleger. Sabine Rosin erwähnt die Wut über die Volkssolidarität und die Justiz und die Politik, "die für uns kleine Leute nichts tut". Darüber, was sie mit ihrem Geld hätte tun wollen, spricht sie weniger. Ja, für einen Umzug hätte sie etwas gebrauchen können. Nach einem Radunfall - "Ich hatte nicht einmal schuld." - ist der Weg in ihre Wohnung zur Hürde geworden: oberste Etage, im Neubau von Lütten Klein. "Aber vom Fenster sehe ich nur Grün."

Ihr Geld hat Sabine Rosin verloren. Und doch: "Ich habe meinen Garten. Stachelbeeren, Erdbeeren, Himbeeren, Kartoffeln, Rote Beete, Möhren. Alles."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen