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Mecklenburg-Vorpommern

25. November 2017 | 12:32 Uhr

Eine Hymne auf das Nichtstun

vom

svz.de von
erstellt am 01.Nov.2013 | 06:01 Uhr

Das Münchner Trio "Sportfreunde Stiller" hat sich nach einem Trainer aus der bayerischen Bezirksliga benannt. Peter S. Brugger, Rüdiger "Rüde" Linhof und Florian "Flo" Weber deshalb als reine Spaßcombo abzustempeln, wird ihnen aber nicht gerecht. Olaf Neumann traf die Musiker im Ramones-Museum in Berlin und sprach mit ihnen über Freundschaft, Pflichterfüllung, Rechtsradikalität und das neue Album "New York, Rio, Rosenheim"

Dieses Interview findet im Ramones-Museum statt. Was bedeuten Ihnen die Ramones?

Rüdiger Linhof: Ich habe die Ramones in meiner Jugend für mich entdeckt - nach einer Phase mit den Toten Hosen, Deep Purple und Queen. Ich erinnere mich, wie im ersten Frankreich-Urlaub meines Lebens im Auto ständig gestritten wurde, weil der Vater meines Freundes immer Jazz hören wollte. Das war für uns Jungs wahnsinnig anstrengend. Wir konnten uns dann aber auf die Ramones und auf Jazz einigen.

Wieso haben Sie seit Ihrem letzten Studioalbum "La Bum" sechs Jahre vergehen lassen?

Linhof: Dazwischen gab es ja noch die MTV-Unplugged-Platte. Die hat mindestens genauso viel Arbeit gemacht wie eine normale Studioproduktion. Wir mussten dafür das Miteinander-Musizieren komplett neu lernen und haben ein dreiviertel Jahr richtig intensiv gearbeitet. Es brachte uns auf einen neuen musikalischen Weg.

Konnten Sie bei dieser Studioproduktion davon profitieren?

Peter S. Brugger: Auf jeden Fall. Früher musizierten wir eher gegen- als miteinander. Wir haben überhaupt nicht darauf geachtet, wie ein Bass oder ein Schlagzeug funktionieren muss, dass die Musik nach vorne marschiert. Das lernten wir erst durch das Unplugged-Projekt, weil es dort keine Möglichkeiten mehr gab, etwas zu verschleiern. Auch haben wir dabei gelernt, wie man Streicher und Bläser arrangiert.

Auf welche Dinge achten Sie heute mehr als früher?

Linhof: Ganz wesentlich ist, dass ich heute mehr meinem Gefühl vertraue. Früher glaubte ich immer, andere können bestimmte Dinge besser als ich, weshalb ich Verantwortung eher abgegeben habe. Heute kann ich viel konkreter formulieren, wie ein bestimmter Sound oder Groove wirkt und sich anfühlt. Oder ob sich Bassfiguren mit dem Gesang beißen. Diese Erfahrung gab mir völlig neue Ausdrucksmöglichkeiten im Studio. Das Tolle ist, selbst wenn man mal Unrecht hat, hat man trotzdem etwas angestoßen.

2011 und 2012 haben Sie mit den Sportfreunden Stiller pausiert. Wollen Sie mit dem Song "Wieder kein Hit" ausdrücken, dass auch das Nichtstun kreativ sein kann?

Brugger: Das Lied drückt aus, dass man seine Pflicht auch mal nicht erfüllen sollte. Das öffnet den Horizont und kann sehr inspirierend sein. Oftmals meint man, man müsse unbedingt irgendetwas erreichen oder schaffen und verliert sich dann aber darin.

Viele glauben, das Leben als Musiker sei ein einziger Spaß. Ist dem so?

Linhof: Das ist ein schönes und romantisches Bild, weswegen ich auch Musiker geworden bin. Und es stimmt ja, dass man die meiste Zeit sehr viel Spaß hat. Aber es gibt bei uns auch die "Hirnschiss-Zeit", in der man sich neu sortieren muss. Die Regeln sind einfach anders gesetzt als in einem normalen Beruf. Dort gibt es eine Hierarchie und man kotzt vielleicht über den Chef ab. In der Musikbranche hingegen ist man selbst die Person, die sich zusammenreißen und sich seine Leidenschaft und Neugier bewahren muss.

Dient die "Hymne auf Dich" vor allem der Selbstmotivation?

Brugger: Ich finde, es ist für alle Menschen wichtig, sich selber mal zu feiern. Sich nicht von Zweifeln, Ängsten und Druck niederbügeln zu lassen, sondern mal zu schauen, was man für sich geschafft hat. Weil jeder Mensch einzigartig ist. Ich weiß, dass es manchmal schwierig ist, sich selbst zu feiern, wenn man im Strudel drin hängt. Aber diesen Gedanken kann man ruhig mal zulassen.

"Festungen & Burgen" zum Beispiel thematisiert die Sprachlosigkeit und Unfähigkeit von Menschen, im Leid Gefühle zu teilen. Wo haben Sie dies beobachtet?

Brugger: Diese Beobachtungen habe ich sowohl an mir selbst als auch an Menschen gemacht, die mir nahe sind. Es ist einfach wahnsinnig schwer, über tiefe Verletzungen zu sprechen. Und gleichzeitig ist es der erste Schritt zur Gesundung. Gerade in unserem Alter hat sich vieles aufgestaut. Jeder Mensch hat Rückschläge und Tiefschläge erlebt. Aber man darf sich nicht in seiner Festung einbuddeln.

Können Männer mit Hilfe der Musik leichter über Gefühle sprechen?

Brugger: Wir machen etwas sehr Emotionales, jeder bringt ganz intime Gedanken mit ein. Darin liegt auch eine Gefahr, denn gerade in dem Moment, wo man eine Idee vorbringt, ist man sehr verletzlich. Die Vermischung von Egos, Freundschaft und Geschäft macht es oftmals sehr kompliziert. Aber auch wahnsinnig interessant.

Eine Ihrer Singles hieß "Antinazibund". Im Titelsong des neuen Albums wird diese Thematik wieder aufgegriffen. Erreicht man Menschen überhaupt mit solch schweren Themen?

Linhof: Manchmal ist es einfach wurscht, wie die Leute da draußen etwas finden, manchmal sollte man es einfach nur machen. Ich will für solch ein Lied nicht bejubelt werden, ich will einfach nur sagen: Es ist so eine Scheiße, dass es dieses Gedankengut noch immer gibt. Wir sehen es und es kotzt uns an. Es wäre super, wenn der eine oder andere auch auf diese Umtriebe achten würde. Nur wenige Jahre nach "Antinazibund" hat sich herausgestellt, dass mordende Truppen durch Deutschland gezogen waren und dass unschuldige Ausländer mafiöser Umtriebe verdächtigt worden sind. Das Land war auf dem rechten Auge blind.

Trotz eines mannigfaltigen Engagements sind Rassismus und auch Antisemitismus nach wie vor ein großes Problem…

Brugger: Ich kenne das Gefühl, sich entmutigen zu lassen, aber auf der anderen Seite stellen wir in den Raum, dass es nichts Stärkeres gibt als positive Energie. Wir rufen dazu auf, diese Positivität zu leben. Dieser Gedanke hat für mich etwas Tröstliches. Neben all dem Mist, der auf der Welt passiert, passieren auch immer wieder schöne zwischenmenschliche Dinge.

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