Ballett in Schwerin : Eine heitere Andacht

Szene aus „Die Schöpfung“
Szene aus „Die Schöpfung“

Das Oratorium „Die Schöpfung“ von Joseph Haydn als Ballett in Schwerin

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19. März 2018, 11:45 Uhr

Nyx, die Nacht, wird von der Morgenröte vertrieben, Apollon, der Musenführer, fährt in den Tag. Im Gefolge Terpsichore, die Muse des Tanzes, mit der Harfe über der Schulter. Die Szene des Schmuckvorhangs im Schweriner Theater könnte Joseph Haydn ebenso angeregt haben wie die Genesis im Alten Testament. Mit dem Himmelsbild zum Chaos-Klang stimmt Jutta Ebnother pointiert auf ihre Tanz-Schöpfung zum Oratorium „Die Schöpfung“ ein. Also der Urknall, den die Kosmologie annimmt, wird hier nicht nachgestimmt. Es ist das Urwunder göttlicher Erschaffung der Welt, das bei Haydn aufklingt: „Und eine neue Welt entspringt.“ Aus düsterem c-Moll des Chaos‘ wird strahlendes C-Dur, wenn „Licht ward“, und dann strahlt klangmalerisch Lebenslust über der Welt, in der Mensch und Natur harmonisch verbunden werden. Da ist Haydn dem französischen Aufklärer Rousseau nahe und lässt es erschallen: aufgewühlt, idyllisch, hymnisch, fröhlich, beseelt.

Michael Ellis Ingram musiziert das mit der Mecklenburgischen Staatskapelle transparent, frisch, dynamisch flexibel und führt dazu die hervorragenden Gesangssolisten Katrin Hübner, Stefan Heibach und Sebastian Kroggel sowie den wohlgestimmten Opernchor samt Singakademie im Proszenium zusammen zu hochgespannter Klangpräsenz. Sie trägt den Tanz.

Die Choreographin fügt dem Oratorium die Dimension des Bildnerischen bei. Das ist keine Illustration. Ihre Kreation schafft zu Haydns phantasiereicher Musik phantasierte Allegorien vom Werden des Daseins aus dem Chaos hin in eine noch heile Welt, zum humanen Glück. Sie zeigt urige Wesen, die aus amorpher Masse heraus Gestalt annehmen, sich ins Leben winden, sich paaren, flattern, springen. Sie figuriert verschränkte Skulpturen, die vital werden, aufwachsen. Sie formuliert Gruppen, Soli, Duette, Terzette aus den sportiven Elementen des modernen Tanzes, gemischt mit klassischem Material, dem sie oft vibrierende Schnörkel aufsetzt. Expressive Körper-Lyrik ohne Reim. Dazu Tableaus, in denen die Sonne erscheint wie ein Ufo, der blaue Planet als Spielball gerollt wird, ein bewegtes Seidentuch, dessen Farbpracht an Chagall denken lässt, ungestümes Werden von Umwelt markiert. Und, ideale Idee, die singenden Engel Gabriel, Uriel und Raphael werden als Beobachter ins Geschehen einbezogen. Auf einer Bühne aus Tüchern, wandelnden Wänden und Lichtstäben von Flurin Borg Madsen, die an Weite des Weltalls erinnern könnte.

Das kleine internationale Ensemble, im schwarzen Dress mit weißer Gravur oder zarten Kostümen von Adriana Mortelliti, schöpft sein Potential intensiv aus, da pulsieren Formsinn und Spiellust, oft auch in prägnanten Soli, so von Fem Rosa Has, Magdalena Pawelec und Ennio Zappalá.

Im Nebel, der sogar aus dem Orchestergraben aufsteigt, finden sich Adam und Eva. Jetzt strömt es klassisch, wie Publikum es liebt. Im Pas de deux voller ästhetischer Effekte imaginieren die souverän elegante Eliza Kalcheva und der virile Dan Datcu die „Krone der Schöpfung“ mit Staunen, Anmut, Innigkeit.

Ebnothers Ballett ist kein religiöses Ritual. Visionär nimmt es göttliches Geschehen als menschliches: „Mit Würd‘ und Hoheit angetan, mit Schönheit, Stärk‘ und Mut begabt ...steht der Mensch“, wie Uriel verkündet. Es ist eine heitere Andacht.

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