zur Navigation springen

Schweriner Eugen-Onegin-Premiere : Eine Griechin erobert den Theaternorden

vom

Dass die griechische Sängerin Stamatia Gerothanasi den kürzesten Weg zu dieser Partie genommen hat, kann man nicht sagen. Doch wird sie bei der Premiere am Freitag die Tatjana in der Oper "Eugen Onegin" singen.

svz.de von
erstellt am 09.Apr.2013 | 10:33 Uhr

Schwerin | Nein, dass die griechische Sängerin Stamatia Gerothanasi den kürzesten Weg zu dieser Partie genommen hat, kann man nun nicht gerade sagen. Jedenfalls wird sie bei der Premiere am Freitag im Großen Haus des Mecklenburgischen Staatstheaters die Tatjana in Peter Tschaikowskis Oper "Eugen Onegin" singen.

Moment, wir wollen genau sein. Tschaikowski hat sein Werk nach Alexander Puschkins Versroman ausdrücklich nicht Oper, sondern "Lyrische Szenen" genannt. Weil er bei der Dramatisierung der Puschkin-Verse weniger Wert auf einen straffen Handlungsablauf legte, sondern sich eher auf die vom Dichter angelegten poetischen Zwischentöne konzentrierte.

"Ob nun Oper oder Lyrische Szene, das macht für eine Sängerin keinen großen Unterschied", verrät Stamatia Gerothanasi gestern beim Gespräch in der Theaterkantine. Die junge Sopranistin vergleicht für sich die einzelnen Szenen mit den Seiten eines Tagebuchs, in denen Tatjana blättert. Erste Seite: Alltag auf dem Landsitz der Gutsbesitzerwitwe Larina, die dort mit ihren Töchtern Olga und Tatjana lebt. Zweite Seite: Die 17-jährige Tatjana hat sich in den arroganten Großstadtmenschen Onegin verliebt und schreibt ihm einen Brief. Dritte Seite: Onegin lässt Tatjanas Träume platzen. Und so weiter bis zum letzten Bild, zur letzten Tagebuchseite: Tatjana hat inzwischen den Fürsten Gremin geheiratet. Onegin erscheint auf einem Ball und verliebt sich nun nach Jahren in die gereifte Tatjana. Auch sie gesteht ihm ihre Liebe, ist aber nicht bereit, ihren Gatten zu verlassen. Zurück bleibt ein verzweifelter Onegin.

Man darf gespannt sein auf Stamatia Gerothanasis Tatjana, zumal die Figur nach dem dritten Akt gealtert ist. Die Sopranistin vermag aus dem Stegreif ein tiefes Psychogramm ihrer Figur zu zeichnen. "Tatjana ist noch so jung und offen, auf ihre melancholische Art versteht sie die Welt so tief, dass es fast wehtut. Aber sie kann ihre innere Stärke und und das große Potenzial, das in ihr schlummert, noch nicht zeigen. Warum macht sie sich so klein vor Onegin? Das ist die große Tragödie. Ihre Schwester Olga ist da viel unbekümmerter. Diese Leichtigkeit des Seins hat Tatjana noch nicht."

Das hätte eine Musikwissenschaftlerin kaum besser ausdrücken können. Aber genau das ist Stamatia Gerothanasi auch, um nun endlich auf den oben angedeuteten langen Weg auf die Schweriner Opernbühne zu kommen, den die griechische Künstlerin zurückgelegt hat.

In Thessaloniki geboren und gemeinsam mit ihrer Schwester in einem eher musikfernen Akademikerhaushalt aufgewachsen, war das Bestreben der Eltern, Stamatia den Weg zu einer sicheren Universitätskarriere zu weisen.

Also begann sie mit 18, Musikwissenschaft zu studieren und mit 25 Jahren, eine Doktorarbeit zu schreiben - zur "Dramaturgie der griechischen Oper". Eigentlich sollte sie dann mit 28 beginnen, an der Uni zu arbeiten. "Aber ich wollte immer nur singen, das ist meine Leidenschaft." Die Begeisterung der Eltern, sie Professorin für Chemie, er Linguistik-Professor, kann man sich ausmalen.

"Mal koboldhaft spritzig, mal versonnen romantisch"

Da hatte Stamatia Gerothanasi aber schon einige Jahre Gesangsunterricht genommen und in Athen an Opernproduktionen mitgewirkt. Wo ihr ein deutscher Korrepetitor riet, sich an der Hochschule für Künste in Essen zu bewerben. Dort studierte sie dann noch einmal vier Jahre Gesang und schrieb parallel in Thessaloniki ihre Doktorarbeit zu Ende. Ende Juni wird sie sie verteidigen, und, toi, toi, toi, Schwerin eine Opernsängerin mit Doktortitel im festen Ensemble haben.

Für Stamatia Gerothanasi ist es fast unglaublich, dass sie gleich in ihrem ersten Jahr in Schwerin, in ihrer dritten Partie am Staatstheater, die Tatjana singen wird.

Vielleicht könnte man aber auch einfach nur sagen, sie singt diese Rolle, weil sie schon als Susanna in "Figaros Hochzeit" Publikum und Kritik überzeugt hat. Die Zuschauer jubeln, der Kritiker des Fachzeitschrift Opernnetz schreibt: "Mal koboldhaft spritzig, mal verliebt versonnen romantisch macht sie Susanna … mit viel Spiellust und einem fröhlichen Sopran zum Angelpunkt der Aufführung."

Nein, reden wir heute mal nicht über die Krisen in den Ländern des Südens, freuen wir uns einfach nur über eine sympathische Griechin im hohen Theaternorden.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen