Prozess gegen vier Rocker : Eine fast tödliche Verwechslung

Im Prozess gegen vier Motorradrocker haben Zeugen am Landgericht Cottbus ihre Beobachtungen geschildert. Die Angeklagten sollen einen 16- Jährigen brutal überfallen haben - sie hielten ihn für einen Hells Angel.

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12. März 2013, 09:50 Uhr

Cottbus | Im Prozess gegen vier Motorradrocker wegen versuchten Mordes haben erste Zeugen gestern am Landgericht Cottbus ihre Beobachtungen geschildert. Zwei von ihnen beschrieben, wie sie sich in der Nacht zu Silvester 2011 mit Freunden und dem 16-jährigen späteren Opfer des brutalen Angriffs in Königs Wusterhausen (Dahme-Spreewald) vor dem Bahnhof trafen. Der Jugendliche sei dann allein weitergegangen und kurz darauf von einer Gruppe schwarzgekleideter Männer verfolgt worden. Später hätten sie von dem Überfall auf ihn und seinen schweren Verletzungen gehört.

Die Angeklagten im Alter von 23 bis 37 Jahren aus dem Raum Cottbus und aus Plauen (Sachsen) wurden wieder in Handschellen in den Saal geführt, der von bewaffneten Polizisten bewacht wurde. Dort saßen unter strengen Sicherheitsregeln auch etwa zehn Anhänger der Szene. Die vier Mitglieder des Clubs Gremium MC Nomads Eastside müssen sich wegen brutaler Schläge und einer lebensgefährlichen Messerattacke gegen den Jugendlichen verantworten, der zufällig am Tatort war. Sie sollen den 16-Jährigen halbtot geschlagen haben, weil sie ihn laut Anklage für ein Mitglied der verfeindeten Hells Angels aus Frankfurt (Oder) hielten.

Ein 23-jähriger Zeuge berichtete, wie er in der Tatnacht mit Freunden nach Königs Wusterhausen fuhr, um das spätere Opfer zu treffen. "Wir haben beide am selben Tag Geburtstag, und ich habe ihm gratuliert und ein kleines Geschenk übergeben." Dann habe er gesehen, wie eine Gruppe von etwa 30 Männern in die Diskothek am Bahnhof ging und etwas später wieder herauskam. Einige von ihnen seien in Richtung Bahnhofstraße gerannt, wo der Schüler hingegangen sei. "Wir fuhren mit dem Auto um den Block und von der anderen Seite in die Bahnhofstraße, wo wir den Jugendlichen sahen", erzählte der Zeuge. "Ich hielt kurz an, betätigte die Lichthupe und rief nach ihm, doch er reagierte nicht und humpelte zur Wohnung von Freunden." Von dort sei später ein Anruf gekommen, dass der 16-Jährige mit blutenden Stichwunden ins Krankenhaus gekommen sei.

Eine 17-Jährige, die ebenfalls in dem Auto saß, bestätigte den Bericht des 23-jährigen Zeugen. Auch sie habe mehrere Männer hinter dem Jugendlichen herlaufen gesehen. "Sie müssen ihn mit jemandem verwechselt haben. Er ist ein ruhiger Typ und hat nichts mit der Rockerszene zu tun", sagte die Auszubildende. Das Opfer ist Nebenkläger, war aber gestern nicht mit im Saal. Wann der inzwischen 17-Jährige als Zeuge vernommen wird, ist noch unklar.

Das Schwurgericht wies zum Beginn einen Antrag der Verteidigung, den Prozess auszusetzen, als unbegründet zurück. Die Verteidiger hätten genügend Zeit zur Akteneinsicht gehabt, hieß es. Der Auftakt des zweiten Prozesstages hatte sich wegen des Winterwetters verzögert. Einer der Angeklagten konnte deshalb aus der Haftanstalt Brandenburg/Havel nicht rechtzeitig im Gericht erscheinen. Die vier Angeklagten schweigen seit Prozessbeginn am Freitag zu den Vorwürfen. Die Schwerpunktstaatsanwaltschaft für das Bekämpfen der Organisierten Kriminalität in Frankfurt (Oder) wirft ihnen auch räuberische Erpressung, gefährliche Körperverletzung, schweren Hausfriedensbruch und Waffendelikte vor.

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