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25 Jahre Mauerfall : Eine Chance zurückzuschauen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Menschenrechtler Heiko Lietz hat das Geleitwort zum Buchprojekt „Momente deutscher Unschuld“ geschrieben / Lesung am 30. April

Was bewog Leser dazu, in der Wende an ihre Zeitung zu schreiben? Und wie stehen sie 20 Jahre später zu dem, was sie damals formuliert hatten? Rainer Lehmann aus Stralendorf hat dies in seinem jetzt erschienenen Buchprojekt „Momente deutscher Unschuld“ untersucht. Das Geleitwort stammt aus der Feder des Menschenrechtlers und Theologen Heiko Lietz. Karin Koslik sprach mit ihm.

Herr Lietz, wie kam es zu diesem Geleitwort?

Lietz: Rainer Lehmann hatte mich vor Jahren aufgesucht, weil er mich als Zeitzeugen befragen wollte. Er selbst hatte die Wende ja nur aus der Ferne beobachtet, weil er damals an der Trasse war. Sein Projekt, von dem er mir bei der Gelegenheit erzählte, hat mich fasziniert – und es hat seitdem viele weitere Treffen gegeben. Seine Bitte, ein Geleitwort zu schreiben, habe ich daher gern erfüllt.

Haben Sie selbst eigentlich in der Wende auch Leserbriefe geschrieben?

An Zeitungen nicht. Dafür habe ich seit 1986 sehr viel Kritisches im „Friedensnetz“ publiziert, einem innerkirchlichen Informationsblatt für Friedensgruppen, Kirchgemeinden und alle Interessierten, die sich für Frieden, Gerechtigkeit und gesellschaftliche Veränderungen in der DDR einsetzten.

Viele Leserbriefschreiber, so erzählt Herr Lehmann, hätten sich später von ihren Zuschriften aus der Wende distanziert oder sogar geleugnet, damals geschrieben zu haben. Muss man sich tatsächlich heute dafür schämen, wofür man sich einmal eingesetzt hat?

Moralische Kategorien wie Scham halte ich in diesem Zusammenhang nicht für angemessen. Jeder hat ja seine eigene Geschichte, seine individuellen Prägemuster, aus denen heraus er geworden ist, was er ist. Wenn Menschen ihren Bewertungshorizont ausschließlich aus der Staatsideologie gezogen haben, war es für sie besonders schwer, plötzlich mit einer ganz anderen Wertesicht konfrontiert zu werden. Sie mussten ihre eigenen Entscheidungen hinterfragen und sie gegebenenfalls korrigieren oder sich sogar davon distanzieren.

Pauschalurteile sind hier nicht angebracht. Ich rate dazu, den Menschen zuerst zuzuhören, sie erzählen zu lassen, was die Beweggründe für ihr Handeln waren. In einem nächsten Schritt wäre dann zu fragen, nach welchen Kriterien das zu beurteilen ist. Für mich maßgeblich sind zunehmend Kriterien jenseits aller Religion und Ideologie geworden: Das weitestgehende Wertesystem ist seit 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Es beansprucht universale bedeutung. Auch unsere heutige Gesellschaft wird diesen Kriterien nur zum Teil gerecht.

Auch Rainer Lehmann bewertet in seinen Büchern bewusst nicht…

Nein, er stellt lediglich Positionen bestimmter Leute dar: Wie sahen sie in der Wende aus, wie 20 Jahre später. Für den Leser ist es interessant zu schauen, welche Entwicklung ein Mensch in diesem Zeitraum genommen hat: Hat er erkannt, dass er zu kurz gedacht hat? Hat er sein Wertesystem beibehalten, oder spielen inzwischen andere Werte eine größere Rolle für ihn? Das Reizvolle an dem Buchprojekt ist, dass darin fast jeder jemanden findet, zu dem er in seinem eigenen Leben Parallelen entdecken kann. Und es muss wirklich niemand Angst vor der Lektüre haben. Rainer Lehmann hat eine offene Art, die nicht drängelt, sondern die einfach die Chance eröffnet, auch noch einmal auf das eigene Leben seit der Friedlichen Revolution zurückzuschauen.

Das würde allerdings später Geborene von der Lektüre ausschließen.

Unter denjenigen, die nach 1989 geboren wurden, gibt es viele wache junge Leute, die fragen, wie das damals eigentlich war. Für sie wäre es lohnend, im Buch nachzulesen, wie die Eltern- und die Großelterngeneration in der DDR gedacht, wie sie sich verhalten haben. Denn in vielen Elternhäusern wird bis heute nicht offen und ehrlich darüber gesprochen. Großeltern geben da schon eher Auskunft.

Ich sehe in dem Buch aber auch Ansätze für jede Menge schulischer Projekte. Das beginnt bei politisch-biografischen Forschungsaufträgen und führt bis zu der Frage nach der Rolle von Chefredakteuren und Journalisten: Erst als die Allmacht der SED gebrochen wurde, begann die Freiheit der Leserbriefe. Erst dann trauten sich die Redakteure mehr und mehr, auch kritische Leserzuschriften abzudrucken.

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erstellt am 22.Apr.2014 | 20:00 Uhr

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