"Eine außergewöhnlich hässliche Tat"

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07. Mai 2013, 09:11 Uhr

So viel Andrang ist ungewöhnlich: Nahezu jeder Platz im Plenarsaal des Rostocker Gerichts war zur gestrigen Urteilsverkündung besetzt. Mehr als ein Dutzend Fotografen und Kameraleute drängten sich um den Angeklagten. Der nahm Sonnenbrille und Kapuze erst ab, als die Richter den Saal betraten und weitere Aufnahmen untersagten. In Sichtweite schräg gegenüber von Mario B. nahm Rebecca Platz, als Nebenklägerin sitzt sie am gleichen Tisch wie der Staatsanwalt. Dezent geschminkt, das schwarze Haar offen, aufrecht. Aufmerksam folgte die 17-Jährige den Worten des Vorsitzenden Richters. Neuneinhalb Jahre Haft wegen besonders schwerer Vergewaltigung, gefährlicher Körperverletzung und Freiheitsberaubung für ihren Peiniger Mario B., hört sie. Und dann das, was viele erwartet und wohl auch erhofft hatten: anschließend Sicherungsverwahrung. Das heißt, B. kommt nicht automatisch frei, wenn er seine Strafe verbüßt hat.

Dem 28-Jährigen merkt man keine nennenswerte Gemütsregung an. Er kaut Kaugummi, schaut das Gericht an, das ihn ermahnt, weil er während der Urteilsbegründung mit seinem Verteidiger redet. Vielleicht sagt er ihm schon jetzt, dass er mit dem Urteil nicht einverstanden ist. Verteidiger Henning Köhler kündigt gleich nach Prozessende an, dass er das Urteil anfechten wird.

Aber zuvor hört Rebecca, die vier Tage in der Gewalt von Mario B. war, ihre Leidensgeschichte ein weiteres Mal. Gut eine Stunde nimmt sich der Vorsitzende Richter Wolfgang Strauß Zeit für die Begründung. Auch für ihn ein "außergewöhnliches Verfahren", das wegen des großen Interesses extra vom Landgericht ins größere Oberlandesgericht verlegt wurde. "Eine außergewöhnlich hässliche und abstoßende Tat", sagt er.

Es begann nachts im Oktober 2012, als Rebecca auf dem Heimweg von der Disco war. Zu Fuß, weil sie erst an der Bushaltestelle bemerkte, dass ausgerechnet ab dieser Nacht der Winterfahrplan galt. Der gewohnte Bus fuhr eine Stunde später. Eine lange Zeit, also läuft sie los. Bis Mario B. am Dierkower Damm von hinten mit dem Rad auf sie prallt. Offenbar nicht zufällig. Von Beginn an hat er ein sexuelles Interesse verfolgt, ist das Gericht überzeugt. Sofort geht er mit dem Messer auf das Mädchen los, das sich nach Kräften wehrt. Rebecca trägt tiefe Schnittwunden davon, blutet stark. Die Verletzungen und der hohe Blutverlust werden sie auch die kommenden Tage schwächen. Der weitere Verlauf ist weitgehend bekannt: Dem erzwungenen Oralverkehr an Ort und Stelle folgen in den kommenden Tagen noch zwei Vergewaltigungen in B.’s Wohnung. Sie bekommt nichts zu essen und wenig zu trinken, lebensgefährlich bei dem hohen Blutverlust. Er fesselt und knebelt sie, wenn er die Wohnung verlässt. Die Wunden, nur notdürftig versorgt, brechen wieder auf, als er sie bei einem Fluchtversuch erwischt - und ihr wütend das Nasenbein bricht. Als Mario B. am Tag 4 erneut die Wohnung verlässt, um seine Betreuerin zu treffen und in der Stadt Blut zu spenden, wagt sie noch einmal die Flucht. Sie springt aus dem Fenster zum Hof, bricht sich einen Wirbel. Aber die Flucht gelingt.

Wer weiß, wie es sonst ausgegangen wäre für Rebecca. Das Gericht jedenfalls hält den mehrfach, auch einschlägig, vorbestraften Mario B. für "eine tickende Zeitbombe". Er erfülle nahezu alle Kriterien für die Verhängung von Sicherungsverwahrung - und die Hürden sind hoch. Keinerlei Mitgefühl, Hang zu Gewalttaten. Einer, der "mit hoher Wahrscheinlichkeit erneut schwere Straftaten begeht", hatte auch ein erfahrener psychiatrischer Gutachter festgestellt. Allein sein Geständnis halten ihm die Richter zugute. Ob B. in gut einem Jahrzehnt tatsächlich in Sicherungsverwahrung muss, hängt dem Richter zufolge auch davon ab, wie er Therapieangebote während der Haft nutzt. Staatsanwalt Stephan Seroka scheint am Ende enttäuscht. Er hatte mit fast 12 Jahren eine deutlich höhere Haftstrafe verlangt, wird aber eher nicht in Revision gehen.

Und Rebecca? Sie wirkt stark. Mit den Medien spricht sie nicht. "Es geht ihr den Umständen entsprechend gut", sagt ihre Mutter. Jetzt werde sich ihre Tochter erstmal um ihr Abitur kümmern. "Wir akzeptieren das Urteil", sagt sie. Alles andere wird die Zukunft zeigen.

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