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Mecklenburg-Vorpommern

18. Oktober 2017 | 16:55 Uhr

Betreuung : Eine Atempause für die Familie

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Martina Hackel und andere Ehrenamtler vom Helferkreis Schwerin springen stundenweise bei der Betreuung Demenzkranker, die zu Hause gepflegt werden, ein

svz.de von
erstellt am 24.Jan.2014 | 11:30 Uhr

Der Ball ist rot- weiß und kuschlig weich. Eigentlich kann man gut verstehen, dass Irma Köth ihn gar nicht hergeben mag. Martina Hackel lockt trotzdem immer wieder: „Werfen Sie den Ball doch mal zu mir. Bitte.“

Doch die demenzkranke Seniorin, die im Rollstuhl sitzt, hat heute keine Lust zum Spielen. „Morgen wird das ganz anders aussehen“, ist ihre Tochter Renate Lübbert überzeugt. „Denn an jedem vierten Tag lebt meine Mutti regelrecht auf. Sie ist morgens schon hellwach und möchte etwas unternehmen. An diesen Tagen kann man sich mit ihr phasenweise auch noch genauso unterhalten wie früher. Und sie ist den ganzen Tag glücklich – keine Ahnung, warum das so ist.“


Seit drei Jahren regelmäßiger Besuch


Auch Martina Hackel kennt inzwischen die großen und kleinen Eigenheiten der 90-Jährigen. Schließlich kommt sie schon seit drei Jahren als ehrenamtliche Betreuerin vom Helferkreis Schwerin in die Familie. „Anfangs konnten Frau Köth und ich noch zusammen ,Mensch-ärgere-dich-nicht‘ spielen, und wenn es draußen warm war, sind wir viel zusammen spazieren gegangen“, erzählt Martina Hackel. Inzwischen sei die alte Dame körperlich und geistig nicht mehr so mobil. „Also schauen wir uns auch einfach mal zusammen einen Tierfilm im Fernsehen an. Aber zwischendurch versuche ich immer wieder, Frau Köth ein bisschen zu aktivieren – wie eben mit dem Ball.“

Renate und Eckard Lübbert sind dankbar für die Entlastung durch die ehrenamtliche Helferin. Als sie vor drei Jahren in ein Reihenhaus in Schwerin-Friedrichsthal zogen, hatten sie die Mutter ganz bewusst bei sich aufgenommen. Irma Köth hatte zuvor lange in einer betreuten Wohnung und schließlich ein gutes Jahr lang im Pflegeheim gelebt. „Da hatte sie zwar mehr soziale Kontakte, aber richtig aufgelebt ist sie immer nur, wenn ich bei ihr war“, erklärt die Tochter. Bis zu fünf Stunden täglich sei sie bei der Mutter gewesen – ein Dauerzustand aber war das nicht. Deshalb entschied das Ehepaar sich schließlich, mit der Mutter zusammenzuziehen.

Renate Lübbert kann als Heilpraktikerin zu Hause arbeiten, sie ist also fast immer in der Nähe und kann die Mutter versorgen, soweit das nicht der Pflegedienst tut. Dennoch gibt es Situationen, in denen das nicht funktioniert – wenn sie Fortbildungen besucht beispielsweise, und einmal wöchentlich, wenn das Ehepaar abends zum Sport geht. Dann springt Martina Hackel ein.

Die 52-Jährige arbeitet vier Stunden täglich im Service- und Reinigungsbereich eines Pflegeheimes. Von dort kennt sie den Umgang mit Demenzkranken. „Als ich dann in der Zeitung las, dass der Helferkreis Schwerin Ehrenamtler sucht, die sich um Demente kümmern, habe ich mich angesprochen gefühlt“, erinnert sich Martina Hackel. „Denn ich hatte ja genug Freizeit, und in der wollte ich etwas Sinnvolles machen.“


Angehörige müssen selbst gesund bleiben


Schon seit 2007 ist der heute bei der Comtact GmbH angesiedelte Helferkreis in Schwerin aktiv. Sozialministerium und Pflegekassen finanzierten ihn fünf Jahre lang anteilig als Modellprojekt – alarmiert dadurch, dass die Zahl der Demenzkranken sprunghaft anstieg, es aber kaum niedrigschwellige Hilfsangebote für sie und ihre pflegenden Angehörigen gab.

„Wir wollen Angehörige entlasten, die zu Hause Demenzkranke betreuen“, erklärt die Projektverantwortliche Susanne Müller. „Denn Demenzkranke wollen und sollen so lange wie möglich in ihrer gewohnten häuslichen Umgebung bleiben können. Das geht aber nur, wenn die Angehörigen, die sich um sie kümmern, auch einmal den Kopf freibekommen und an sich selbst denken oder ganz einfach auch nur dringende Angelegenheiten außer Haus erledigen können.“

Das Problem ist ein bundesweites: Etwa 1,4 Millionen Demenzkranke gibt es gegenwärtig. Gut zwei Drittel von ihnen werden oft über Jahre zu Hause betreut. Die damit verbundene Belastung bringt pflegende Angehörige an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit und macht sie nicht selten selbst krank.

Dass es für sie Hilfsangebote gibt, wissen viele nicht, weil sie sich durch die Betreuung ihres demenzkranken Angehörigen mehr und mehr isolieren. „Vielen Angehörigen fällt es aber auch einfach schwer, loszulassen und Hilfe anzunehmen. Manche schämen sich sogar, weil sie es allein nicht mehr schaffen. Aber nach zwei, drei Einsätzen unserer Ehrenamtler merken dann auch sie, dass es eine echte Entlastung ist“, weiß Susanne Müller.


Helfer im Alter zwischen 30 und 81 Jahren


Gegenwärtig engagieren sich 21 Ehrenamtler (pro Einsatz bekommen sie lediglich eine Aufwandsentschädigung von 6 Euro) im Helferkreis. Sie alle haben eine 40-stündige Schulung absolviert, in der ihnen Grundwissen über die Demenz und den Umgang mit Erkrankten vermittelt wurde. „Die jüngste Ehrenamtlerin ist 30 Jahre alt, unser Ältester bereits 81“, so Susanne Müller. Längst nicht alle haben beruflich mit der Alten- oder Krankenpflege zu tun – das, so Susanne Müller, sei auch gar nicht nötig, schließlich ginge es bei ihren Einsätzen ja nicht um pflegerische Dienste, sondern um die soziale Betreuung der Demenzkranken.

Die erfolgt nicht nur zu Hause. Regelmäßig trifft sich eine Angehörigengruppe, in der sich Betroffene austauschen können, während parallel dazu die Demenzkranken betreut werden. Ab 4. Februar soll es außerdem jeweils dienstags im „Café Kisch“ eine Betreuungsgruppe für Demenzkranke geben.


Jede Woche wieder
dieselben Fragen


Fast alle, die die Dienste des Helferkreises in Anspruch nehmen, bezahlen sie wie Renate Lübbert aus Zusatzleistungen der Pflegeversicherung. „Meine Mutti bekam das Geld schon, als sie noch im Betreuten Wohnen lebte. Inzwischen sind ihr sogar 200 Euro zugestanden worden – und die nutzen wir auch voll aus.“

So kommt Martina Hackel außer zum (Sport-)Termin an jedem Dienstagabend bei Bedarf auch öfter, um sich um Irma Köth zu kümmern. „Deshalb kennen wir uns gut. Trotzdem fragt mich Frau Köth jedes Mal wieder nach meinem Mann, den Kindern und woher ich komme“, erzählt die Ehrenamtlerin schmunzelnd. „Das ist die Krankheit… Aber sie ist eine ganz Liebe, wir haben uns von Anfang an richtig gut verstanden“, betont Martina Hackel. Irma Köth lächelt dabei. Aber den Ball hält sie weiter ganz fest.

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