Junges Staatstheater Parchim : Einbruch in eine heile Welt

Ungebetener Gast: John Barrett (Nils Höddinghaus, mitte) taucht ganz plötzlich im Lebens von Sally und Mark Driscoll (Marlene Eiberger, Julian Dietz) auf.
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Ungebetener Gast: John Barrett (Nils Höddinghaus, mitte) taucht ganz plötzlich im Lebens von Sally und Mark Driscoll (Marlene Eiberger, Julian Dietz) auf.

Mit „Dangerous Obsession“ bringt das Junge Staatstheater Parchim einen packenden Psychothriller auf die Bühne

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02. Mai 2017, 08:00 Uhr

Sally und Mark Driscoll führen eine ganz normale Ehe. Eine, in der ein Kuss zur Begrüßung selbstverständlich ist. Eine, in der der Satz „Ich liebe dich“ noch ausgesprochen wird. Eine, in der auch mal die Fetzen fliegen - und in der die Versöhnung dann umso schöner ist.

In diese heile Welt dringt eines Tages John Barrett ein. Sally hält den bieder anmutenden Anzugträger für einen Vertreter und versucht, ihn so schnell wie möglich wieder loszuwerden. Doch Barrett lässt sich nicht abwimmeln - denn wie sich herausstellt, ist es nicht seine erste Begegnung mit den Driscolls. Während Sally , die offenkundig gern dem Alkohol zuspricht, an jenes Wochenende in einem Landhotel nur noch fragmentarische Erinnerungen hat - sorry, Filmriss -, weiß der wenig später heimkehrende Mark offenbar sofort Bescheid. Höflich bietet er dem Besucher einen Drink an, macht aber auch deutlich, dass es der einzige bleiben wird - man erwarte Gäste.

Doch Barrett denkt nicht ans Gehen. Von den Eheleuten unbemerkt, verschließt er in deren luxuriösem Anwesen Fenster und Türen, entschärft die Alarmanlage, kappt die Telefonleitung - und der Zuschauer ahnt zum ersten Mal, dass die heile Welt gleich Risse bekommt.

Oder gab es sie nie? Während Driscolls hektisch einen Drink nach dem anderen kippen, konfrontiert ihr ungebetener Gast sie mit Details aus der Vergangenheit, die zutiefst schockieren - und die an den Grundfesten dieser plötzlich gar nicht mehr so glücklichen Ehe rütteln.

„Dangerous Obsession“ des britischen Erfolgsautors N.J. Crisp ist auch in der deutschen Fassung von Renate und Christian Quadflieg ein packender Dialogthriller, der schon an verschiedenen deutschen Theatern - unter anderem sogar in einer plattdeutschen Version - für Begeisterung sorgte. Auch am Jungen Staatstheater Parchim wurde das Stück mit dem - nicht ganz wortgetreu übersetzten - deutschen Untertitel „Gefährliche Belagerung“ am Wochenende vom Premierenpublikum mit viel Applaus aufgenommen. Schon im Vorfeld war das Interesse so groß, dass die Theaterleitung kurzerhand am Freitagabend noch einen weiteren Termin vor der eigentlich am Sonnabend in der Theatergaststätte geplanten Premiere ansetzte.

Regisseurin Franziska Ritter, die zum ersten Mal mit dem Parchimer Ensemble arbeitete, schaffte es, einen Spannungsbogen aufzubauen, der bis zum Schluss anhielt und in dem sich immer wieder neue Sichtweisen auf die einzelnen Charaktere eröffneten. War man anfangs noch geneigt, in der dauerbeschwipsten Sally (voller Inbrunst von Marlene Eiberger gespielt) die Verursacherin alle Probleme zu sehen, neigte man später dazu, Mark (Julian Dietz mit überzeugend großmännischem Gehabe) als herzlosen Schuft zu verurteilen. Oder war es doch vor allem John Barrett (Julian Höddinghaus mit zwei gleichermaßen glaubhaften Gesichtern), der hier ein perfides Spiel mit seinen Gastgebern wider Willen trieb?

„Dangerous Obsession“ wurde zwar schon vor knapp 30 Jahren uraufgeführt, ist aber dennoch hochaktuell. Denn die Fragen, wie viele Lügen eine Partnerschaft verträgt, wo Moral ihre Grenzen hat und warum sich Menschen in einer bestimmten Situation so und nicht anders verhalten, stellen sich auch heute - in jeder Art von Beziehung.

N.J.Crisp, der 2005 verstarb, soll seinerzeit die Inszenierungen seiner Stücke sehr genau beobachtet und auch mit Kritik an einzelnen Aufführungen nicht hinter dem Berg gehalten haben. Die Verfilmung von „Dangerous Obsession“ unter dem Titel „Darkness Falls“ soll ihm zum Beispiel gar nicht gefallen haben. An der ebenso spannungs- wie temporeichen Parchimer Aufführung aber dürfte auch er kaum etwas auszusetzen gehabt haben.

Nächste Vorstellung: 6. Mai., 19.30 Uhr, Theatergaststätte, Kartentelefon: 03871 62 910

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