Sport : Ein Weltrekord wird 30

Jürgen Schult im Trikot des SC Traktor Schwerin und vor der Tafel, die seinen Weltrekord anzeigt (unten) Fotos: Imago, Archiv
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Jürgen Schult im Trikot des SC Traktor Schwerin und vor der Tafel, die seinen Weltrekord anzeigt (unten) Fotos: Imago, Archiv

Die alteste männliche Leichtathletik-Bestleistung hat immer noch Bestand. Diskuswerfer Jürgen Schult: "74,08 m waren ein Glückswurf"

svz.de von
05. Juni 2016, 21:00 Uhr

Da ist einer, der wirft einen Weltrekord, an dem sich Generationen von Diskuswerfern die Zähne ausbeißen. Und doch wünscht er sich seit langem, dass „er so schnell als möglich überboten wird“. Statt stolz zu sein und zu hoffen, dass die 74,08 m vom 6. Juni 1986 auch diese Saison überstehen, nervt Jürgen Schult die älteste Weltbestleistung der Männer-Leichtathletik. „Sie interessiert mich schon lange nicht mehr!“, sagte der ehemalige Sportler des SC Traktor Schwerin, der in Neubrandenburg diesen Jahrhundertweltrekord aufstellte und die damalige Bestmarke von Yuri Dumtchev (UdSSR) gleich um 2,22 m übertraf, schon vor sechs Jahren.

Es war Schults perfektester Wurf seiner fünfzehnjährigen Karriere in der Weltspitze. Der damals 26-Jährige war athletisch und motorisch bestens in Form. Die seinerzeit von nur wenigen beherrschte Umsprungtechnik klappte maximal und erlaubte höchste Dynamik beim Abwurf. Gleichmäßiger Gegenwind und eine zusätzliche Bö in der letzten Flugphase sorgten dafür, dass der Diskus bei 70 m noch einmal Aufwind bekam und schließlich bei der Marke einschlug, die auch nach 30 Jahren noch nicht übertroffen worden ist.

„Nicht nur ich – Trainer, Club, Verband, Medien, alle – waren euphorisch, ja, trunken.“

Der im Amt Neuhaus an der Elbe Geborene erinnerte sich: „Nicht nur ich – Trainer, Club, Verband, Medien, alle – waren euphorisch, ja, trunken.“ Danach wurde er stets an diesem 74-m-Wurf gemessen. Dabei sei ihm klar gewesen: „Es war ein Glückswurf! So einer gelingt nur einmal im Leben. Da passte alles. Unter normalen Bedingungen kann ich um die 70 m werfen. Aber das wollte keiner hören!“ Dem Rekordflug folgte wenige Wochen später der Absturz. Bei den EM in Stuttgart landete er auf Platz sieben. Prompt kam die ultimative Forderung des DDR-Verbandes (DVfL), zur alten Technik zurückzukehren.

Etwas Entscheidendes bewirkte dieser denkwürdige Wurf dennoch: Jürgen Schult strotzte danach vor Selbstvertrauen: „Mensch, du kannst es doch!“ Trotzdem denkt der gerade 56 Jahre alt Gewordene schon seit langem nicht mehr an den Rekord. „Ich wäre sogar froh, wenn er endlich fallen würde“, sagte Schult einst genervt. Aber derzeit ist weit und breit niemand in Sicht, der das schaffen könnte. Die deutsche Spitze liegt in dieser Saison bei rund 68 Metern, die aktuelle Weltjahresbestleistung bei 68,15 Metern.

Wie dem auch sei, nach dem Rekordwurf verwandelte sich der vorherige Trainingsweltmeister Jürgen Schult in einen wirklichen Weltmeister: 1987 eroberte er mit 68,74 m Gold in Rom. Ein Jahr später legte er bei Olympia im südkoreanischen Seoul im ersten Versuch 68,82 m vor, die niemand mehr übertraf. „Dieser Sieg ist für mich das Größte“, so Schult, der insgesamt neun Medaillen bei Olympia (Gold und Silber), WM (Gold, Silber, zweimal Bronze) und EM (Gold, Silber, Bronze) errang. Ausdrücklich dankt er heute noch seinem Trainer Dr. Hermann Brandt, der ihn über Jahrzehnte sportlich begleitete.

Nach der Wende ging „Schulle“ andere konzeptionelle Wege, war quasi von 1993 bis zum Karriereende 2000 sein eigener Trainer. 2001 übernahm der erfolgreichste deutsche Diskuswerfer die Funktion des Teamchefs und Verbandstrainers Diskus im DLV (Deutscher Leichtathletik Verband). Im Januar 2011 wurde er zum Leitenden Bundestrainer für die Wurf- und Stoßdisziplinen berufen.

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