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Spitzenforschung in MV : Ein Vierteljahrhundert für einen Kulturschatz

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Rostocker Literaturwissenschaftler erforschen Werke des Schriftstellers Uwe Johnson

Sein erstes Buch erschien zunächst gar nicht. Uwe Johnson hatte keinen Erfolg mit dem Manuskript zu „Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953“, das er unter anderem an den Suhrkamp-Verlag schickte. Schon bald nach der Ablehnung aber erkannte Verlagschef Siegfried Unseld das Potential des Schriftstellers, der heute zu den zentralen Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur gezählt wird. Und nach Johnsons Tod 1984 wurde der Erstling dann doch noch veröffentlicht.

Geboren 1934 im heutigen Polen, machte Uwe Johnson das Abitur in Güstrow und begann in Rostock sein Germanistik-Studium. „Bald erkannte er, dass ein Großteil der Versprechungen der jungen DDR leer waren, und das hat er dem Staat auch öffentlich vorgeworfen“, erläutert Holger Helbig, Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft des 20. Jahrhunderts an der Universität Rostock und Leiter des Johnson-Archivs. „Aus dieser Auseinandersetzung heraus begann er mit dem Schreiben.“ Später studierte Johnson in Leipzig und traf dort auf Menschen, die ihn förderten. 1959 erschien sein Roman „Mutmaßungen über Jakob“. Im gleichen Jahr zog er nach West-Berlin, was ihm in der DDR als Republikflucht ausgelegt wurde. Johnson schrieb über die deutsche Geschichte, über die beiden unterschiedlichen Denksysteme, die durch die innerdeutsche Grenze aufeinandertrafen, und welche Auswirkungen dies auf den Einzelnen hatte. Seine Leser waren diejenigen, die auch Werke von Böll, Grass oder Enzensberger lasen, jedoch nicht nur Intellektuelle, sondern sogar Schulklassen. „Die Menschen im Westen hatten Interesse am Ergehen der Bevölkerung im Osten, und Johnsons Romane machten anschaulich, was dort passierte“, so der Experte. „Es war wie eine Nachricht von der anderen Seite der Grenze.“ In der DDR konnten seine Werke erst nach 1989 gelesen werden – und das Interesse nimmt stetig zu. Obwohl, wie Helbig einräumt, man sich beim Lesen zunächst Mühe geben muss. „Man muss sich darauf einlassen, aber wen es gepackt hat, den lässt es gewöhnlich nicht mehr los. Johnson hat es geschafft, dass man seine Sprache erkennt – das gelingt nicht vielen Autoren.“ Die Literaturwissenschaftler interessieren sich für verschiedene Aspekte von Johnsons Werk: Wie ist es zustande gekommen? Wie ist es zu interpretieren? Warum waren die Romane zum Zeitpunkt ihres Erscheinens interessant, warum sind sie es heute immer noch? Auch außerhalb Deutschlands stoßen sie auf Interesse. Das Hauptwerk „Jahrestage“, immerhin knapp 1.800 Seiten stark, wird derzeit erneut ins Englische übersetzt, außerdem ins Italienische, Spanische oder Polnische. Gerade wurde mit einem sogenannten Akademien-Vorhaben begonnen: Fördergelder von Bund und Land machen es möglich, in den kommenden 24 Jahren das komplette Werk Johnsons zu erfassen und zu kommentieren, es sowohl als Buch als auch im Internet zu veröffentlichen. So wird es für jedermann zugänglich, die Kommentare können ständig aktualisiert werden. Die wissenschaftliche Wertschätzung lässt sich allein aus der Tatsache ablesen, dass das Projekt für ein solch langfristiges Vorhaben ausgewählt wurde. „Dafür haben nur Forschungsgegenstände von nationaler Bedeutung eine Chance“, weiß Helbig. Die nächste Zielgruppe sind Schüler. Derzeit ist ein Uwe-Johnson-Lesebuch in Arbeit, später soll es eine Website geben, die Material für Schüler und Lehrer bereithält. „Das wird ein Stück Überführung von Wissenschaft in die Gesellschaft“, meint Bildungsminister Matthias Brodkorb.

 

Uwe-Johnson-Archiv (UJA)

Den größten Teil von Johnsons Nachlass erbte der Suhrkamp-Verlag: Bücher, zum Teil mit handschriftlichen Anmerkungen, Manuskripte, Briefe. Dieses Archiv kam – nach Stationen in Frankfurt/Main und Marbach - 2012 nach Rostock. Eine private Stiftung ermöglicht Helbigs Professur und die wissenschaftliche Nutzung des Erbes. Derzeit werden sämtliche Manuskripte und Briefe, die der Schriftsteller hinterlassen hat, online verzeichnet und später digitalisiert.
 

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