Flüchtlingstrauma : „Ein stabiles Umfeld muss her“

Viele Flüchtlinge warten lange auf die Bearbeitung ihres Asylantrags.
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Viele Flüchtlinge warten lange auf die Bearbeitung ihres Asylantrags.

Krieg und Gewalt können ein Trauma auslösen: Jeder zweite Flüchtling soll laut Bundespsychotherapeutenkammer darunter leiden

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10. November 2015, 08:00 Uhr

Sie haben Krieg und Gewalt erlebt, sich kilometerweit auf eine meist beschwerliche Reise begeben und leben nun oft dicht an dicht in einer großen Sammelunterkunft – Erlebnisse, die nicht an jedem spurlos vorübergehen und Auslöser für ein Trauma sein können. 40 bis 50 Prozent der in Deutschland ankommenden Flüchtlinge leiden laut Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) an einer posttraumatischen Belastungsstörung oder Depression.

Ausgelöst werden diese Erkrankungen durch katastrophale oder lebensbedrohliche Ereignisse, die eine tiefe Verzweiflung verursachen: Beschuss mit Handfeuerwaffen und Granaten, Hunger und Durst, Todesdrohungen und Scheinexekutionen, körperliche Folter, Stromschläge, sexuelle Erniedrigung und Vergewaltigung sowie das Miterleben von Hinrichtungen oder Vergewaltigungen. Diese Situationen lösen bei den Betroffenen meist Albträume, blitzartige Bilder oder filmartige Szenen aus, die so intensiv erlebt werden, als ob sich das Ereignis gerade erst ereignet.

„Geglückte Beziehungen sind für das Leben eines Menschen wichtig. Wenn diese massiv gestört werden, dann kann sich das auf die Psyche auswirken. Im Vergleich dazu werden Naturkatastrophen nicht so stark empfunden“, sagt Dr. Jochen-Friedrich Buhrmann, Chefarzt für Psychosomatische Medizin in den Helios Kliniken Schwerin.

Anders als die Bundespsychotherapeutenkammer geht Chefarzt Buhrmann nicht davon aus, dass jeder Zufluchtsuchende im Laufe der Zeit eine Traumafolgestörung entwickle. So kann sich ein schnelles Weiterkommen bei der Flucht beispielsweise positiv auf den Gefühlszustand des Menschen auswirken. Eines sei aber zwingend notwendig, um psychischen Problemen vorzubeugen: „Es sollten zuerst einmal Rahmenbedingungen geschaffen werden, die entängstigend wirken. Dazu zählen auch ein geregelter Tagesablauf und ein stabiles soziales Umfeld. Das braucht jeder Mensch“, sagt Dr. Buhrmann.

Lange Wartezeiten bei Asylverfahren, Familienangehörige, die voneinander getrennt werden, oder eine Unterbringung auf engstem Raum können die Ängste verschlimmern oder längst vergangene Geschehnisse wieder aufflammen lassen.

Gleich zu therapieren, ist laut dem Chefarzt für Psychosomatische Medizin nicht der richtige Weg: „Psychologische Ersthilfe kann die Gefahr der Entstehung von posttraumatischen Belastungsstörungen eher noch erhöhen. Bei manchen hilft schon der Weg in ein normales, häusliches Umfeld. Wenn dann keine Besserung eintrifft, sollte über eine Therapie nachgedacht werden.“ Dafür müssen dann auch erst die vorherrschenden Sprachbarrieren überwunden werden.

Doch mit einem Zustrom an traumatisierten Flüchtlingen rechnen die Helios Kliniken Schwerin derzeit noch nicht. Aktuell gehe es zunächst um die erfolgreiche Eingliederung in die Gemeinden und die Vermittlung von Wohnraum, Arbeit und Ausbildung.

Bis dahin sollte für die Flüchtlinge alles getan werden, dass sie wieder selbstbestimmt und eigenständig Entscheidungen treffen können, sagt der Chefarzt und führt fort: „Erst dann ist auch wieder ein normales Leben möglich.“

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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