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Archäologie unter Wasser : Ein Sensationsfund vor Wismar

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Beim Baggern wurden gut erhaltene Wracks aus dem Mittelalter entdeckt. Spant für Spant werden sie aus der Ostsee gehievt.

svz.de von
erstellt am 17.Jul.2017 | 11:45 Uhr

In der Wismarbucht gehen Archäologen einer wissenschaftlichen Sensation auf den Grund: Im April 2016 wurden bei der Munitionsbergung im Hafen zwei große gut erhaltene, mindestens 700 Jahre alte Wracks in Teilen entdeckt. Seit letztem Herbst werden die Funde im Wasser akribisch vermessen, dokumentiert und nun Stück für Stück geborgen, wie Roman Scholz von der Rügener Bergungsfirma UWA-Logistik sagt. Dabei stießen die Forscher unter einem der Funde auf ein drittes Wrack, es steckt noch zu zwei Dritteln im Meeresboden verborgen.

Mit einem Ponton bringen die Taucher große Wrackteile an Land.
Mit einem Ponton bringen die Taucher große Wrackteile an Land. Foto: Grit Büttner

Für die Wissenschaft stellt das Trio einen ganz besonderen Fund dar. „Diese Schiffe sind eine echte Neuentdeckung“, sagt Mecklenburg-Vorpommerns Landesarchäologe Detlef Jantzen. Untersuchungen des Holzes hätten ergeben, dass es sich um Wracks aus der Zeit um 1200 bis 1250 handelt. Jedes der rund 20 Meter langen Schiff wurde in einer anderen Bauweise aus Eiche gezimmert, eins mit flachem Boden nach Art der Hansekoggen, eins mit spitzem wie die Wikingerschiffe. Das erst vor zwei Monaten gefundene dritte Wrack hingegen sei sehr breit und robust konstruiert, vermutlich, um mehr Lasten wie Steine, Holz oder auch Bier transportieren zu können, sagte Jantzen. „Diese Funde werden einige Lücken in der Historie schließen und ein neues Licht auf Schiffbau-traditionen werfen.“

Hintergrund: Funde in der Ostsee

1800 Fundstellen gibt es in der Ostsee vor Mecklenburg-Vorpommern. Darunter sind mittelalterliche Segelschiffe ebenso wie abgestürzte Flugzeuge aus dem Krieg und heute überflutete steinzeitliche Siedlungsplätze.

Die Zahl der vor der Küste auf Grund liegenden Wracks beläuft sich auf etwa 1500. Der überwiegende Teil sind Handelsschiffe, die nach Angaben des Landesverbandes für Unterwasserarchäologie seit dem frühen Mittelalter in Stürmen oder wegen Fehlern der Schiffsführer untergegangen sind.

Nach Schätzungen liegen um Rügen rund 50 Kriegsflugzeuge aus dem Zweiten Weltkrieg auf dem Meeresboden. Augenzeugenberichten zufolge sollen bei den Luftangriffen auf die Raketenschmiede der Nazis in Peenemünde allein zehn britische Lancaster-Bomber über dem Greifswalder Bodden abgeschossen worden sein.

Kriegsschiffe bilden nur einen Bruchteil der in der Ostsee liegenden Schiffswracks. Vielmehr wurden in Kriegszeiten Handelsschiffe das Ziel gegnerischer Angriffe, um die Versorgungswege zu kappen und damit den Gegner zu schwächen.

Aus jener Zeit gebe es bis dato kaum Vergleichsfunde oder schriftliche Zeugnisse. Zumal das vor 20 Jahren bei Wismar entdeckte Wrack der sogenannten „Poeler Kogge“ nach neuesten Untersuchungen doch deutlich jünger sei als lange Zeit vermutet – keine 650, sondern nur 250 Jahre alt. So mache das extreme Alter und der gute Erhaltungszustand der drei nahe beieinander entdeckten Wracks einen ganz besonderen Wert für die Wissenschaft aus. „Ein Sensationsfund“, sagt Jantzen. Die Bauzeit falle eng mit der Gründung Wismars zusammen. Womöglich müsse sogar die Stadtgeschichte umgeschrieben werden, sagt der Sprecher der Hansestadt, Marco Trunk.

Die Forschungstaucher arbeiten seit letztem September von einem Ponton aus, der in einem Sperrgebiet direkt neben Wismars Hafeneinfahrt festliegt. In wenigen Wochen sollen zumindest die ersten beiden Wracks vollständig geborgen, gereinigt, fotografiert, vermessen und nass in einem Zwischenlager verwahrt sein, wie Bergungsleiter Scholz sagt. Wann das dritte Schiff gehoben wird, sei noch unklar. In jedem Falle kommt die Bergung einem Wettlauf mit der Zeit gleich, denn in Sichtweite der Fundstelle arbeiten die Bagger bereits an der Erweiterung der Kaianlage.

Funde aus den Wracks: Keramik, Holz und Knochenreste
Funde aus den Wracks: Keramik, Holz und Knochenreste Foto: Grit Büttner
 

Den guten Zustand der Funde führten die Wissenschaftler auf die dicken Schichten Sand, Schlick und Muscheln zurück, unter denen die im Flachwasser versunkenen Lastschiffe mehrere Jahrhunderte lang begraben waren. Nicht mal vom gefürchteten Schiffsbohrwurm, einer Holz zersetzenden Muschelart, seien sie befallen. Warum die Handelssegler allerdings vor Wismar sanken, lässt sich bislang nur vermuten. Möglich ist, dass sie auf Reede lagen oder am Werftplatz. Eins der Schiffe hat offenbar Feuer gefangen und ist brennend untergegangen. Ob wegen eines Unfalls oder kriegerischen Ereignisses, muss noch erforscht werden.



 

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