Müritz-Forschung : Ein See unter der Lupe

Hunderttausende Menschen zieht es jährlich zum Urlaub an die Müritz. Was sich dort unter Wasser abspielt, ist aber den wenigsten bekannt. Das wollen Forscher mit einer Langzeituntersuchung ändern.

Hunderttausende Menschen zieht es jährlich zum Urlaub an die Müritz. Was sich dort unter Wasser abspielt, ist aber den wenigsten bekannt. Das wollen Forscher mit einer Langzeituntersuchung ändern.

Forscher wollen die Müritz erstmals nach Jahrzehnten genauer untersuchen

svz.de von
08. September 2017, 08:00 Uhr

„In dem kleinen Behälter sind bestimmt 1000 Lebewesen drin“, schätzt Stefan Linzmaier. Mit einer Pinzette bewaffnet, zupft der Biologe kleine Muschelteile, Schnecken und Wasserflöhe aus der Boden- und Wasserprobe voller Algen, die er vom Grund der Müritz auf das Forschungsschiff „Aldebaran“ geholt hat. Kurz dürfen die Kleinstlebewesen noch in einer Wasserlache schwimmen, dann nimmt sie Linzmaiers Kollegin Camille Musseau auf und steckt sie in kleine Pipetten für weitere Untersuchungen.

Die beiden Wissenschaftler gehören zu einem Forscherteam des Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei sowie der Freien Universität Berlin, das mit Hilfe des Forschungsschiffs „Aldebaran“ aus Hamburg erstmals nach Jahrzehnten den größten deutschen Binnensee genauer untersuchen will. „Erforscht werden soll, wie sich eingewanderte Tier- und Pflanzenarten auf die heimische Fauna und Flora im Wasser auswirken“, sagt „Aldebaran“-Chef Frank Schweikert.

Die Aktion haben der Müritz-Nationalpark, der regionale Tourismusverband, Fischer und Schüler angeschoben. „Die Müritz ist, was das Thema betrifft, so gut wie gar nicht erforscht“, sagt Nationalparkleiter Ulrich Meßner. Im Visier haben die Forscher vor allem die Quagga-Dreikantmuschel (Dreissena rostriformis bugensis), den Großen Höckerflohkrebs (Dikerogammarus villosus) und die Veränderungen für die Fischwelt.

Wissenschaftlerin Camille  Musseau aus Frankreich sichert auf dem Forschungsschiff  „Aldebaran“ eine Wasserschnecke.
Jens Büttner
Wissenschaftlerin Camille Musseau aus Frankreich sichert auf dem Forschungsschiff „Aldebaran“ eine Wasserschnecke.
 

Fünf Tage lang haben Linzmaier und seine Kollegen Netze gestellt, per Unterwasserkamera den Grund gefilmt sowie Boden- und Tierproben genommen. „Wir können anhand der Tierproben unter anderem ergründen, wie die Nahrungskette funktioniert“, sagt Linzmaier. Durch die Bodenproben soll herausgefunden werden, wie sich der boomende Bootstourismus und die gewerbliche Fischerei auf das Gewässer auswirken.

Einige Befunde überraschen die Müritz-Forscher nicht. „Wir untersuchen auch den Müggelsee in Berlin ständig“, sagt Linzmaier. Auch dort und am Bodensee hat sich die Quagga-Dreikantmuschel schon enorm verbreitet. Wie andere invasive Arten gelangte die Muschel vor Jahren nach Mittel- und Westeuropa. „Ursache sind Kanäle wie der Main-Donau-Kanal, die Lebensräume verbinden, die früher getrennt waren“, sagt Meßner. Das Tier stamme aus der Region am Schwarzen Meer, die viele invasive Arten hervorbringe.

Wie stark diese Muschel die Müritz bereits prägt, wird mit der Unterwasserkamera sichtbar. Vor allem im flachen Ostuferbereich fallen ganze Muschelbänke auf. „Das sind gigantische Mengen, die Schwebstoffe und Plankton aus dem Wasser filtern, so dass die Seen noch klarer werden“, sagt Meßner.

Welche Auswirkungen das auf die Fischwelt hat, sollen Versuchsfänge ergründen. „Wir haben in speziellen Netzen massenweise Barsche, viele große Rotfedern, Bleie, Plötzen, Steinbeißer und Güstern gefunden“, sagt Musseau. „Zum ersten Mal habe ich die karpfenartigen Schmerlen gesehen“, ergänzt Linzmaier. Aale und Hechte gebe es auch, aber diese seien scheu oder könnten durch das Versuchsnetz entschlüpfen.

Zander mögen eher trübe Gewässer, weshalb die Fischer auf der Müritz kaum noch welche fangen. Linzmaier spricht von „einer typisch mitteleuropäischen Artengemeinschaft“ in der Müritz, die per Wasserweg mit der Havel nach Berlin sowie der Elde bis zur Elbe nach Hamburg Verbindung hat. Sie wollten die Untersuchungen regelmäßig wiederholen, kündigt Schweikert an. Die Ergebnisse sollen im Natur-Infozentrum Müritzeum vorgestellt werden.

Ein Fazit sei für den See mit Tiefen zwischen einem und 30 Metern klar: Die Müritz habe extrem unterschiedliche Lebensräume. „Es wird Jahre dauern, bis wir das Zusammenspiel verstehen.“ Schon die Sage von der Entstehung des riesigen Gewässers spricht von mindestens sieben Seen, die sich vereinigten.

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