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Mecklenburg-Vorpommern

19. Oktober 2017 | 10:45 Uhr

Zarentin : Ein See schlägt viele Brücken

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Schaalsee war bis vor einem Vierteljahrhundert durch die innerdeutsche Grenze geteilt – heute verbindet er wieder Ost und West

„Dieser See, der ist noch immer unergründlich.“ Jan Schneider, 30 Jahre alt, betreibt seit 2012 eine der drei Fischereien auf dem Schaalsee zwischen Schleswig-Holstein und MV. Merkwürdige Strömungen spülten seine Netze regelmäßig fort und der Fisch stehe immer woanders, sagt er.

Das 2400 Hektar große Gewässer, bis zum Fall des „Eisernen Vorhangs“ 1989 Teil der streng bewachten Staatsgrenze, ist mit 72 Metern Norddeutschlands tiefster See. An diesem sonnigen Morgen hat der junge Fischer aus dem lauenburgischen Groß Zecher Glück. Hunderte Maränen und einige kapitale Hechte holt er aus den Reusen und bringt sie zum „Brückenhaus am Schaalsee“, einem Gourmettempel mitten in dem glasklaren Gewässer zwischen West und Ost. Der Schaalsee ist Kern des im Jahr 2000 gebildeten, gleichnamigen Unesco-Biosphärenreservates.

Fischkäufer Johann Hartwig Graf von Bernstorff freut sich über den frischen Fang. Der 53-jährige Marketingfachmann bewirtschaftet seit 2007 den mecklenburgischen Familienbesitz Gut Stintenburg im Landkreis Ludwigslust-Parchim mit 1400 Hektar Wasser, Wald, Äckern und Weiden. Dazu gehören auch das 200 Jahre alte Herrenhaus und die um 1870 als Klinkerfachwerk errichtete Wachstation am einzigen befestigten Weg, einem Damm, über den Schaalsee zur Insel Stintenburg. Die Historie dieses Sees sei es, die ihn nicht loslasse, meint er. Und es sei die eigene Herkunft, die mit Stintenburg am Schaalsee verbunden ist. „Dieses schwer zugängliche Gut war nie ein Geldbringer“, sagt er. „Doch die Lage ist ein Geschenk Gottes, und seine Geschichte für uns Verantwortung.“

Vor fast 1000 Jahren kamen die Ritter derer von Bernstorff mit Heinrich dem Löwen nach Mecklenburg. 1740 kaufte Johann Hartwig, dänischer Premierminister, Gut Stintenburg, das dann durchweg bis 1945 der Familie gehörte. Der damalige Besitzer Albrecht von Bernstorff (1890-1945), Jurist und bis 1933 Diplomat in London, war ein lautstarker Nazi-Gegner der ersten Stunde, wie ein Gutachten der Gedenkstätte Deutscher Widerstand belegt. 1935 kaufte sich von Bernstorff als Mitgesellschafter in ein jüdisches Bankhaus ein. Über Stintenburg schleuste er Verfolgte ins Ausland, viele Juden rettete er so vor dem Holocaust. Bernstorff wurde mehrfach in Konzentrationslagern und Gestapo-Gefängnissen eingesperrt und nach dem Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 gefoltert. SS-Schergen erschossen ihn Ende April 1945. Seine Leiche wurde nie gefunden.

Bereits 1943 stellten die Nazis Gut Stintenburg unter Zwangsverwaltung. Die zweite Enteignung geschah nach Kriegsende. Mit der im Barber-Ljaschtschenko-Abkommen vereinbarten Grenzbereinigung wurden Gebiete am Ratzeburger und Schaalsee zwischen britischer und sowjetischer Besatzungszone ausgetauscht, Stintenburg kam zu Mecklenburg. „Die Exklave wurde komplett entsiedelt“, schildert Johann Bernstorff. Das Gut wurde Sperrgebiet, militärischer „Brückenkopf“ der DDR, nur ein paar Fischer hatten noch Zugang zum See. Gut vier Jahrzehnte später passierten Bernstorffs Ende 1989 erstmals wieder die schmale Brücke zur Stintenburginsel. Die Rückgabe des mehrfach enteigneten Besitztums war bis 1995 im Wesentlichen beendet, einzelne Restitutionsansprüche sind bis heute nicht entschieden.

Johann von Bernstorff investierte behutsam. Das Brückenhaus baute er bis 2012 zum Restaurant um. Die saisonale Multikulti-Küche mit Regio-Touch lockt zahlreiche Feinschmecker an.

Gerade erst wurden die Binnenfischer des Schaalsees mit dem ersten deutschen Nachhaltigkeitszertifikat geadelt. „Wir holen nicht mehr heraus als nachwächst und siedeln ursprüngliche Arten wie die Edelmaräne wieder an“, erklärt Fischer Schneider. Bernstorff: „Heute schlägt dieser See mit der Stintenburginsel wieder viele Brücken – zwischen Natur und Mensch, Tradition und Moderne, Geschichte und Gegenwart, zwischen West und Ost.“

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