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Verbot : Ein schwarzer Tag für die „Schwarze Schar“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Innenminister verbietet den Rockerklub in Gägelow bei Wismar. 175 Polizisten durchsuchen Vereinsheim „Zum Schwarzen Herzog“

svz.de von
erstellt am 08.Jan.2014 | 21:15 Uhr

Weckruf mit Polizei: Es ist noch dunkel als bei den 25 Mitgliedern der „Schwarzen Schar MC Wismar“ in der Region Nordwestmecklenburg die Türglocken schellen. Beamte des Schweriner Landeskriminalamtes (LKA), der Bereitschaftspolizei und der Polizeiinspektion Wismar überreichen ihnen die Bescheide über das Verbot der Rockervereinigung.

Zur selben Zeit sichern Trupps der Bereitschaftspolizei das Vereinsgelände mit dem Rockerdomizil „Zum Schwarzen Herzog“ im Gewerbegebiet von Gägelow bei Wismar. Während hinter den zum Teil mit schwarzer Folie verklebten Scheiben die Hausdurchsuchung startet, verweigern mit Sturmhauben geschützte Polizisten den eintreffenden Vereinsmitgliedern den Zutritt. Die Rocker sind sichtlich nervös. Vor dem Tor laufen sie auf und ab.

Die Clubmitglieder müssen mit anschauen, wie ihr Domizil demontiert, verpackt, Logos und Insignien rausgerollt und abtransportiert werden. Ein schwarzer Tag für die Schwarze Schar, aber aus Sicht von Innenminister Lorenz Caffier (CDU) ein erfolgreicher im Kampf gegen die Rockerkriminalität.

Caffier hat gestern den Rockerverein „Schwarze Schar MC Wismar“ und die zu diesem Verein gehörende Teilorganisation „Schwarze Jäger MC Wismar“ verboten und aufgelöst. Der Minister reagiert damit auf zahlreiche Straftaten, die der Rockervereinigung angelastet werden.

Den Verein gibt es seit Ende 2008, er beansprucht Wismar als sein Territorium und gilt wie die „Hells Angels“ als gewaltbereite Rockergruppierung. Der 25-Jährige Christian G., Mitglied der Motorradgang, soll beim Stadtfest in Hagenow im Juni vergangenen Jahres einen Besucher niedergestochen und einen weiteren geschlagen haben. Einer der angegriffenen Männer habe sich zuvor über die Weste des Rockers lustig gemacht, daraufhin eskalierte die Situation in Hagenow.

Viele der Mitglieder – wie ihr Anführer Philip Schlaffer – kommen aus der Wismarer Neonazi-Szene. Schlaffer gehörte der Kameradschaft „Werwolf“ in der Hansestadt an. 2006 sorgte ein Video für Aufsehen. Es zeigt heutige Mitglieder „Schwarzen Schar“, wie sie aus einem rechtsextremen Szene-Shop heraus mit Baseballschlägern und Latten Mitglieder einer antifaschistischen Demonstration bedrohen. Mühsam halten Polizisten mit Pistolen im Anschlag die Glatzköpfe in Schach.

Heute gibt sich die Motorradgang unpolitisch. Es gibt Kontakte zu den „Hells Angels“ in Rostock, die regelmäßig im Gägelower Vereinsheim gesehen wurden. Auch mit den „Bandidos“ in Vorpommern gibt es nach Polizeiangaben Treffen.

In Polizeikreisen wird Schlaffer als Intensivtäter bezeichnet, der nach einem Bericht des NDR diverse Prostitutionswohnungen in Nordwestmecklenburg betreiben soll.

Aus ermittlungstechnischen Gründen wollte das Landeskriminalamt gestern in Gägelow wenige Angaben machen. Polizei-Pressesprecherin Synke Kern: „Die ,Schwarze Schar MC Wismar‘ ist sowohl bei Rauschgiftdelikten als auch bei der Waffenkriminalität auffällig geworden.“ Beim Durchsuchen des Vereinshauses wurden die Beamten nach ersten Erkenntnissen nicht fündig.

In Gägelow sowie im Wohnhaus von Vereinschef Philipp Schlaffer kamen Drogenhunde sowie Schutzhunde zum Einsatz. „Insgesamt sind 175 Beamte des Landeskriminalamtes und der Polizeiinspektion Wismar sowie der Bereitschaftspolizei beteiligt“, sagt Kern.

Über eine derartige Präsenz waren die eingetroffenen Vereinsmitglieder sichtlich überrascht. „Zutritt zum Vereinsgebäude haben jetzt lediglich der Vereinsvorsitzende und zwei Mitglieder zum Abtransport privater Gegenstände“, sagt Synke Kern.

Aus Polizeisicht ist das Überraschungsmanöver geglückt. Frau Kern macht deutlich, dass für Polizei wichtig ist, dass „alle Mitglieder über die Auflösung und das Verbot informiert sind“. Denn entsprechend der Verfügung des Innenministeriums dürfen weder Ersatzorganisationen gebildet noch die Kennzeichen des Vereins weiter Verwendung finden. Das gilt ebenso für Tattoos im Sichtbereich am Körper. Nicht wenige Mitglieder tragen Tätowierungen an Kopf, Hals, Armen und Oberkörper. „Ein Verstoß gegen die Verfügung wird entsprechend Paragraph 20 des Vereinsgesetzes zur Anzeige gebracht“, macht Kern deutlich. Folglich drohen denen, die sich dem Verbot widersetzen, Gefängnis- und Geldstrafen.

Noch im Juli 2013 hatten die Rocker selbst ihre Auflösung im Internet verkündet und dass ihr Club „eingefroren“ sei. Auf der Internetseite der „Schwarzen Schar“ treten seit dem 1. Juli die „Schwarze Schar Nomads Deutschland“ und die „Schwarze Schar Nomads Europa“ auf. Das Wort „Nomads“ steht in der Rockersprache für einen Club ohne festen Sitz.


Club wollte dem Verbot zuvorkommen

 

Möglicherweise wollte die „Schar“ mit ihrer scheinbaren Auflösung einem Vereinsverbot zuvorkommen und das Vermögen des Clubs damit schützen. Aus Polizeisicht war der Rockerverein aber unvermindert tätig. Kern: „Veränderungen haben sich nicht feststellen lassen. Wir haben es mit einem hohen kriminellen Potenzial zu tun, wo Körperverletzung an der Tagesordnung sind.“

Das Innenministerium entschied sich „dem Spiel mit der Angst“ ein Ende zu setzen, wie es mitteilte. „Ich achte das Grundrecht, Vereine und Gesellschaften zu bilden. Die Grenze ist aber überschritten, wenn der Verein Straftaten verübt,“, sagte Innenminister Lorenz Caffier. Der Staat müsse sich schützend vor seine Bürger stellen und deutlich machen: „Null Toleranz gegenüber Gewaltkriminalität“. Somit habe man „alle Möglichkeiten des Rechtsstaates voll ausgeschöpft und den Verein verboten.“

Das Vereinshaus in Gägelow geht jetzt in die Obhut der Amtsgemeinschaft Grevesmühlen über. Sämtliche Schlösser am Objekt und Geländeumzäunung wurden ausgetauscht. Die Utensilien des Vereins lagern in einem Depot der Polizei.

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