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Mecklenburg-Vorpommern

18. Dezember 2017 | 04:34 Uhr

Ein Schutzengel für Esra

vom

svz.de von
erstellt am 18.Sep.2013 | 09:55 Uhr

Sternberg | Esra Cheyenne war noch gar nicht auf der Welt, als sie ihren Eltern zum ersten Mal große Sorgen bereitete. "Es bestand Verdacht auf Trisomie 21", erinnert sich Esras Mutter Tina. Das Risiko für die auch als Down-Syndrom bekannte genetische Störung steigt eigentlich mit dem Alter der Eltern - doch Tina war 16, als sie schwanger wurde. Zusammen mit ihrem Freund Andy Podeyn durchlitt sie bange Tage, bis eine Fruchtwasseruntersuchung ergab: Das Ungeborene ist gesund. "An dem Tag haben wir uns auch sagen lassen, dass es ein Mädchen wird", erzählt die heute 19-Jährige.

Den Namen suchten die Eltern gemeinsam aus: "Es sollte keiner sein, den alle tragen. Esra war eine Kandidatin bei Popstars, die fanden wir beide gut", erinnert sich der 24-jährige Andy. Schon vor der Geburt ihrer "Prinzessin", wie der stolze Vater die Kleine nennt, entschied das Paar sich auch, die Hilfe einer Familienhebamme in Anspruch zu nehmen. "Ich war ja erst 17 und das alles war für mich neu: Wie badet man ein Baby? Was muss man tun, wenn die Zähnchen kommen? Wie putzt man sie? Und was hilft bei einem wunden Po?", sagt Tina. Ihre Mutter kann sie nicht danach fragen, denn die hat Mann und Töchter schon vor Jahren verlassen. "Und mein Vater, der hat von so kleinen Kindern keine Ahnung…"

"Ich komme oft in Familien, wo es schon eine traurige oder auch schlimme Vorgeschichte gab", erläutert Kathleen Trautmann. Die 37-Jährige arbeitet seit 1998 als Hebamme in Sternberg, seit 2010 ist sie zudem Familienhebamme, die einzige im Altkreis Sternberg. Esra und ihre Eltern gehörten zu ihren ersten Schützlingen - auch deshalb sind sie ihr besonders ans Herz gewachsen, ist der Kontakt nie abgebrochen.

Viele Eltern würden sich bemühen, ihren eigenen Töchtern und Söhnen eine bessere Kindheit zu bereiten, als sie selbst sie erlebt haben, weiß Kathleen Trautmann. "Aber anders als Tina und Andy schaffen das viele nicht. Sie kopieren das Verhalten der eigenen Eltern: Wer geschlagen wurde, schlägt oft seine Kinder auch, wer missbraucht wurde, wird nicht selten selbst zum Täter." Als Familienhebamme mit solchen Situationen konfrontiert zu werden, ist eine Gratwanderung. Sie sei verpflichtet, dem Jugendamt Auffälligkeiten zu melden, betont Kathleen Trautmann. Zum anderen setzten die Mitarbeiter des Jugendamtes aber oft auch auf die Familienhebammen als "Türöffner": "Uns lässt man eher rein als die Mitarbeiter einer Behörde." Mit dem erhobenen Zeigefinger käme sie aber kaum weiter. "Da braucht es schon ganz viel Fingerspitzengefühl."

Familien, die sie betreut, benötigen aus den unterschiedlichsten Gründen Hilfe. "Meistens sind es die Eltern selbst, die sich helfen lassen wollen, weil sie unsicher sind. Es gibt aber auch Fälle, in denen mich das Gesundheits- oder das Jugendamt anfordern." Wenigstens einmal pro Woche würde sie dann in den Familien nach dem Rechten sehen - und vor allem zuhören. "Falsch wäre es, diese Mütter und Väter zu belehren. Ich will ja nicht ihre Lebenssituation verändern, sondern ich will, dass sie mit ihrer Lebenssituation zurechtzukommen." Wenn sie allerdings sehen würde, dass der Vater gerade eine neue Spielkonsole gekauft hätte, die Kinder aber kaum etwas am Leib trügen, dann falle es ihr schwer, den Mund zu halten.

Vielen Eltern muss die Familienhebamme selbst die einfachsten Dinge zeigen; dass Kinder regelmäßige Mahlzeiten brauchen - und dass man Essen auch selbst zubereiten kann. Sie erklärt, wie ein strukturierter Tagesablauf aussieht, wann Kinder ins Bett gehören, dass sie ein eigenes Bett brauchen…

Bis zu vier Familien gleichzeitig hat Kathleen Trautmann schon betreut - gerade, wenn diese außerhalb von Sternberg zu Hause wären, sei das die absolute Grenze des Machbaren. "Denn ich bin ja auch in meiner normalen Hebammenpraxis gut ausgelastet. Und ich habe selbst drei Kinder, die ein Recht auf ihre Mutter haben."

Dennoch klingelt Kathleen Trautmanns Handy quasi rund um die Uhr. Auch Andy und Tina haben schon einmal in höchster Not ihre Familienhebamme angerufen- als Esra im letzten Herbst ausgerechnet am Geburtstag ihres Vaters einen epileptischen Anfall hatte. "Ich war zum Glück damals gerade ganz in der Nähe", erinnert sich Kathleen Trautmann, die zu der Zeit schon gar nicht mehr für die Betreuung der jungen Eltern bezahlt wurde. In den langen Minuten, bis der Rettungswagen kam, versuchte sie, Kind und Eltern zu beruhigen. Auch als es nach einigen Tagen einen weiteren Anfallsschub gab, spendete die Hebamme Trost, fuhr den jungen Vater sogar zu Freundin und Kind nach Schwerin ins Krankenhaus.

Seitdem gab es keine neuen Anfälle. "Die Ärzte haben uns Hoffnung gemacht, dass das so bleibt", sagt Tina. Für Esra ist ihr inzwischen die Frühförderung bei einer Tagesmutti genehmigt worden. "Wenn sie sich da eingelebt hat, will ich meinen Schulabschluss nachmachen und danach eine Lehre."

Auch ihr Freund will möglichst bald wieder arbeiten - auch, um seine Prinzessin hübsch ausstaffieren zu können: "Heute hätte sie Adidas- oder Nike-Schuhe anziehen können, beide hat sie von mir", erzählt er stolz. Jüngst hätte ihn seine Vergangenheit fast noch einmal eingeholt: Die Staatsanwaltschaft hätte ihm eine letzte Frist gesetzt, um eine noch ausstehende Geldstrafe zu bezahlen, anderenfalls hätte er ins Gefängnis gemusst. "Aber das kam für mich gar nicht in Frage, denn dann wäre ich zu Esras Geburtstag nicht bei ihr gewesen." Mit Hilfe von Freunden habe er den Betrag zusammengekratzt - und dann doch kurz überlegt, ob er das Geld nicht Freundin und Tochter geben sollte, damit sie sich davon etwas leisten können. "Aber dann dachte ich doch, dass der Papa bei ihr ist, ist für Esra wichtiger."

Kathleen Trautmann lächelt dazu.

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