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Mecklenburg-Vorpommern

12. Dezember 2017 | 07:45 Uhr

Ein Schulsystem auf dem Weg zur Inklusion

vom

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erstellt am 19.Dez.2011 | 08:25 Uhr

Schwerin | Sie gilt als eine der größten Herausforderungen für das Schulsystem - die Einführung der Inklusion. Was sich dahinter verbirgt, erfragte unser Mitarbeiter Andreas Frost im Bildungsministerium von Mecklenburg-Vorpommern.

Was ist Inklusion?

Inklusion heißt im Bereich Schule, möglichst alle Kinder einer Altersstufe, egal ob mit oder ohne Beeinträchtigung, zusammen zu unterrichten. Die Kinder lernen früh, dass Unterschiede normal sind.

Welche Vorteile hat eine gut gemachte Inklusion für wen?

Befürworter der Inklusion argumentieren, dass Kinder mit besonderem Förderbedarf mit jenen Kindern in dieselbe Schule gehen, mit denen sie schon im Kindergarten waren. Sie werden nicht ausgegrenzt und haben bessere Chancen, am Ende der Schulzeit ein Zeugnis der Berufsreife zu bekommen. Andererseits gibt es keine Studien, die belegen, dass die Kinder ohne besonderen Förderbedarf weniger lernen, als wenn sie unter sich wären. Sie verhalten sich sogar sozialer.

Sollen alle Kinder eines Jahrgangs in eine Klasse gehen?

Nein. Die SPD/CDU-Landesregierung will die Inklusion vorerst Schritt für Schritt für die Grundschulen einführen. Für bestimmte Kinder wird es weiterhin Förderklassen und Förderschulen geben.

Welche Kinder mit Beeinträchtigungen sollen auf die Grundschule?

Kinder mit Beeinträchtigungen werden in acht Gruppen eingeteilt. Kinder mit Lernschwierigkeiten, Kinder mit Sprachschwierigkeiten und Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten beziehungsweise Konzentrationsschwächen. Diese Gruppen machen bislang 75 Prozent der Kinder mit besonderem Förderbedarf aus. Sie sollen auf die normale Grundschule gehen.

Wie werden die anderen Kinder beschult?


Die fünf weiteren Beeinträchtigungen lassen sich in der Regel medizinisch feststellen. Für Sehbehinderte/Blinde, Schwerhörige/Gehörlose, geistig beeinträchtigte, schwer körperbehinderte, dauerhaft kranke und krankhaft aggressive Kinder wird es weiter Förderschulen geben.

Wer stellt künftig fest, ob ein Kind besonders gefördert werden muss?


Soweit es sich nicht um eine "medizinische" Beeinträchtigung handelt, werden im Inklusions-Modell alle Kinder in der Grundschule regelmäßig auf ihren Leistungsstand geprüft, damit die Lehrer und Sonderpädagogen erkennen, welches Kind besonders gefördert werden muss. Auf Rügen, wo die "Präventive und inte grative Grundschule" bereits praktiziert wird, geht man davon aus, dass im Durchschnitt vier von 20 Kindern besondere Zuwendung der Grundschullehrer brauchen. Sollte die Hilfe nicht reichen, unterstützt eine Sonderpädagogin das Kind.

Wie werden die Grundschullehrerinnen fortgebildet?

Mit der Fortbildung der Grundschullehrer auf Rügen wurde ein halbes Jahr vor Start des Projekts begonnen. Zudem werden sie fortlaufend weiter geschult. Bevor etwa eine Grundschullehrerin nach dem Inklusionsmodell unterrichtet, bekommt sie mindestens 100 Stunden Fortbildung.

Brauchen wir mehr Lehrer für das neue Schulmodell?

Bislang bekommen die Grundschulen pro Schüler eine bestimmte Anzahl von Lehrerstunden. Diese Lehrerstundenzahl erhöht sich, weil die bisherigen Förderschüler in ihren kleineren Klassen mehr Stunden pro Kind hatten und diese mitbringen. Auf Rügen stehen die Sonderpädagogen zusätzlich zur Förderung bereit. Die Schule kann selbst entscheiden, wo und wofür sie die Sonderpädagogen einsetzt.

Es wurde doch längst an Grund- und Förderschulen etwas geändert…

Ob ein Kind Lernschwierigkeiten hat, kann in der Regel erst in der Grundschule beurteilt werden. Deshalb untersuchen Schulärzte nur noch, wie gut Kinder sehen, hören und sich bewegen können. Eine Empfehlung für den Besuch einer Förderschule bleibt den Grundschullehrern in Zusammenarbeit mit dem neuen Diagnostischen Dienst der Schulämter überlassen. Stellen sich im ersten Schuljahr Lernschwierigkeiten heraus, kann ein Kind Hilfe von einem Sonderpädagogen erhalten. Die Eltern entscheiden, ob das Kind ab Klasse 3 auf eine Förderschule mit Schwerpunkt Lernen kommt. Als Alternative zu den Klassen 1 und 2 gibt es für diese Kinder an 60 Grundschulen Diagnoseförderklassen. Kindern mit Beeinträchtigungen von Sprache oder Verhalten steht weiter die Förderschule offen.

Und das bleibt so, bis das Rügener Modell aufs ganze Land übertragen wird?

Das ist noch nicht entschieden. Die Landesregierung lässt von Experten ein umfassendes Inklusionskonzept erarbeiten. Die Grundschulen haben Probleme gemeldet, die ernst zu nehmen sind.

Wo werden Förderkinder bislang unterrichtet?

Im vergangenen Schuljahr gab es in MV knapp 130 000 Schüler, rund 13250 davon mit Förderbedarf. Von ihnen besuchten 9700 Förderschulen oder -klassen. Die übrigen mehr als 3500 Kinder werden bereits an Regelschulen integrativ beschult.

Was wird aus dem Elternrecht auf Freie Schulwahl?

Wird das Inklusionsmodell an den Grundschulen eingeführt, gibt es für die Kinder mit den drei benannten Förderschwerpunkten keine Förderklassen mehr. Ab Klasse fünf entscheiden die Eltern, ob ihr Kind auf der Regelschule bleibt oder auf eine Förderschule kommt. Die "medizinisch" beeinträchtigten Kinder können die Förderschulen von der ersten bis zur zehnten Klasse nutzen.

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