Platzmangel : Ein schützendes Dach für eine gewisse Zeit

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Neun Frauenhäuser in Mecklenburg-Vorpommern bieten eine Zuflucht – doch sowohl finanziell als auch räumlich stoßen diese Einrichtungen an ihre Grenzen

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14. Juni 2017, 12:00 Uhr

Fast 40 Jahre lang hat es Tina* an der Seite ihres Mannes ausgehalten – dabei spielte nicht sie, sondern der Alkohol in seinem Leben die wichtigste Rolle. „Er hat getrunken, bis er umfiel, und dann lag er da in seinem Dreck – es war einfach furchtbar“, sagt sie heute. Noch mehr aber litt sie unter seinen Beschimpfungen, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf sie niederprasselten. „Ich hab irgendwann selbst geglaubt, dass ich nichts wert war.“

Viele Frauen, die in einem der neun Frauenhäuser des Landes Zuflucht suchen, können Ähnliches berichten. „Zu uns kommen Frauen aus allen Schichten und allen Altersgruppen“, erzählt Liane Dommer, die das Schweriner Frauenhaus leitet, in dem schließlich auch Tina Unterschlupf fand. Vor allem in der angeschlossenen Beratungsstelle seien es durchaus auch Frauen aus „gutbürgerlichem“ Milieu, die von körperlicher und mehr noch psychischer Gewalt berichteten. Ins Frauenhaus selbst zögen überwiegend Frauen aus prekären sozialen Verhältnissen, also Hartz-IV- oder Sozialhilfeempfängerinnen, ein.

Die Wege, über die sie ins Frauenhaus oder die dazugehörige Beratungsstelle finden, sind ganz unterschiedlich: Manche werden durch ihre Ausbildungsstätte oder durch die Polizei auf dieses schützende Dach für eine gewisse Zeit hingewiesen. „Wir gehen aber auch selbst viel an die Öffentlichkeit, werben beispielsweise in der Volkshochschule oder im Seniorenbüro für uns“, erläutert Liane Dommer. Die konkrete Adresse des Frauenhauses würde jedoch nur erfahren, wer sich fest zum Einzug entschlossen hätte, erklärt Liane Dommer – eine Sicherheitsmaßnahme, die allerdings immer weniger nützt, je mehr Frauen dort Zuflucht gesucht haben. Knapp 900 Frauen und etwa 690 Kinder waren es in Schwerin seit 1997.

Eine Zeitspanne, in der vieles passiert ist: So lag die durchschnittliche Verweildauer anfangs bei einem Monat, inzwischen beträgt sie schon fast 50 Tage –„vor allem, weil es viel schwerer geworden ist, für unsere Frauen eine bezahlbare Wohnung zu finden“, erklärt Liane Dommer.

Bis dahin leben die Frauen mit ihren Kindern wie in einer großen Wohngemeinschaft: Küche, Bad und Wohnzimmer werden gemeinschaftlich genutzt, jede Frau und ihre Kinder haben aber auch einen persönlichen Rückzugsraum. Begrenzend ist allerdings die Kapazität, nur für zwölf Personen ist im Schweriner Frauenhaus Platz.

Landesweit gibt es in Frauenhäusern gerade einmal 174 Plätze – zu wenige. Immer wieder passiert es, dass in einer Einrichtung alle Betten belegt sind. Hilfesuchende müssen dann in eine andere Stadt verwiesen werden – unter Umständen auch in ein anderes Bundesland. In letzter Zeit kommt das immer häufiger vor – auch, weil zunehmend Flüchtlingsfrauen zusammen mit ihren Kindern Schutz suchen. Sie fürchten oft um Leib und Leben, wurden von ihren Männern geschlagen und gewürgt. Doch ihre Beratung und Betreuung sind sehr schwierig, so Liane Dommer, in Schwerin beispielsweise sprächen beide Frauenhaus-Mitarbeiterinnen kein Arabisch. Eine eigene Dolmetscherin gibt das ohnehin schmale Budget nicht her, aus dem weder eine dringend benötigte weitere Mitarbeiterin noch eine Fachkraft, die sich speziell um die Kinder im Frauenhaus kümmert, bezahlt werden können.

Doch von diesen Sorgen, die die Frauenhausmitarbeiterinnen umtreiben, bekommen ihre Schützlinge nichts mit – dafür haben sie selbst viel zu viele Probleme. „Ob eine Frau in Not Hilfe von außen braucht, hängt immer auch von dem sozialen Netz ab, auf das sie zurückgreifen kann“, weiß Liane Dommer. Gewalttätige Partner würden oft alles daran setzen, dieses Netz zu kappen und die Frau so in eine noch größere Abhängigkeit zu zwingen. „Wenn er geht , schließt er ab. Ich habe kein Handy, kein Geld – wie soll ich da rauskommen?“ – so oder ähnlich würden viele betroffene Frauen ihre Situation beschreiben. Deshalb dauere es oft auch sehr lange, bis diese Frauen ihre Partner verließen.

Auch bei Tina war das der Fall. Schließlich gab es die gemeinsamen Kinder, für die sie da sein musste. Es gab das zusammen ausgebaute Haus, den Garten. Und es gab auch Abhängigkeiten: Tina, die nie besonders gut lesen und schreiben konnte, hatte nicht nur alles „Amtliche“ ihrem Mann überlassen. Sie hatte auch viele Jahre lang, obwohl sie selbst Geld verdient und also mit zum Familienunterhalt beigetragen hatte, nicht mal eine eigene Geldkarte, geschweige denn ein Konto.

„Freunde hatte ich schon lange nicht mehr. Und wenn wir zusammen auf eine Feier gingen, war mein Mann immer als erster blau, und dann lief er weg“, erinnert sich die Endfünfzigerin daran, wie sehr sie sich damals für ihn schämte. Ihre Kinder hätten oft gesagt: „Mama, wie hältst du das nur aus?“ Doch als Tina ihrer eigenen Mutter anvertraute, dass sie daran denken würde, sich von ihrem Mann zu trennen, sagte die nur: „Ich weiß nicht, was du willst. Er schlägt dich doch nicht“ – und wandte sich für Jahre von ihrer Tochter ab.

Die wusste schließlich keinen anderen Ausweg mehr, als ihrem Leben ein Ende zu setzen. Doch der Selbstmordversuch misslang, Tina wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Dort, als während einer mehrwöchigen Gruppentherapie auch darüber diskutiert wurde, ob sie sich denn nun von ihrem Mann trennen wolle, war sie noch hin- und hergerissen. „Aber als ich bei der Entlassung gefragt wurde: ,Wo wollen Sie jetzt hin, nach Hause oder ins Frauenhaus?‘, war es für mich ganz klar: Ich gehe ins Frauenhaus.“

Vier Monate lebte Tina dort – und fand nicht nur ihren Lebensmut wieder, sondern auch einen Weg, den sie von nun an allein weitergehen will. Die eigene Wohnung ist der erste Schritt dahin. Eine Arbeitsstelle, um auch finanziell wieder auf eigen Füßen stehen zu können, wäre jetzt ihr größter Wunsch.

Karin Koslik

* Name geändert

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