Familiengrab ade : Ein Platz auf dem Gräberfeld

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Kleiner, anonymer, pflegeleichter: Trendwende auf Deutschlands Friedhöfen. Ein Drittel der Begräbnisstätten können in jetziger Form nicht weitergeführt werden

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01. Dezember 2017, 12:00 Uhr

Er muss schon lange nachdenken: Seit 15 Jahren ist er der Begleiter auf dem letzten Weg, in Warin, Wismar, Sternberg. Doch eine Beisetzung in einem Familiengrab – „das hat es schon länger nicht mehr gegeben“, erinnert sich Torsten Lange. Vor Jahrzehnten war es noch gang und gäbe. Familiengräber mit vier oder sechs Grabstellen, „inzwischen gibt es sie nur noch selten“ , beobachtet der Funeralmeister, der Meister des Bestattungshauses Lange im mecklenburgischen Warin. Spätestens seit die von Arbeitgebern geforderte Flexibilität bei der Jobsuche Familien auseinanderreißt, seit das Wohnen der Generationen an einem Ort und unter einem Dach immer seltener wird, seit der Zusammenhalt der Familien leidet, lassen neue Bestattungsformen traditionelle seltener werden – Trendwende auf Deutschlands Friedhöfen.

Kleiner, anonymer, pflegeleichter: Viele meinen es gut und wollten die Hinterbliebenen mit der späteren Pflege der Gräber nicht belasten, beobachtet Lange. Früher seien viele dort, wo sie geboren wurden auch gestorben – „das ist heute eher die Ausnahme“. Heute sind Familienmitglieder mobiler, weiter verstreut und weniger aneinander gebunden, so dass die Pflege viele vor Probleme stelle. Häufig falle daher inzwischen die Entscheidung für eine Feuerbestattung. Die machten im Nordosten zwischen 70 bis 95 Prozent aller Beisetzungen aus – in Städten mehr als auf dem Land, schätzt Lange. Bundesweit wird nach einer Branchenanalyse bei bis zu 65 Prozent der jährlich 925 000 Verstorbenen in Deutschland eine Einäscherung gewählt. Der Bundesverband Deutscher Bestatter rechnet mit einem weiteren Anstieg.

Trotz allem: Die traditionelle Erdbestattung werde derweil nicht nur von Älteren oder Gläubigen gewünscht, auch Jüngere entschieden sich dazu. Seit 15 Jahren nehme auch der Trend zur Ruhestätte im Wald zu. Seit der Wende entschieden sich Ostdeutsche zudem für die Seebestattung. „Vorher durfte ja keiner auf die Ostsee“, erinnert Lange. Bei anderen reicht die Tierliebe indes bis in den Tod: Seit neustem ließen sich Tierbesitzer gemeinsam mit ihren toten Hunden oder Katzen in einem Grab beisetzen. Bei einer Handvoll Friedhöfen in Deutschland sei das mittlerweile möglich, sagt Thorsten Benkel, Soziologe an der Universität Passau.

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Die Branche ist einfallsreich. Der neueste Trend: tree-of-live-Baumbestattungen. Dabei werde die Asche des Verstorbenen in ein so genanntes Erde-Substratgemisch gegeben, in das zuvor ein Wunschbaum gepflanzt werde, werben beispielsweise die Feuerbestattungen Perleberg. Ist der Baum pflanzfertig, wird er den Hinterbliebenen übergeben, die ihn an einem Ort ihrer Wahl pflanzen und sich so ihren eigenen Gedenkplatz schaffen können. Aber: Aufgrund des Friedhofszwangs in Deutschland würden Tree-of Life-Bestattungen nur in Vertragsunternehmen in Ländern, in denen es keine Beisetzungspflicht für Urnen gibt wie der Schweiz, der Tschechischen Republik oder den Niederlanden, durchgeführt.

Vor allem aber wächst die Anonymität auf den Friedhöfen: Streuwiesen, Urnen-Gemeinschaftsanlagen mit oder ohne Namen, dazu anonyme Seebestattungen – viele wollten den Aufwand für die Hinterbliebenen klein halten. Dabei müsse man sich vom Pflegeaufwand nicht abschrecken lassen, sagt Lange. Ein flacher Stein in einer Rasenparzelle, ein Urnengrab mit Steinabdeckung – es gebe genügend Möglichkeiten. Auch das Kostenargument greife in vielen Fällen kaum.

Bestattern geht die Individualität am Grab dann aber doch zu weit: Eine Urne im Garten – viele der 105 zertifizierten Bestatter im Nordosten lehnen die Abschaffung des Friedhofszwangs ab. Damit würde die Chance genommen, an einem öffentlichen Ort um den Verstorbenen zu trauern, erklärt der Verbandschef. Vor allem aber sei die Gefahr groß, dass „die Urne des Verstorbenen nach dem dritten Umzug dann doch im Container landet“. Lange: „Auch eingeäscherten Verstorbenen steht die gleiche Würde zu.“ Angehörige weichen dem Verbot indes aus – und nehmen einen Teil der Asche des Verstorbenen in kleinen Urnen mit nach Hause. Nicht zulässig, lehnt Lange die Praxis einiger Berufskollegen ab. Das hindert Bestatter nicht, trotzdem kleine Urnen unter der Hand mit anzubieten.

Der Trend zu kleineren, pflegeleichteren Gräbern hat Folgen: Ein Drittel der heutigen Friedhöfe könnte in den kommenden fünf bis zehn Jahren in der jetzigen Form kaum weitergeführt werden, schätzt die Deutsche Friedhofsgesellschaft. Für die wachsende Zahl von Urnengräbern werde weniger Platz benötigt. Damit gingen aber auch trotz steigender Gebühren die Einnahmen zurück. Bislang sei in der Region noch kein Friedhof geschlossen worden, beobachtet Lange. Es gebe aber Friedhöfe, auf denen nur noch alle ein bis zwei Jahre eine Bestattung erfolge. Und so werde es vor allem von den kleineren Dorf-Friedhöfen bald „den einen oder anderen“ nicht mehr geben, prophezeit der oberste Bestatter im Nordosten.

Platz auf dem Gräberfeld: Der Trend zur Urne führt zu immer mehr ungenutzten Teilflächen auf den Friedhöfen. Von den 425 Millionen Quadratmetern auf den 32 000 deutschen Friedhöfen sind nach Berechnungen des Instituts für Kommunale Haushaltswirtschaft 165 Millionen Quadratmeter ungenutzt. Für die Unterhaltung müssen trotzdem jährlich Millionen aufgebracht werden.

Ob Erd-, Feuer-, Seebestattung, Beisetzung im Wald oder ganz anonym auf der Streuwiese: Welche Bestattungsform ist die Entscheidung eines jeden selbst, meint Lange. Nur sollte sich jeder zu Lebzeiten darüber Gedanken machen – und mit den Angehörigen darüber reden. Viele scheuten sich davor. Tod und Sterben – in vielen Familien ein Tabu-Thema. „Dabei steht mit der Geburt fest, dass wir sterben“, wirbt Lange für mehr Offenheit: „Welche Form der Grabstelle auch immer, die Hinterbliebenen müssen damit leben.“ Viele bräuchten einen Punkt, um die Trauer zu bewältigen. In einer der „schwierigsten Situationen des Lebens“ seien sie oft überfordert, wenn sie einerseits den Wunsch des Verstorbenen erfüllen wollten, aber auch eigene Vorstellungen hätten – über einen „Ort der Erinnerung“, meint Lange: „Den sollten wir uns nicht nehmen lassen.“

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