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Mecklenburg-Vorpommern

21. November 2017 | 18:45 Uhr

Ein Paketfahrer packt aus

vom

svz.de von
erstellt am 30.Apr.2012 | 12:32 Uhr

Schwerin | Die einen schreien vor Glück, wenn sie ihr Paket bekommen, in der Werbung jedenfalls. Die anderen hätten allen Grund, vor Wut zu schreien. Im realen Leben sind Paketboten und Paketfahrer oft arm dran: Zahnrädchen in einem boomenden Milliarden-Geschäft, die zwar viel Arbeit, aber kaum Freude und wenig Lohn haben. "Lohndumping schlimmster Art", wirft die Gewerkschaft verdi der Paketbranche vor.

"Schinderhannes" (Name ist der Redaktion bekannt) ist kein Typ, der schreit. Der Paketfahrer packt aus: Nüchtern fast kaltblütig hat er seinen Job protokolliert. Sechs überlange Arbeitstage und am Monatsende eine Enttäuschung. Um einer Kündigung vorzubeugen, besteht er im Gespräch mit der Zeitung auf den Künstlernamen, der an das Tätigkeitsverb "sich schinden" erinnert. Allerdings war es einst ein Räuber, der den Namen Schinderhannes bekannt machte. Unser Schinderhannes hingegen befindet in der Rolle das Ausgeraubten. Er ist Berufskraftfahrer bei einer Spedition in Mecklenburg-Vorpommern, die im Auftrag von Paketdiensten landes- und bundesweit Frachttouren erledigt. "Ein Knochenjob, nur ein wenig besser als nichts", sagt Schinderhannes.


Es gibt in der Paketbranche die Big 5, die fünf Großen, wie Wolfgang Abel, Leiter des Fachbereichs Postdienste, Speditionen und Logistik bei der Gewerkschaft verdi in Hamburg, erklärt. Neben Post/DHL zählen UPS, Hermes, DPD und GLS dazu. Auf ihrer Internetseite feiert die Deutsche Post den prospierenden Paketmarkt: Um 7 Prozent hat der zugelegt von 2010 zu 2011. Deutsche Post/DHL befördert vier von zehn Paketen von A nach B.


Verdi zufolge arbeiten bundesweit rund 50 000 Menschen für die fünf Paket-Riesen. "Mindestens 35 000 zu Schweinebedingungen", sagt Wolfgang Abel. "Und das ist noch tiefgestapelt." Für Schinderhannes und seine knapp 100 Kollegen dauert die Arbeitswoche von Montag bis Sonnabend. Meist sitzen sie auf ein und demselben Lkw, Fahrzeuge bis 40 Tonnen. "Bei der Berechnung der Arbeitszeit gibt es viele Unklarheiten", schildert er. Meist sei er 13 bis 15 Stunden täglich unterwegs, einschließlich Unterbrechungen und Wartezeiten, die von einer halben bis siebeneinhalb Stunden dauern können. "Dann hast du ja Pause, behauptet der Chef."


336 Schichtstunden in einem Monat


Arbeitsbeginn 3.55 Uhr, Feierabend 19.25 Uhr. Arbeitsbeginn 3.45, Feierabend 21.05 Uhr. So hat es Schinderhannes notiert, Tag für Tag. Fällt mal einer aus der Reihe - Beginn 4.05 Uhr, Feierabend 12.05 Uhr - handelt es sich um einen Sonnabend. In seinem längsten Monat hat er es auf mehr als 336 Schichtstunden gebracht, der Durchschnitt liegt zwischen 280 und 320. Im Arbeitsvertrag steht eine 40-Stunden-Woche, im Monat also 172 Stunden.

Gewerkschafter Abel unterscheidet zwischen Paketzustellung - der "letzten Meile" - und den Ver- und Entsorgungsfahrten, dem Feld von Schinderhannes und Co.. "GLS, Hermes und DPD haben alle Aufträge an Subunternehmer vergeben. Deutsche Post/DHL überlassen die Paketzustellung zu 90 Prozent eigenen Mitarbeitern, bei UPS sind es 70 Prozent", erklärt er. Bei den Ver- und Entsorgungsfahrten, setze die Post nur noch zu 20 Prozent eigene Leute ein. Verdi zufolgt erhalten sie Tariflöhne, "zum Einstieg sind das 11,13 Euro pro Stunde".

Das Prinzip, nach dem die Fremdfirmen arbeiten, beschreibt Wolfgang Abel so: Der Auftraggeber schreibt eine bestimmte geographische Einheit aus. Die Auftragnehmer werden meist nach der Anzahl der bewegten Pakete bezahlt und tragen das unternehmerische Risiko.

Das zeigt sich für Schinderhannes zuallererst in einem "unglaublichen Zeitdruck". Fährt er für die Post, muss er bei jedem Arbeitsschritt eine bestimmte Zahl von Minuten einhalten: Für das Laden der Fracht im Paketverteilzentrum Neustrelitz. Für das Entladen in Schwerin. Für die Zwischentour durch Westmecklenburg, wo er an Post-Verkaufspunkten und Paket-Stationen Pakete einsammelt und nach Schwerin bringt. Für das neuerliche Aus- und Einladen und die Rückkehr nach Neustrelitz. "Die Zeitvorgaben für ein und denselben Arbeitsgang können zwischen zwei und 15 Minuten schwanken", schildert er. Am Ende stehe immer das gleiche Ergebnis: Die Zeit reiche hinten und vorne nicht. Manchmal brauche er schon für das Absenken der höhenverstellbaren Ladeklappe länger als für den gesamten Ladevorgang erlaubt.

Die Entscheidung der Kunden


Was kann der Fahrer in dieser Situation tun? Er muss zwischendurch Gas geben. "Die vorgeschriebenen 60 Stundenkilometer auf der Landstraße reichen da nicht", sagt Schinderhannes. Er ist überzeugt: "Geschwindigkeitsüberschreitungen sind gewollt."

Deutsche Post/DHL versprechen ihren Kunden eine werktägliche Zustellung, also von Montag bis Sonnabend. "90% E+1" lautet die Formel, die meint: Die meisten der bundesweit rund 3 Millionen Pakete und Päckchen täglich werden am Tag nach der Einlieferung zugestellt. Wie viele Subunternehmer dabei helfen? "Genaue Angaben machen wir aus Wettbewerbsgründen nicht." Dafür gibt es Auskunft zur Frage nach den Arbeitsbedingungen bei den Service-Partnern: "Wir vertreten die Auffassung, dass gute Arbeit angemessen bezahlt werden muss. Das Vergütungsmodell der Deutschen Post ermöglicht ihren Servicepartnern, auskömmliche Löhne zu zahlen." Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass die Deutsche Post/DHL "grundsätzlich kein Weisungsrecht gegenüber dem Servicepartner, zum Beispiel hinsichtlich der Höhe der Bezahlung der Fahrer hat".


Im Arbeitsvertrag von Schinderhannes stehen knapp 1200 Euro brutto. Nur durch die Verpflegungspauschale von 500 bis 600 Euro, die steuerfrei obendrauf kommen, hat er am Monatsende 1400 bis 1500 Euro auf die Hand. 24 Tage Urlaub gibt’s im Jahr, vier davon müssen auf einen Sonnabend fallen. "Das ist doch unterste Schublade, wenn du permanent unterwegs bist."

Zum 1. Mai, dem Tag der Arbeit, erneuern Gewerkschaften wie verdi die Forderung nach "Arbeit zu fairen Bedingungen". Ein gesetzlicher Mindestlohn könnte das miserable Lohngefüge nach unten beschneiden, wie Wolfgang Abel betont. "Mecklenburg-Vorpommern bereitet sich ja schon drauf vor für Landesaufträge", sagt er. Arbeitnehmer wie Schinderhannes könnten ihr Recht einklagen, zum Beispiel die Bezahlung von Überstunden. Zudem verbiete das Bürgerliche Gesetzbuch sittenwidrige Löhne, also Löhne, die ein Drittel unter den tarifüblichen liegen. Allerdings: "Je näher die polnische Grenze, desto größer die Arbeitslosigkeit und die Bereitschaft zu Arbeit um jeden Preis", schätzt der Gewerkschafter ein. "Die Abhängigkeiten der Menschen werden schamlos ausgenutzt." Wolfgang Abel setzt lieber auf "öffentlichen Druck": Ein Fernsehbericht habe Lohndumping bei einem Service-Partner der Deutschen Post/DHL in Hamburg aufgedeckt. "Jetzt sind die Kollegen bei einer Tochter der Post beschäftigt. Nach Tarif." Zudem mahnt er die Verantwortung des Verbrauchers ab. Mit jeder Auftragsentscheidung könne der Kunde bedenken: "Die Post ist noch am wenigsten schlimm, dann kommt UPS."

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