Pflegelotsen in MV : Ein offenes Wort am Gartenzaun

Viele Pflegebedürftige  tun sich schwer damit, Hilfe anzunehmen. Kommt das Angebot allerdings von jemandem aus dem Ort, den sie kennen, sinkt die Hemmschwelle.
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Viele Pflegebedürftige tun sich schwer damit, Hilfe anzunehmen. Kommt das Angebot allerdings von jemandem aus dem Ort, den sie kennen, sinkt die Hemmschwelle.

Einmaliges Projekt im Landkreis Ludwigslust-Parchim: Pflegelotsen sind in ihrer Gemeinde erste Ansprechpartner für Hilfebedürftige

svz.de von
28. Juni 2016, 12:00 Uhr

Helga Haase hat es am eigenen Leib erfahren: „Dass meine Schwiegermutter gepflegt werden musste, kam ganz plötzlich. Da blieb kaum Zeit zum Recherchieren, und auch vom Pflegedienst war kaum etwas zu erfahren – die Schwestern mussten ja immer gleich wieder weiter. Immerhin sagten sie mir aber, ich sollte für meine Schwiegermutter eine Pflegestufe beantragen – selbst darauf wäre ich in dieser Situation nicht von allein gekommen.“

Jemanden zu haben, der ihr zur Seite steht und ihr den Weg zu möglichen Hilfen weist – das hätte sich Helga Haase seinerzeit sehr gewünscht. Heute unterbreitet sie selbst eben dieses Angebot: als Pflegelotsin für ihr Heimatdorf Langen Brütz und dessen Ortsteil Kritzow.

Seit Oktober 2014 gibt es im Landkreis Ludwigslust-Parchim Pflegelotsen, ein Projekt, das von Land und Landkreis gefördert wird und das in Mecklenburg-Vorpommern seinesgleichen sucht. Im Frühjahr 2015 wurden die ersten Ehrenamtler geschult, seitdem sind kontinuierlich weitere dazugekommen. „Mittlerweile sind in 39 Gemeinden des Landkreises 43 Pflegelotsen aktiv“, erklärt Angelika Lübcke, eine der beiden Koordinatorinnen. Ziel sei es, flächendeckend im Kreis vertreten zu sein, noch gebe es vor allem in der Sternberger Region aber „weiße Flecken“.

Das Projekt setzt auf Nähe und auf direkte Ansprache. „Pflegelotsen sind die ersten Kontaktpersonen für Betroffene und ihre Angehörigen“, erläutert Angelika Lübcke. „Denn sie sind vor Ort bekannt – und sie scheuen sich nicht, Menschen auch direkt am Gartenzaun anzusprechen, von denen sie glauben, dass sie Hilfe benötigen.“ Lübcke selbst ist ehrenamtliche Bürgermeisterin von Siggelkow – und dort bekannt wie ein bunter Hund. Sie anzurufen und um Rat zu bitten falle den Dorfbewohnern leichter, als sich Fremden anzuvertrauen, hat die 56-Jährige beobachtet. Genau darauf setzt das Modellprojekt.

Von sich aus sprechen viele Pflegebedürftige und ihre Angehörigen nicht über ihre Probleme, weiß auch Helga Haase. Pflege sei bei der älteren Generation immer noch ein Tabuthema. Da müsse man durch, sei weit verbreitete Meinung. „Wenn ich allerdings zu einer Frau hier im Dorf, die ich schon lange kenne, sage ,Mensch, du gehst aber schlecht…‘, dann ist sie meist dankbar dafür, endlich mal ihr Herz ausschütten zu können.“ Allerdings dauere es auch dann mitunter noch ein paar Wochen, bis die Last so groß wird, dass sie sie allein nicht mehr tragen kann – und will.

„Wir pflegen nicht, wir erbringen keine hauswirtschaftlichen Dienstleistungen und wir füllen auch keine Anträge aus“, stellt Angelika Lübcke klar. „Aber wir können den Weg bereiten zu jemandem, der das alles kann“, ergänzt Helga Haase. In erster Linie seien das die Pflegestützpunkte. „Dass deren Mitarbeiter auf Wunsch auch nach Hause kommen, wissen viele immer noch nicht“, hat sie beobachtet. Auch an die Pflegekassen oder die Betreuungsbehörden verweisen Pflegelotsen oft. „Und manchmal reicht auch schon der Hinweis auf den Hausarzt“, weiß Helga Haase. „Zum Beispiel, wenn es um die Verordnung bestimmter Hilfsmittel geht. Viele glauben, dass die ihnen gar nicht zustehen, solange sie keine Pflegestufe haben. Aber das stimmt nicht.“

Nicht jeder Pflegelotse ist in den zurückliegenden Monaten tatsächlich schon aktiv geworden. „Es dauert, bis sich das rumgesprochen hat“, ist Angelika Lübcke überzeugt. Immerhin: 2015 gab es allein im Altkreis Parchim, für den die Siggelkowerin verantwortlich ist, 168 Anfragen. „Das ist ein tolles Ergebnis“, findet sie. Allerdings bereitet es ihr Sorgen, dass der Landeszuschuss nur bis Ende des Jahres garantiert ist. Sollte er abgesenkt werden, ist nicht nur eine der Koordinatorenstellen in Gefahr,sondern auch die Schulung weiterer Ehrenamtler.

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