Ein neues Kapitel

Das Buch zur Ausstellung '1000 Jahre Mecklenburg' erinnert Rolf Theiss an seinen ersten Urlaub in Mecklenburg-Vorpommern.
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Das Buch zur Ausstellung "1000 Jahre Mecklenburg" erinnert Rolf Theiss an seinen ersten Urlaub in Mecklenburg-Vorpommern.

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24. Februar 2009, 11:39 Uhr

Rolf Theiss ist umzingelt. 18 Kinder zwischen vier und sechs Jahren hocken im Kreis auf Kissen und Bänken und blicken erwartungsvoll auf den grauhaarigen Herrn mit der Brille, der auf einem Schemel in der Mitte sitzt. In der Hand hält er ein Buch mit Mecklenburger Märchen. Heute geht es um Prinzessin Zitrinchen. Als Rolf Theiss mit seiner ruhigen Stimme ansetzt, wird es still in der Kita "Reggio Emilia". Die kleinen Zuhörer hängen an seinen Lippen, sind neugierig auf die Bilder in dem Buch, das er zwischendurch immer wieder hochhält. "Die Kinder lieben ihn", sagt Erzieherin Christa Meinecke über den 66-jährigen Seniortrainer, der seit nunmehr einem Jahr als Vorlesepate in verschiedenen Schweriner Kitas Geschichten vorträgt. "Für uns ist er unverzichtbar geworden", meint die Erzieherin.

Auch Rolf Theiss möchte auf seine Aktivitäten in seiner neuen Heimat nicht mehr verzichten. Vor knapp drei Jahren ist er mit seiner Frau Renate Lunk aus dem Rheinland nach Mecklenburg-Vorpommern gezogen - aus Leidenschaft und Überzeugung. "Wir wollten schon immer gern im Norden leben", erzählt Theiss. "Jetzt haben wir uns unseren Traum erfüllt."

"Wollt ihr wirklich zu den Fischköppen ziehen?"
Die Ex-Düsseldorfer und Neu-Schweriner kamen allerdings über einen Umweg in den Nordosten. Ursprünglich wollten sie sich in Schleswig-Holstein niederlassen. Während ihr Mann nach zuletzt 20 Jahren als stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei der "Rheinischen Post" bereits in Altersteilzeit gegangen war, suchte die damals 54-jährige ärztliche Psychotherapeutin auch nach einem beruflich geeigneten Ort für eine neue Praxis. Anders als in Kiel wurde sie von der Kassenärztlichen Vereinigung am Alternativstandort Schwerin aber mit offenen Armen empfangen. Und dass ihnen die Gegend hier mindestens ebenso gut gefällt wie Schleswig-Holstein, wussten beide spätestens seit einem Urlaub in Mecklenburg-Vorpommern. Also machte das kinderlose Ehepaar Nägel mit Köpfen, verkaufte sein Haus in Neuss und mietete eine idyllisch gelegene Hinterhof-Wohnung in einem frisch sanierten Fachwerkhaus mitten in Schwerin. Und das zu einem Preis, für den sich ein Makler in Düsseldorf wahrscheinlich gar nicht erst in Bewegung gesetzt hätte.

Wanderwege statt Einkaufsmeilen
"Wollt ihr wirklich zu den Fischköppen ziehen?", hätten Freunde aus dem Rheinland damals gefragt. Darüber muss Rolf Theiss heute noch schmunzeln. "Mag ja sein, dass Menschen, die im Winter zum Eisbaden gehen, ein bisschen verrückt sind, aber sie sind liebenswert", findet er. Zwar ist er in Düsseldorf geboren, doch er habe noch nie viel damit anfangen können, dass es dort sogar auf der Kirmes Champagner gebe. "Ich galt als schon als Nestbeschmutzer, weil ich Köln besser fand", sagt er und lacht. Bodenständigkeit statt Schickimicki, Wanderwege statt Einkaufsmeilen - das ist es, was er an seiner neuen Heimat im Norden so liebt. Und: "Die Menschen sind freundlich und hilfsbereit", hat er festgestellt. Wenn es Lebensmittel, die er aus türkischen Läden kennt, hier nicht gibt, dann werden sie auf Nachfrage für ihn bestellt. Als er sich beim Fischhändler einmal vergeblich nach Seezungen erkundigte, lagen diese beim nächsten Mal extra für ihn bereit. Wenn er eine Frage an die Stadt hat, erhält er zügig eine Antwort, wie er sagt. "Und wenn ich beim Theater anrufe, um Karten zu bestellen, werde ich gleich zuvorkommend beraten, wo noch gute Plätze frei sind."

Kulturelles Angebot als Pluspunkt
Überhaupt sei das kulturelle Angebot hier ein großer Pluspunkt, so Theiss. Und das sagt jemand, der aus einer Großstadt kommt? "Wir waren hier in knapp drei Jahren häufiger im Theater als in den letzten 20 Jahren in Düsseldorf", erzählt er. Er schwärmt vom Programm des Staatstheaters und der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, bei denen er Mitglied ist. Er schwärmt vom Konzert- und Ausstellungsangebot in der Region. Und er schwärmt von der Natur: "Die Wochenenden kommen uns oft so vor wie ein Kurzurlaub." Regelmäßig macht das reisefreudige Ehepaar Ausflüge in die Umgebung, um das Land besser kennenzulernen.

Mit seiner Liebeserklärung an Mecklenburg-Vorpommern hat Rolf Theiss inzwischen auch Freunde und Familienmitglieder aus seiner alten Heimat angesteckt, die regelmäßig zu Besuch kommen. Im Jahr der Bundesgartenschau ist die Gästeliste besonders lang. Anschluss in der neuen Heimat zu finden, fiel dem Ehepaar ebenfalls nicht schwer. Beide schwören auf ihre gute Nachbarschaft und auf Kontakte durch Beruf und Ehrenämter.

Können sie sich vorstellen, hier noch einmal wegzuziehen? "Nein, nein, nein", antwortet Rolf Theiss wie aus der Pistole geschossen. "Umziehen werden wir höchstens noch einmal in eine Seniorenresidenz", sagt er. Und zwar in Schwerin.

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