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Jugendämter in Not : Ein Mitarbeiter auf 100 Familien-Fälle

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Es ist nur eine Frage der Zeit bis zum nächsten Kinderschutz-Fall wie dem der kleinen verhungerten Lea-Sophie in Schwerin, schätzt der Geschäftsführer des Deutschen Kinderschutzbundes in MV, Carsten Spies ein.

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erstellt am 09.Mär.2012 | 08:46 Uhr

Schwerin/Greifswald | Es ist nur eine Frage der Zeit bis zum nächsten Kinderschutz-Fall wie dem der kleinen verhungerten Lea-Sophie in Schwerin, findet der Geschäftsführer des Deutschen Kinderschutzbundes in MV, Carsten Spies, als er die aktuellen von unserer Redaktion recherchierten Zahlen hört: Allein im neuen Großkreis Vorpommern-Greifswald muss ein Mitarbeiter des Sozialpädagogischen Dienstes durchschnittlich 100 Fälle und teilweise mehr bearbeiten, im Kreis Ludwigslust-Parchim sind es 85, im Landkreis Mecklenburgische-Seenplatte 60 bis 70 Fälle im Bereich Hilfen zur Erziehung und Eingliederungshilfe und in der Landeshauptstadt Schwerin 45. In der Hansestadt Rostock liegt nach Angaben der dortigen Verwaltung die Fallbelastung gegenwärtig bei etwa 100 Fällen pro Sozialarbeiter.

Einen festgelegten Bundesdurchschnitt gibt es nicht, aber die Fachleute gehen von einem "normalen" Schnitt von 50 aus. Davon weit entfernt ist MV: "50 sind schon die Obergrenze. Bei 100 kann der Mitarbeiter noch so toll und fit sein - viele Fälle wird er nur noch nach Aktenlage betreuen können", sagt Spies. Verschärfend komme die Kreisgebietsreform hinzu. Die zu betreuenden Gebiete seien teilweise größer als das Saarland, die Wege zu den betroffenen Familien enorm lang: "Für die Betroffenen kann das nur von Nachteil sein", so der Geschäftsführer des Kinderschutzbundes.

Einen dramatischen Hilferuf startete denn auch der Jugendamtsleiter im Kreis Vorpommern-Greifswald, Dirk Scheer. Die Situation sei "bedenklich und so auf Dauer nicht zu verantworten", warnt er. Sein Kollege aus der Landeshauptstadt, Sozialdezernent Dieter Niesen, ergänzt: Allein bei der - am häufigsten praktizierten - sozialpädagogischen Familienhilfe lag der Anstieg innerhalb von vier Jahren bei 30 Prozent. Parallel hätten sich die in vielen Familien eingesetzten ambulanten Hilfen seit 2007 nahezu verdoppelt. Ebenso fast verdoppelt hätte sich zwischen 2007 und 2010 auch die Zahl der Inobhutnahmen wegen dringender Kindeswohlgefährdung. Die Verwaltung des mit ebenfalls 100 Fällen pro Mitarbeiter betroffenen Landkreises Rostock reagierte indes gelassener: "Es wird eingeschätzt, dass bei einer Betreuung von 100 Fällen pro Sozialarbeiter die Aufgaben der Krisenintervention zur Abwendung von Kindeswohlgefährdungen leistbar sind", so eine Sprecherin.

Zumindest im Raum Vorpommern-Greifswald hat die Landesregierung jetzt eine kleine Hilfe geben können: "Mittlerweile hat das Innenministerium dem Landkreis Vorpommern-Greifswald zugestanden, zwei Fachstellen im Bereich Kinderschutz auszuschreiben und zu besetzen.

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