Gegen LPG Unrecht : Ein Mann – eine Demo

Hans-Peter Kruse (64) protestierte gestern vor der Staatskanzlei in Schwerin: Er fühlt sich mit dem Rückbau einer LPG-Liegenschaft allein gelassen.
Hans-Peter Kruse (64) protestierte gestern vor der Staatskanzlei in Schwerin: Er fühlt sich mit dem Rückbau einer LPG-Liegenschaft allein gelassen.

Der Rückbau landwirtschaftlicher DDR-Altlasten kostet Millionen. Doch einige Betroffene fühlen sich mit dem Problem allein gelassen

svz.de von
31. August 2016, 12:00 Uhr

Der Mann in dem weißen Schutzanzug und den grünen Gummistiefeln hat sich direkt an der Treppe zur Staatskanzlei postiert. Er hat auch eine Schubkarre abgestellt. Hinter ihm huschen die Minister in dunklen Anzügen zur letzten Kabinettssitzung vorbei. Der Mann in den Gummistiefeln heißt Hans-Peter Kruse und ist eigentlich Unternehmensberater – gestern vormittag verteilt der 64-Jährige aber als Demonstrant an Passanten Flugblätter mit der Aufschrift „LPG Unrecht darf nicht verjähren.“

Kruse fühlt sich mit der Beseitigung landwirtschaftlicher Altlasten aus DDR-Zeiten alleingelassen. Er ist Mitglied einer Erbengemeinschaft, die in Upahl (Nordwestmecklenburg) ein rund einen Hektar großes Grundstück besitzt. Etwa 40 Jahre stand auf dem Gelände eine landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG). Nach der Wende wurde die LPG liquidiert. Die Familie Kruse erhielt das Grundstück zurück inklusive Altlasten: zwei große Ställe, Betonsilos, eine Jauchegrube. „Da wurde Asbest verbaut. Das Gelände ist womöglich kontaminiert“, sagt der Mann im weißen Schutzanzug. Der Umwelt zuliebe würde er die Anlagen gern abreißen und entsorgen lassen. Das wäre auch im Interesse der Regierung.

Erst Anfang der Woche verkündete Agrarminister Till Backhaus: Für den Rückbau alter Ställe und LPG-Werkstätten sowie der Beratung der Grundstückseigentümer sollen 2016 und 2017 aus dem Sondervermögen der Landwirtschaft rund zwei Millionen Euro zur Verfügung gestellt werden. Durch den Rückbau würden zum Teil akute Gefahren beseitigt und die Flächen gleichzeitig für andere Nutzungen vorbereitet, hatte der Minister angekündigt.

Das Programm zur Beseitigung der Schandflecke gibt es bereits seit mehreren Jahren. Seit 2010 seien in ländlichen Regionen 94 Maßnahmen finanziert worden. Darüber hinaus seien „16 herrenlose, kommunale und private Flächen“ beräumt worden. Die Erbengemeinschaft in Upahl war bislang aber außen vor geblieben.

Kruse hatte versucht, ins Programm aufgenommen zu werden. Über fünf Jahre zog sich die bürokratische Auseinandersetzung hin. Er reichte zahlreiche Unterlagen ein. „Ich wurde aber nicht als Härtefall eingestuft“, sagt er. In erster Linie seien Betroffene unterstützt worden, die Abriss und Entsorgung der Altlasten aus eigener Kraft nicht finanziell stemmen konnten.

Die Kosten für den Rückbau der alten LPG-Anlage in Upahl schätzt der 64-Jährige auf rund 80 000 Euro. Die Beseitigung von Ställen, Silos und Jauchegrube aus eigener Tasche zu bezahlen, kommt für ihn aber nicht in Frage. „Das ist nicht unsere Baustelle“, stellt Kruse klar. Er habe die Anlagen nicht errichtet. Und er wolle mit dem Grundstück auch kein Geld verdienen. „Wir möchten das Problem nur loswerden und nicht für mögliche Gefahren verantwortlich gemacht werden“, betont er. Er habe dem Agrarministerium sogar vorgeschlagen, dem Land das Grundstück zu schenken plus 20 000 Euro dazu. Das Angebot sei abgelehnt worden. Auch mit der Landgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern, die den Fall übernahm, gab es keine Einigung. Die Gesellschaft hatte ein Angebot unterbreitet, in dem den Erben ein Betrag von 30 000 Euro in Aussicht gestellt wurde. Für den Rückbau hätten die Erben zunächst in Vorleistung gehen müssen. „Das sind nicht zu überschauende Risiken für uns“, sagt Kruse.

Der Protest vor der Staatskanzlei ist eine Ein-Mann-Demonstration. Doch der Unternehmensberater ist sich sicher: Es gibt noch viele solcher Rückbaufälle. Vielleicht stehen beim nächsten Mal noch andere Betroffene in Schutzanzügen auf der Treppe.

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