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Mecklenburg-Vorpommern

21. November 2017 | 15:13 Uhr

Lübz : Ein Lichtblick für Lukas

vom

Lukas’ Start ins Leben beginnt dramatisch. Das wenige Monate alte Baby hört nicht auf zu schreien, windet sich vor Schmerzen. Janett Böhnke lässt ihren Sohn untersuchen. Was die Ärzte finden, ist ein Schock für die Mutter.

svz.de von
erstellt am 07.Feb.2012 | 12:05 Uhr

Lübz | Lukas’ Start ins Leben beginnt dramatisch. Das wenige Monate alte Baby hört nicht auf zu schreien, windet sich vor Schmerzen. Janett Böhnke bangt um ihren Sohn. Sie bringt ihn zur Kinderärztin. Das Kind würde zahnen, diagnostiziert die Medizinerin. Janett Böhnke kann das nicht glauben. Als dann auch noch die Fontanelle des Kindes anschwillt, erfasst sie die blanke Panik. Sie veranlasst weitere Untersuchungen. Das rettet Lukas’ Leben. Was die Ärzte finden, ist ein Schock für Janett Böhnke: Der Kopf ihres Sohnes ist voller Wasserkammern, die auf das Gehirn drücken. Hydrocepahlus nennt das der Fachmann. Der kleine Junge hätte daran sterben können. Doch der Eingriff kommt noch rechtzeitig. Lukas kommt ins Krankenhaus nach Schwerin. Die Ärzte legen dem Jungen eine Drainage. Sie leitet das Wasser in seinen Magen ab. Fast zwei Monate muss der Junge in der Klinik bleiben. Eine Zerreißprobe - auch für seine Mutter. "Ich kam damit nicht klar. Ich erkrankte am Borderline-Syndrom, hab mich geritzt", sagt sie und blickt auf ihre Unterarme.

Heute geht es beiden - Mutter und Sohn - besser. Dem mittlerweile zehnjährigen Lukas merkt man seine Behinderung kaum an. Er ist ein aufgeweckter Junge. Nur seine verlangsamte Sprache lässt Außenstehende vermuten, dass er ein besonderes Kind ist. Dennoch: Im täglichen Leben braucht er eine Rundum-Betreuung.

Auch wenn im Leben der Böhnkes Ruhe eingekehrt ist, die Behinderung von Lukas stellt die Familie immer wieder vor Herausforderungen. Ein Kampf zumindest ist nun pünktlich zum Ferienbeginn zu einem positiven Ende gekommen: Lukas darf zum Start des zweiten Schuljahres auf eine neue Schule gehen. Seine Mutter hat sich lang gewünscht, ihren Sohn statt in Parchim in der Dobbertiner Förderschule mit Schwerpunkt geistige Entwicklung unterrichten zu lassen. Doch ob die Kosten für die Schülerbeförderung des Jungen von seinem Wohnort Barkow nach Dobbertin vom Kreis übernommen werden, war lange unklar. Denn gefördert wird eigentlich lediglich der Transport zur örtlich zuständigen Schule - also in diesem Fall nach Parchim. Nun hat es dennoch geklappt. Dass ihr Antrag positiv beschieden wird, erfährt die Mutter durch die SVZ. "Ich bin sowas von glücklich", sagt Janett Böhnke und ringt nach Worten. Auf diese Nachricht hat sie lange gewartet. Schon im Dezember vergangenen Jahres habe sie einen entsprechenden Antrag gestellt, wollte ihr Kind eigentlich zum Jahresbeginn umschulen. Doch eine Rückmeldung vom Amt habe sie damals nicht bekommen, versichert die alleinerziehende Mutter von fünf Kindern.

Erstmals sei am 31. Januar beim Fachdienst ein Antrag auf Schülerbeförderung nach Dobbertin beantragt worden, sagt hingegen Joachim Müller, Fachdienstleiter Regionalmanagement und Europa. Das sei bereits der zweite Antrag gewesen, kontert Janett Böhnke. Doch sie ist froh, dass die Umschulung jetzt überhaupt geglückt ist, wenn auch später als gewollt. "Das ist ein positives Beispiel, wenn es um das Wohl des Kindes geht", befindet auch Joachim Müller. Die Entfernungen vom Wohnort nach Parchim und nach Dobbertin sind nahezu identisch. Folglich habe man entschieden, dem Wunsch von Janett Böhnke nachzukommen und habe den Antrag bewilligt. Auch die Beförderung sei bereits organisiert, sagt Joachim Müller.

Nicht immer geht es unproblematisch zu, wenn Eltern behinderter Kinder auf Ämter oder Krankenkassen treffen. "Man hat den Alltag mit dem Kind und dann auch noch den Stress mit den Ämtern. Wenn eine Sache erledigt ist, kommt oft schon gleich der nächste Kampf", sagt Nicola Robbin, Elternvertreterin der Dobbertiner Förderschule mit Schwerpunkt geistige Entwicklung. So wie ihr geht es vielen Eltern, die das Schicksal der Plauerin teilen. Ob sie eine Pflegeleistung für ihr behindertes Kind beantragen wollen oder ein Paar Orthesenschuhe - oftmals müssen Eltern beim Aufeinandertreffen mit Ämtern und Krankenkassen einen langen Atem beweisen. "Ich hab immer meine Paragrafen dabei. Anders geht es nicht", sagt Birgit Holst. Auch sie ist Teil der Dobbertiner Elternschaft. Aus langjähriger Erfahrung weiß sie, welche Ansprüche auf welche Leistungen Familien geltend machen können. Mit ihrem Wissen will sie Betroffenen helfen. "Wenn ich anderen helfen kann, dann geh ich darin auf. Dabei hol ich mir die Kraft, die ich für meine eigene Familie brauche", sagt Birgit Holst. Gemeinsam mit Nicola Robbin hat sie beim ersten Gesprächsnachmittag der Dobbertiner Elternschaft Betroffenen Tipps zum Thema Ämter, Pflege und Schulbildung für behinderte Kinder gegeben. Zwar waren nur wenige Besucher dabei, doch es sei ein Anfang, sagen die Initiatoren. Es koste schließlich Kraft, mit seinem Problem an die Öffentlichkeit zu gehen. Scham halte viele zurück. Und auch die Resignation spiele eine Rolle. Die beiden Frauen aber wollen anderen Mut machen, sich Hilfe zu suchen. Niemand sei mit seinen Problemen allein, versichern sie. Und es lohne sich, den Schritt aus der Isolation zu wagen. "Unsere Kinder haben keine Lobby. Wir sind ihr Sprachrohr. Deshalb müssen wir kämpfen", sagt Nicola Robbin.


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