Flüchtlingstagebuch Teil 1 : Ein Leben wie auf dem Bahnhof

Moha kam aus Syrien nach MV
Moha kam aus Syrien nach MV

Unsere Redaktion begleitet den Syrer Moha in den nächsten Wochen und Monaten

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19. September 2015, 07:30 Uhr

Moha ist aus Syrien geflohen, als er in den Bürgerkrieg ziehen sollte. Seit über einem Jahr ist er auf der Flucht. Vor einer Woche erreichte er Deutschland. In Mecklenburg-Vorpommern ist er in einer Erstaufnahmeeinrichtung untergebracht. Er hofft auf einen Neuanfang. Unsere Redakteurin Lisa Kleinpeter wird ihn auf seinem Weg in den nächsten Wochen begleiten und in einem Flüchtlingstagebuch immer wieder über Moha berichten.

Eine Nachricht von Moha ploppt auf dem Display meines Handys auf. „Take care“ – Pass auf dich auf. Dann noch ein grinsendes Smiley. Ich stelle mir vor, wie Moha zwischen den vielen anderen Flüchtlingen sitzt. Seine Habseligkeiten alle unter die kleine Pritsche gestopft. Was muss das für ein Gefühl sein? „Take care“. Ich schaue mich in meinem Zimmer um, vollgestopft mit all den Klamotten, Büchern und Dingen, die man eigentlich nicht braucht.

Moha ist 30 Jahre alt, nur drei Jahre älter als ich. Er kommt aus Syrien. Für unsere Zeitung will ich eine Person oder eine Familie nach der Flucht begleiten. Welche Wege nehmen die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern? Wo sind sie untergebracht? Wie werden sie registriert? Welche Stufen müssen sie durchlaufen, um Bleiberecht zu erhalten? Und wie sind sie überhaupt hierher gekommen? Was hatte ich erwartet? Ich weiß es nicht so genau.

Rückblick: Moha treffe ich zum ersten Mal in einer Notunterkunft der Erstaufnahmeeinrichtung von Horst. Es ist Zufall, dass ich ausgerechnet ihn anspreche, aber er ist die erste Person, die ich sehe. Ich erzähle ihm von der Serie für unsere Zeitung. Dass ich ihn gerne die nächsten Wochen, vielleicht Monate begleiten würde. „Aber wenn du eine wirklich spannende Geschichte hören willst, bist du bei mir falsch.“ – „Warum?“ – „Ich hatte keine schlimme Flucht“, erklärt er mir. Wir unterhalten uns auf Englisch. Wo uns die Worte fehlen, nehmen wir Stift und Papier. „Warum?“, frage ich wieder. Er drückt die Zigarette aus: „Komm, ich zeig dir alles.“

Moha führt mich durch die Erstaufnahmeeinrichtung. Mehrere Familien sind hier untergebracht. Doch die meisten kamen allein. So auch Moha. Auf der einen Seite der Halle stehen Dutzende Pritschen, kaum einen Meter Abstand zwischen ihnen. Auf dem Schlafplatz von Moha liegen Klamotten verteilt. „Das Genie beherrscht das Chaos“, sagt er. Familien haben es etwas besser. Sie haben wenigstens ihren eigenen Bereich, getrennt durch Bauzäune und abgeschirmt mit Planen. Es gibt eine Spielecke für die Kinder, Sitzmöglichkeiten. Ein kleines Mädchen auf einem Dreirad fährt an uns vorbei und zieht eine Grimasse. Moha macht es ihr nach. Das Mädchen lacht. Auf einem Tisch stehen große Kannen und eine Kiste voller Äpfel. „Do you like coffee?“, „Möchtest du Kaffee?“, fragt Moha und deutet auf eine Tasse. Mit dem dampfenden Getränk setzen wir uns raus auf eine Bank. „Wie gefällt es dir hier?“ – „Es ist wie auf dem Bahnhof. Nur dass der Zug nicht kommt“, erklärt Moha. Seit etwa einer Woche ist er in der Erstaufnahmeeinrichtung. So richtig weiß er nicht mehr, wie viele Tage es genau sind. Seit einem Jahr ist er auf der Flucht. Seit einem Jahr hat er seine Familie nicht gesehen. Kontakt hält er nur über das Handy. „Viele meiner Freunde sind schon vor mir gegangen“, erzählt Moha. Lange hielt er sich in der Türkei auf, dann kam er nach Griechenland. Doch Flüchtling war er schon in seinem eigenen Land.

„Wer zwischen 18 und 40 Jahre alt ist, muss in Syrien zur Armee. Da ich studiert habe, wurde ich nicht gleich eingezogen“, erzählt Moha. Doch als es soweit war, wusste er, dass er nicht bleiben kann. Nicht in der jetzigen Situation. Er wollte nicht kämpfen. Moha wurde zum Flüchtling im eigenen Land. Er versteckte sich vor der Armee in Damaskus. Immer musste er fürchten, gefunden zu werden. Schließlich schaffte er es über die Grenze. Das bedeutet jedoch auch, dass er erst einmal nicht zurück kann. So begab er sich auf den Weg nach Europa. „Wolltest du direkt nach Deutschland?“, frage ich? „Nein. Ich wäre auch in die Niederlande oder nach Schweden gegangen. Aber ich wollte in ein Land, wo ich eine Perspektive habe.“ – „Was hast du für Pläne für die Zukunft?“ – „Ich will arbeiten, vielleicht als Regisseur. Aber das geht nicht überall.“

Kann es jemandem zu gut gehen, um flüchten zu dürfen? Muss jemand erst viel Leid und Elend erlebt haben, um seinem Land den Rücken kehren zu können, eine weite gefährliche Reise zu begehen und in einem fremden Land neu zu beginnen? „Denen“ geht es doch eigentlich gut. Das hört man ständig...

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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