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Traditionssegeler „Atalanta“ : Ein Leben unter Segeln

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Besatzung des Traditionssegelers „Atalanta“ startete auf der Kieler Woche Testlauf für die Hanse-Sail

von
erstellt am 29.Jun.2014 | 20:30 Uhr

Geräuschlos gleitet die Atalanta durch die Kieler Förde. Ihre Segel leuchten in der Sonne. Von einer Hubbrücke aus winken Besucher der Kieler Woche der Besatzung des Schiffs. Die haben alle Hände voll zu tun. Für eine Tagestour soll es auf die Ostsee gehen. Die Crew setzt Segel und vertäut die Seile. Jürgen Wolsing holt die Fender ein. „Ohne Segeln geht es einfach nicht“, meint der 60-Jährige.

Wolsing arbeitet ehrenamtlich auf der Atalanta, deren Heimathafen in Wismar liegt. Für die Kieler Woche hat der Aufzugsmonteur extra Urlaub genommen. Das weltgrößte Segel-Event ist ein Muss für ihn. Einmal die Förde wie vor 100 Jahren befahren – das ist es, was viele Besucher auf die 1901 erbaute Atalanta lockt. Täglich fahren Wolsing und die restliche Besatzung Gäste auf die Ostsee raus. Unter Anleitung der erfahrenen Crewmitglieder dürfen die Leichtmatrosen Segel setzen, das Schiff selbst besteuern und Wendemanöver fahren. „Bei Törns dieser Art zeigen wir unseren Gästen, wie ein Segelschiff traditionell geführt wird“, erklärt Wolsing.

Mit seinen weißen langen Haaren und seinem Bart sieht er aus, wie man sich einen waschechten Seefahrer vorstellt. Der gebürtige Rostocker ist quasi auf dem Wasser groß geworden. Schon als Kind ruderte er. Von seinem Vater, einem Marinesoldaten, lernte er das Segeln. Als er 1968 Schiffsbetriebsschlosser lernte, ging es für ihn erstmals hinaus auf hohe See.

„Damals war ich gleich ein Vierteljahr weg von Mutti. Das war schon ein extremes Erlebnis“, erzählt Wolsing. Zu der Zeit war er 18 Jahre alt. Vor allem die Seekrankheit hätte ihm zu schaffen gemacht: „Auf der Ostsee ging es gleich los. Ich hatte Kreislaufprobleme, lag nur lang und konnte nichts essen. Das ging eine Woche so. Dann war alles gut. Ein Seemann, der nie seekrank war – so etwas gibt es nicht.“

Seitdem hat Wolsing die meiste Zeit auf Schiffen verbracht. Mit großen Fischkuttern fuhr er bis vor die Küste von Kanada. Auf seinen Reisen erlebte er die Geschichten, aus denen eigentlich Seegarn gesponnen wird. 10 Meter hohe Wellen seien normal für ihn: „Das Gefährlichste, was mir passiert ist, war, als vor der französischen Küste unser Antrieb ausfiel. Drei Tage sind wir nur getrieben.“ Dann seien hohe Wellen besonders gefährlich, erklärt Wolsig. „Wir hätten kentern können. An Schlaf war kaum zu denken, weil man so eine Angst hatte.“ Doch genau das sei es, was ihn an der Schifffahrt so fasziniere: „Man ist der Natur ausgeliefert und man ist frei“, schwärmt er.

Als er sich nach der Wende neue Arbeit suchen musste, habe immer etwas gefehlt. Das sei auch der Grund gewesen, warum er vor ein paar Jahren bei der Atalanta anheuerte. Genauso wie er arbeiten auch alle anderen Mitglieder ehrenamtlich auf dem Schiff. Die meisten von ihnen waren früher selbst auf hoher See unterwegs. Jetziger Eigner ist der Förderverein Schoner „Atalanta“ e.V.. Sein Ziel ist es, dass Segelschiff als Kulturdenkmal und fahrtüchtiges Traditionsschiff zu erhalten, seine Zukunft zu sichern und es insbesondere für die Jugendarbeit einzusetzen. Um die kostspieligen Reparaturen zu finanzieren, bietet der Verein Tagestouren und mehrtägige Fahrten sowie Betriebsfeiern an.

So wie auf der Kieler Woche. Nach sieben Tagen geht es für die Atalanta und ihre Crew zurück nach Wismar. Dort müssen die Vorbereitungen für die Hanse-Sail vom 7. bis 10. August getroffen werden. Denn auch hier wird das Traditionsschiff für Besucher offen stehen. Und wer will, kann einmal mitsegeln – wie vor 100 Jahren.

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