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Mecklenburg-Vorpommern

17. Dezember 2017 | 15:05 Uhr

Bewusste Entscheidung : Ein Leben ohne Kinder

vom
Aus der Onlineredaktion

Julia Krzencek verzichtet ganz bewusst auf Nachwuchs

svz.de von
erstellt am 26.Apr.2017 | 11:45 Uhr

Das erste Lachen, das erste Brabbeln, der erste Zahn, der erste Schritt, das erste Mal „Mama“ aus dem Mund des kleinen Sonnenscheins – es gibt so viele bezaubernde erste Male im Leben eines Kindes. Für viele Frauen gibt es nichts Schöneres als Mama zu werden, für sie steht die Familienplanung an erster Stelle. Julia Krzencek gehört nicht dazu. Sie verzichtet ganz bewusst auf Nachwuchs. „Ich will mein Leben einfach nicht aufgeben“, sagt die 30-Jährige. Schon als Jugendliche stand für sie fest: „Ich will keine Kinder.“ Und an dieser Entscheidung hätte sich bis heute nichts geändert. „Ich denke auch nicht, dass sich meine Meinung noch ändern wird“, unterstreicht sie ihren Entschluss.

Mit dieser Entscheidung steht die Schwerinerin nicht allein. Laut dem Datenreport der Bundeszentrale für politische Bildung steigt der Anteil der kinderlosen Frauen weiter an. Bei der Befragung im Jahr 2012 waren in Deutschland 22 Prozent der Frauen im Alter von 40 bis 44 Jahren kinderlos. Die Kinderlosenquote hat sich somit in den letzten 30 Jahren verdoppelt: Bei den 70- bis 74-Jährigen haben lediglich 11 Prozent kein Kind geboren.

Die Herausforderung, für einen jungen Menschen zu sorgen, ihn zu leiten und zu erziehen, sieht Julia Krzencek in der heutigen Zeit als immer schwieriger werdende Aufgabe: „Auf Kinder prallen so viele Erwartungen. Sie sollen am besten schon in der siebten Klasse wissen, was sie später machen sollen.“ Den Heranwachsenden bei dieser Entscheidungsfindung, bei seiner eigenen Lebensplanung zu unterstützen, fühlt sich die 30-Jährige nicht gewachsen. Außerdem spiele natürlich Geld eine nicht unwesentliche Rolle. „Alles wird teurer – auch das muss man bedenken“, sagt die junge Frau. Man wolle Kindern etwas bieten und müsse bereit sein, selbst auf einiges zu verzichten. Krzencek geht gerne auf Konzerte und Festivals, hätte sie ein Kind, ginge dies nur noch mit guter Planung.

Regional ist die Kinderlosigkeit unterschiedlich stark ausgeprägt. In den westlichen Bundesländern liegt die Quote bei durchschnittlich 23 Prozent, in MV und Brandenburg bei 13 Prozent. Obwohl die endgültige Kinderlosigkeit bei uns im Nordosten immer noch deutlich geringer ist als im früheren Bundesgebiet, nimmt sie rasant zu. Seit der Wiedervereinigung hat sie sich von 7 auf 14 Prozent verdoppelt. Im früheren Bundesgebiet stieg sie von 15 auf 23 Prozent.

Die Gründe, für ein Leben ohne Nachwuchs sind medizinischer, aber auch kultureller Natur. Lange Ausbildungszeiten, die Suche nach einem sicheren Arbeitsplatz und einer verlässlichen Partnerschaft führen oft zum Aufschub des Kinderwunsches. Doch gerade dadurch verengt sich das biologische Zeitfenster. Zudem gibt es immer mehr Menschen, die bewusst nicht in traditionellen Familien leben. Singles, gleichgeschlechtliche Paare und Paare ohne Kind sind heute weitverbreitete Lebensformen.

Und auch Julia Krzencek ist Single. „Ich hatte eine lange Beziehung – einen Kinderwunsch trotzdem nicht“, erklärt sie. Ihr ehemaliger Lebensgefährte brachte ein zwölfjähriges Kind mit in die Beziehung. Übers Wochenende kam es oft zu Besuch. „Wir kamen zurecht, aber ehrlich gesagt war ich froh, wenn ich nach zwei Tagen meine Ruhe hatte. Mir war es einfach zu viel“, sagt sie.

Heute ist Krzencek im dritten Ausbildungsjahr zur Steuerfachangestellten und voll darauf fokussiert. Nach der Schule begann die Schwerinerin eine Lehre in einem Friseursalon, doch das war nicht das richtige. Sie holte das Abitur nach und entschied sich für die Ausbildung zwischen Zahlen und Paragrafen. „Es macht mir einfach Spaß“, betont Krzencek.

Laut dem Datenreport der Bundeszentrale für politische Bildung sind Frauen in Deutschland häufiger kinderlos, je höher ihr Bildungsstand ist. Bei 45- bis 49-Jährigen mit und ohne Berufsabschluss liegt die Quote bei 18 Prozent. Dagegen ist sie bei Frauen mit einem Hochschulabschluss mit 27 Prozent überdurchschnittlich hoch.

„Die Karriere ist bei mir aber wirklich nicht der Grund“, betont Krzencek. In ihrem Freundeskreis haben die ersten bereits Nachwuchs. Doch noch nicht einmal Babysitten komme für sie in Frage. „Klar, ich bin mal bei Freunden zu Besuch, die Kinder haben, aber nach zwei Stunden reicht es mir dann auch“, sagt sie lachend. Ihr fehle einfach das „richtige Gen“ und die Geduld für Kinder.

„Meine Mutter sagt, ich war schon immer so“, erinnert sie sich. Krzencek wuchs in einem kleinen Dorf nahe Ludwigslust auf. Sie hätte keine schlechte Kindheit gehabt. Und auch an ein Schlüsselerlebnis, das sie zum Kinderverzicht bewegt, kann sie sich nicht erinnern. Ihre Meinung ist natürlich im Freundeskreis bekannt und auch schon einmal Thema: „Ich stoße oft auf Unverständnis“, sagt Krzencek. Falls sie ungewollt schwanger werden würde, könnte sie heute nicht sagen, wie die Entscheidung ausfalle. Gedanken, was wäre wenn, will sich die junge Frau nicht machen. „Das müsste man dann sehen.“

Ganz alleine lebt die 30-Jährige dennoch nicht. Sie hat einen Hund, eine kleine Yorkshire-Dame namens Wenke. „Mehr Verantwortung möchte ich aber nicht tragen. Das reicht völlig“, sagt sie.

Umfrage: Einfach zu teuer
Immer mehr Bundesbürgern sind Kinder offensichtlich zu teuer. Laut einer Umfrage der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen erklären inzwischen 63 Prozent der Deutschen Kinderlosigkeit mit den finanziellen Belastungen – und zwar unabhängig vom Alter, Einkommen, Geschlecht oder Wohnortgröße. Vor fünf Jahren hatten noch 58 Prozent die Kosten als Hauptgrund gegen Kinder angeführt.  Auf Platz zwei des Rankings gegen Kinder steht die Sorge, eigene Freiheiten einzubüßen (61 Prozent), gefolgt von der Überzeugung, dass Karriere wichtiger sei als Familie (55 Prozent).
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