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Mecklenburg-Vorpommern

21. November 2017 | 00:05 Uhr

Schicksal : Ein Leben in der Warteschleife

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Aboubacar Sy wohnt seit fünf Jahren als Asylbewerber in Rostock – seine Familie musste er zurücklassen

von
erstellt am 12.Jan.2015 | 12:00 Uhr

Fünf Jahre ist es her, dass Aboubacar Sy seine Kinder das letzte Mal in den Armen hielt, dass er seiner Frau einen Abschiedskuss gab. Fünf Jahre ist es her, dass Sy seine Heimat abrupt verlassen hatte, dass er nach Deutschland kam und einen Antrag auf Asyl stellte. Was 2009 zu seiner Flucht führte, will er nicht erzählen. Sy hat Tränen in den Augen. „An dem Tag steht für mich ein rotes Kreuz im Kalender.“ Er sagt nur so viel: Seine Frau und die drei Kinder musste er zurücklassen. Nur unregelmäßig hat die Familie Kontakt. Nicht immer reicht das Geld zum Telefonieren.

Sy wurde in die Asylunterkunft nach Horst gebracht, verbrachte dort neun Monate. Eine Zeit des Wartens, des Hoffens, der Ungewissheit: „Ich wusste nicht, wo es als nächstes hingeht, was als nächstes passiert.“ Aboubacar Sy kam nach Rostock und bezog im Asylbewerberhaus in der Satower Straße ein Zimmer. Die Unterkunft ist trostlos, die Einrichtung schlicht. „Wenn man Asylbewerber ist, ist man einfach nur da. Man existiert irgendwie, aber als Mensch ohne Rechte.“

In Rostock hat Sy angefangen Deutsch zu lernen. Die kleine Metallwerkstatt auf dem Gelände der Unterkunft wurde sein neues Zuhause. Zwölf Stunden täglich hat er dort seine Kreativität ausgelebt. Nun ist das Gebäude seit vier Monaten wegen einer anstehenden Renovierung geschlossen.

„Bevor ich nach Deutschland kam, war ich Schweißer. Hier habe ich lange keine Arbeitsgenehmigung bekommen“, erzählt Sy. – Bis vor rund einem Jahr. „Ich konnte als Minijobber in der Kunstschule arbeiten, aber das ist jetzt auch vorbei.“ Mit seiner Arbeitsgenehmigung hat sich Aboubacar Sy eine eigene Wohnung gesucht. In der Satower Straße war kein Platz mehr für ihn. Dennoch kommt er fast jeden Tag in das Asylbewerberhaus. Dort trifft er andere Flüchtlinge. Einige kommen so wie er aus Mauretanien. „Wir wollen einen Verein gründen, unsere Kultur allen zugänglich machen, zum Beispiel durch Konzertabende“, erklärt er.

Zweimal am Tag fährt Aboubacar Sy beten. Das gehört zu seinem Leben dazu wie das Atmen. „Ich bin Moslem“, sagt er. Die Gewalt, die Attentäter im Namen Allahs ausüben, verurteilt er: „Der Koran will keine Gewalt.“ Angst hat Aboubacar Sy vor niemandem. Auch Organisationen wie Pegida erschrecken ihn nicht. „Ich bin kein Terrorist“, sagt Aboubacar Sy. „Ich will einfach nur friedlich leben, ohne Gewalt. Deutschland ist ein demokratischer Staat. Hier kann jeder denken, was er will. Ich verurteile dafür niemanden.“ Dazu hätte er in der Vergangenheit auch zu viel erlebt. Nur vor Gott bewahrt er seine Ehrfurcht: „Wenn ich jemandem etwas antue, sieht Allah das und bestraft mich dafür. Gott sieht alles.“

Was seine Zukunft bringt, weiß Aboubacar Sy nicht. Er führt ein Leben in der Warteschleife. Dem Staat will er nicht gerne auf der Tasche liegen. Er ist auf Jobsuche. Von heute auf morgen kann sich alles verändern. „Ich bin für alle Situationen gewappnet. Wenn ich in Deutschland bleiben darf, dann bleibe ich, wenn nicht, dann packe ich sofort meine Sachen und gehe.“

In der Fremde zurechtzukommen, sei schwierig, egal wo. „Ich bin überall ein Ausländer – außer in Mauretanien.“ Dorthin will Sy aber nicht zurück. Wann er seine Familie wiedersehen wird, weiß er nicht: „Die Situation ist kompliziert. Gerade für meine Kinder. Es ist für sie schwierig, weil sie ohne mich zurechtkommen müssen.“ Aber zurück, das kann er nicht.

 

 

 

 

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