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Mecklenburg-Vorpommern

11. Dezember 2017 | 03:18 Uhr

Ein Leben - 760 Gramm schwer

vom

svz.de von
erstellt am 07.Dez.2011 | 06:10 Uhr

Schwerin | Als Finn Lucas Leben gerade erst beginnt, da ist es auch fast schon wieder vorbei. Gleich zwei Mal. Atemstillstand, Herzstillstand, kein Puls mehr. 760 Gramm Leben auf der Schwelle zum Tod. Zweimal holen die Ärzte den Jungen zurück ins Leben.

Rückblick: Eigentlich ist es eine ganz normale Schwangerschaft. Ein gut entwickeltes Kind, nichts Auffälliges, alles in Ordnung. Bis Schwangerschaftswoche 24. Plötzlich bekommt Diane Tuchel Wehen. Aus dem Nichts. "Ich war vollkommen überrascht von den Schmerzen", erinnert sich die Mutter. Drei Kinder hatte die 29-Jährige problemlos zur Welt gebracht, nie hatte es Komplikationen gegeben. Jetzt ist alles anders. Sie kommt ins Krankenhaus, die Ärzte versuchen, die Wehen zu stoppen. Doch lange geht das nicht gut. Die Fruchtblase platzt, die Geburt ist nicht mehr zu stoppen. Ein Heer von Ärzten und Krankenschwestern begleitet die Geburt, um das Kind zu retten. "Es ging alles so schnell und es war so viel los im Kreißsaal, dass ich mich gar nicht richtig erinnern kann", denkt Diane Tuchel an den 13. August 2011 zurück. Einer der schwersten Tage ihres Lebens.

Finn Luca kommt zur Welt - unfertig und viel zu früh. 31 Zentimeter ist er groß, 760 Gramm schwer. Die Krankenschwestern wickeln ihn in einen Plastikbeutel, damit er nicht auskühlt. Dann kommt er in den Brutkasten, muss beatmet werden. Schläuche, Kabel, Monitore, Piepen. Vor dem Kasten steht Diane Tuchel und weint. Das Leben ihres Kindes hängt von ein paar Maschinen ab. Verstehen kann sie das nicht. "Warum mein Kind?", das fragt sie sich immer wieder.

Seit vier Monaten liegt Finn Luca nun schon auf der Frühchenstation. Nur langsam kommt er zu Kräften. Eine Sonde in seinem winzigen Magen ernährt ihn, er atmet durch einen Schnitt in der Luftröhre. Seine Mutter besucht ihn jeden Tag. Ein harter Einschnitt im Leben der vierfachen Mutter. Morgens bringt sie ihre Kinder in den Kindergarten und in die Schule, fährt dann ins Krankenhaus. Abends kann sie nicht mehr, ist müde und erschöpft.

Besonders dankbar ist sie für die Begleitung der "Pro-Fil"-Kindernachsorge. Viele Eltern sind verunsichert, bevor die Kinder aus dem Krankenhaus nach Hause kommen. Welche Formulare müssen ausgefüllt, welche Geräte angeschafft werden? Wie muss das Kind versorgt werden? Viele Fragen gibt es, bevor ein Kind endlich nach Hause kommen darf.

Heute sind "Pro-Fil"-Krankenschwester Petra Schmedemann und Anja Bockhahn vom Lewitz Pflegedienst zum ersten Mal zu Hause bei Diane Tuchel. Sie schauen sich das Kinderzimmer an, sprechen mit der Mutter über die Heimkehr ihres Kindes. In den ersten Monaten wird der Pflegedienst zwölf Stunden pro Tag bei der Mutter sein. Die Schwestern überwachen die Atmung des Kindes, überprüfen die Sonde, helfen der Mutter, dass das Kind rundherum gut versorgt ist. "Wenn jemand mit einem Frühchen in Schwerin wohnt, dann hat er Glück, denn hier gibt es einige wenige Pflegedienste, die auch auf Frühchen spezialisiert sind", sagt Schmedemann. Eltern auf dem platten Land haben es da oft deutlich schwerer.

"Wie ist das denn, wenn die Schwester so lange hier ist?", fragt Diane Tuchel. Sie kann sich noch gar nicht vorstellen, dass bald eine fremde Frau den halben Tag mit ihrer Familie verbringen soll. "Naja, wir hängen Ihnen ja nicht am Rockzipfel", beruhigt Krankenschwester Anja Bockhahn die Mutter und lacht. "Und Weihnachten?", fragt Tuchel und zieht ihre Augenbrauen hoch. "Auch zu Weihnachten wird jemand hier sein, das ist einfach wichtig für Ihr Kind", antwortet die Schwester. Diane Tuchel ist froh, mit ihrem pflegebedürftigen Kind nicht allein zu sein. Aber sie ist auch verunsichert, was in den kommenden Tagen passieren wird.

Froh ist die Mutter auch, dass ihr Sohn die frühe Geburt und die vier Monate im Krankenhaus am Ende doch einigermaßen gut überstanden hat. "Ich bin richtig stolz auf meinen kleinen Kämpfer", sagt Tuchel und streicht über ihre tätowierten Arme. Wenn alles gut geht, dann hat Finn Luca gute Chancen, sich vollkommen normal und ohne Folgeschäden zu entwickeln. Das wünscht sich auch Petra Schmedemann. Wenn Finn Luca in ein paar Jahren durch die Straßen Schwerins toben wird, dann hat "Pro-Fil" einen großen Anteil daran. Anteil an einem kleinen Wunder. Ein Wunder, das bei seiner Geburt nicht mehr wog als 760 Gramm.

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