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Internationales Workcamp in Wöbbelin : Ein Kunstprojekt nimmt Gestalt an

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Dicht an dicht drängen sich zahllose, ausgehungerte Menschen im Lager. Und die Häftlinge scheinen namen- und gesichtslos zu sein. Der Künstler Marcus Barwitzki hat dazu die Plastik „Gesichter des KZ Wöbbelin" entworfen.

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erstellt am 08.Aug.2012 | 12:12 Uhr

Wöbbelin | Dicht an dicht drängen sich zahllose, ausgehungerte Menschen im Lager. Sie sind schon fast keine Menschen mehr, sondern nur noch Kreaturen. Das jedenfalls wollen ihre Peiniger erreichen. Und die Häftlinge scheinen namen- und gesichtslos zu sein. Doch beides soll ihnen symbolisch zurückgegeben werden - mit künstlerischen Mitteln.

Der Magdeburger Künstler Marcus Barwitzki hat dazu die beeindruckende Plastik "Gesichter des KZ Wöbbelin" entworfen, die vielleicht schon Ende des nächsten Jahres oder spätestens Mitte 2014 unmittelbar an den Mahn- und Gedenkstätten aufgestellt werden soll. Wie der bereits mehrfach unter anderem in Ludwigslust und in Parchim ausgestellte Entwurf des Kunstwerks zeigt, wird die Plastik aus 45 gebogenen Eisenstangen bestehen, von denen jede einen überdimensionalen Kopf aus Backstein trägt, zum einen Symbol für die Masse der im Konzentrationslager eingesperrten und gequälten Menschen, zugleich aber auch Gelegenheit, diesen Menschen wieder ihr Gesicht zurückzugeben. Denn die Köpfe entstehen nach Fotografien von Häftlingen, die in den Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin aufbewahrt werden.

Das immer gleiche Format der Steine ist für den Künstler Ausdruck für die durch die Nationalsozialisten betriebene Entmenschlichung durch die Uniformierung und die Nummerierung in den Lagern - lediglich an der schmalen Längsseite der Ziegel, die dem Betrachter zugewandt ist, werden die Gesichter der geschundenen Häftlinge abstrakt oder realistisch erkennbar sein.

Unter Leitung von Marcus Barwitzki sind in mehreren Workshops bereits kleinere und größere Köpfe entstanden. In dieser Woche findet in Wöbbelin ein internationales Workcamp statt, in dem vorwiegend Jugendliche aus sieben Ländern, aus Aserbaidschan und Bulgarien, aus der Slowakei und aus Tschechien, aus Italien, Spanien und aus Deutschland intensiv an großen Köpfen arbeiten, die später in die Original-Skulptur eingebaut werden sollen.

Neben diesen Workcamp-Teilnehmern werden sich heute und morgen aber auch Schüler aus der Region beteiligen, darunter aus Rastow und Picher. "Glücklicherweise haben sich viele Lehrer gefunden, die unser Projekt unterstützen", zeigte sich Marcus Barwitzki erfreut. Die Workshop-Termine waren eigens in die erste Schulwoche nach den Ferien gelegt worden, damit die Kinder und Jugendlichen innerhalb des Projektunterrichtes daran teilnehmen können.

Die endgültige Entscheidung, welche Köpfe dann tatsächlich Teil des Kunstwerkes sein werden, trifft wahrscheinlich Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres eine Jury. Und auch ansonsten braucht es bis zum Fertigstellen der Plastik so oder so noch jede Menge Zeit. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass die Köpfe exakt viermal so groß sind wie ein Ziegelstein und daher nach dem Brennen sehr viel Zeit zum Trocknen brauchen. Eine erste Präsentation steht am Freitag an. Ein Kunstprojekt nimmt Gestalt an.


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