Ai Weiwei in Schwerin : Ein Künstler spricht über Kunst

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Foto: Reinhard Klawitter

Ai Weiwei diskutierte in Schwerin über die Arbeit des französisch-amerikanischen Malers Marcel Duchamp

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04. Mai 2017, 21:00 Uhr

Seine erste Beziehung zu Marcel Duchamp, so mutmaßt Ai Weiwei, besteht vielleicht schon seit seiner Kindheit. Sein Vater, ein während der chinesischen Kulturrevolution zur Umerziehung deportierter Poet, habe täglich Toiletten putzen müssen, „weil er in den 1930er Jahren in Paris Kunst studiert hat“. Aber direkt beeinflusst hat der Dadaist Duchamp Ai Weiwei erst in den 1980er Jahren, als er in den USA studierte.

Zum 100. Geburtstag eines kunsthistorischen Meilensteins hatte sich das Staatliche Museum Schwerin gestern den derzeit in der westlichen Welt bekanntesten chinesischen Künstler eingeladen. Unter dem Motto „Happy Birthday, Fountain!“ war Ai Weiwei zu Gast und stand vor über 200 Besuchern gut gelaunt Rede und Antwort. 1917 erhob Marcel Duchamp (1887 - 1968) ein Pissoir zum Kunstwerk, indem er es signierte und als „Fountain“ bezeichnete. Dieser Geniestreich veränderte grundlegend die Auffassung von Kunst. Das Schweriner Museum besitzt 89 Werke Duchamps – wenn auch keine Replik der „Fountain“.

Ai Weiwei zu Duchamp zu befragen, schien nahe zu liegen. Alltagsgegenstände wie Hocker, Fahrräder, Schulranzen oder traditionelle Vasen sind Teil seiner Installationen. International bekannt wurde Ai Weiwei als Dissident, der den Mangel an Meinungs- und Redefreiheit in China anprangert. 2011 saß er drei Monate in Haft.

Es folgten vier Jahre Reiseverbot. Er rekonstruierte seine enge Zelle als begehbares Kunstwerk und er arbeitete seine Handschellen aus Jade nach.

Derzeit lehrt Ai Weiwei an der Universität der Künste in Berlin. Der Besuch in Schwerin sei für ihn „eine große Chance“, schmeichelte er zu Beginn seinem Publikum, das die Chance genoss, Ai Weiwei aus der Nähe zu erleben. Duchamp habe ihm, der aus dem sozialistischen Realismus kam, gezeigt, das Kunst mehr ist, viel Poesie umfasst, „die das Herz berührt“. Außerdem habe Duchamp „alle unsere Gewohnheiten hinterfragt“ und neue Definitionen ermöglicht. Aber heutzutage, so bekannte er später, „denke ich bei meiner Arbeit nicht ständig an Duchamp“.

Woher er seine Inspiration nehme, wird er gefragt. „Das ist eine schwere Frage“, antwortet Ai Weiwei. Letztlich kommt es aus dem, was er erlebt hat. Was einen Künstler ausmache? „Ein Künstler würde diese Frage nicht beantworten.“ Also beantwortet er sie nicht.

Politisch wird Ai Weiwei nur vorsichtig, fast am Rande. Die Olympiade 2008 sei für China eine große Chance gewesen, weil es gern von der Welt akzeptiert werden und mit ihr auf Augenhöhe sprechen wollte. Seine Mitarbeit am Pekinger Olympiastadium aber habe er aufgegeben, als es für Propagandazwecke für eine Partei genutzt wurde.

Ja, das Internet sei auch ein Schutz, den viele, die während der Kulturrevolution umgekommen seien, nicht gehabt haben. Und ja, er habe sich viel mit der Polizei herumzuschlagen. Und auch mit anderen Behörden.

Der Besuch Ai Weiweis hat ihn seinem Publikum ein Stück näher gebracht, wenn auch nur ein kleines. Denn, so sagt Ai Weiwei, „es gibt genügend Geheimnisse von mir, die ich selbst nicht weiß“.


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