Heilwald geplant : Ein Krankenhaus in der Natur

Ein guter Erholungsort: der Wald
Ein guter Erholungsort: der Wald

Fünf Kommunen in Mecklenburg-Vorpommern treiben die Planung eines Heilwaldes voran – deutschlandweit sind sie damit Vorreiter

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09. September 2015, 06:30 Uhr

„Sonne, Wind, Meer und Wald – die ideale Kombination von Naturheilkräften für eine Heilbehandlung in Urlaubsatmosphäre an unserer wunderschönen Ostseeküste!“, wirbt das AKG Rehazentrum in Graal Müritz auf seiner Webseite. Einem dieser Faktoren, dem Wald, soll in Zukunft noch eine größere Bedeutung zukommen. Denn das Ostseeheilbad ist einer von fünf Standorten in Mecklenburg-Vorpommern, in denen Waldgebiete zu Kur- und Heilwäldern entwickelt werden sollen.

„Den Kopf freibekommen, tief die gute Luft einatmen, den Augen Erholung gönnen, die Wahrnehmung schärfen – das alles ermöglicht uns der Wald als eine Art ,natürliches Krankenhaus‘.“ Als Professor Horst Klinkmann, der Nestor der Gesundheitswirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern, 2012 auf der Nationalen Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft erstmals für die Einrichtung von Heilwäldern warb, war die Skepsis groß.

Mittlerweile gibt es im Land bereits drei Erholungswälder: in Heiligendamm, Dargun und Nienhagen. Eine Initiative unter Federführung des Bäderverbandes MV hat zudem in zweijähriger Arbeit Kriterien für Heilwälder aufgestellt. Eine behutsame forstwirtschaftliche Nutzung, eine Infrastruktur, die auf Kranke und Genesende zugeschnitten ist und die Nähe zu Kurorten gehören dazu. Fünf Projektgemeinden – neben Graal Müritz auch das Seeheilbad Heringsdorf, die Heilbäder Bad Doberan und Waren (Müritz) sowie der Erholungsort Sassnitz – waren neben Forst- und Tourismusexperten sowie Medizinern und anderen Wissenschaftlern eingebunden.

Die Liste der gesundheitlichen Beschwerden, die in einem Heilwald gelindert werden können, ist lang: Herz-Kreislauf-Leiden stehen ebenso darauf wie orthopädische, Atemwegs- oder neurologische Erkrankungen. Menschen mit Hautproblemen profitieren ebenso von der staub- und allergenarmen, sauerstoffreichen Waldluft wie psychisch Kranke und Krebspatienten.

„Der Wald ist der ursprüngliche Lebensraum des Menschen unserer Breiten. Hier schöpfte er Kraft. Hier fand er Schutz, Nahrung und auch Medizin“, erläutert Harald Menning, Fachgebietsleiter Forstliche Rahmenplanung bei der Landesforst. Diese Gesundheitswirkungen der Waldnatur müssten auch in der modernen Gesellschaft wieder stärker zur Geltung gebracht werden.

„Die Erschließung des Naturpotenzials Wald zum Kur- und Heilwald unter Berücksichtigung festgelegter wissenschaftlich-therapeutischer Kriterien eröffnet den Kur - und Erholungsorten neue gesundheitstouristische Angebotschancen“, betont die Geschäftsführerin des Bäderverbandes, Marianne Düsterhöft. Dabei gehe es nicht allein um zusätzliche Einnahmequellen, auch die Bekanntheit und der Marktwert der Region ließen sich steigern. Im Landeswaldgesetz sei die Möglichkeit, Heilwälder zu installieren, explizit festgeschrieben, lobt Düsterhöft. Mecklenburg-Vorpommern sei damit Vorreiter in Deutschland.

„Es braucht keine großen Investitionen, die nachhaltige Kosten erzeugen“, betont Prof. Dr. Karin Kraft, Direktorin des Lehrstuhl für Naturheilkunde an der Rostocker Universitätsmedizin, die das Projekt des Bäderverbandes wissenschaftlich betreut hat. Oft genüge schon eine Eisenstange oder ein befestigter Baumstamm nebst Schildern mit Anleitungen, um einige Übungen zu absolvieren. Gute Zuwege seien ebenfalls wichtig, so Prof. Kraft. Radfahr-Strecken müssten in einigem Abstand an den Wegen für die Kranken vorbeigeführt werden. „Wir müssen den Gang in den Wald unter geschützten Bedingungen für zum Teil schwerkranke Menschen in der immer älter werdenden Bevölkerung möglich machen“, fordert die Wissenschaftlerin. In Südostasien habe sie bereits Waldprojekte erlebt, in denen sich gestresste Menschen in geschützten Arealen erholen. „In einem dieser Wälder wurden die Böden zum Teil mit Matten aus Seetang-Fasern ausgelegt, um auch Gehbehinderten den Zugang zu erleichtern“, so Prof. Kraft. Im Frühsommer hat sie zusammen mit den anderen Projektbeteiligten einen 239 Seiten umfassenden Berichtsband herausgebracht, der auch außerhalb des Landes auf großes Interesse stößt. Für das Frühjahr 2016 ist nun in Mecklenburg-Vorpommern ein internationaler Kongress zum Zusammenwirken von Wald und Medizin geplant.

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