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Goethes „Faust I“ in Schwerin : Ein Klassiker auf Diät

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mit Goethes „Faust I“ eröffnete Schauspieldirektor Martin Nimz die Saison am Mecklenburgischen Staatstheater

„Ihr wisst, auf unsern deutschen Bühnen probiert ein jeder, was er mag.“ Nein, Herr Direktor, bei „Faust I“ zur Saisoneröffnung am Mecklenburgischen Staatstheater streicht Martin Nimz das Vorspiel, der Konflikt um Kunst und Kasse, der da verhandelt wird, ist wohl allzu bekannt. Auch in Auerbachs Keller wird nicht eingekehrt, ist doch eine Touristenfalle, das Lokal. Ebenso gemieden wird die Walpurgisnacht – Gefahr des Drogenmissbrauchs. Sechs Akteure und ein paar Kinder. Ein Klassiker auf Diät. Ansonsten nahezu 100 Prozent Goethe-Text, und das ist mittlerweile schon eine Rarität.

Die altvertrauten Gestalten nahen sich wieder auf einem deformierten Ring, zu deuten als eine Art Lebensbahn mit auf und ab, die ausgeschritten werden muss. Sie ist umgeben von hohen, anscheinend stabilen Mauern, ein Trugbild, sie sind durchlässig. Bernd Schneiders Bühne ist ein Ort, der viele Orte zulässt, wenn man Fantasie zusetzt. Hier wäre auch der Platz, um auf Becketts Godot zu warten, aber natürlich wartet oben der Teufel. Und unten liegt Faust, Urahn jener heutigen Gelehrten, von denen der österreichische Autor Günter Anders schrieb: „. . . wir glauben, das, was wir können, auch zu dürfen, nein: zu sollen, nein: zu müssen.“ Was verführbar macht.

So viel Philosophie ist auf dem Theater natürlich nicht. Hier beginnt es mit einem sinnreichen Zeichen, das Erwartung weckt: Gretchen umkreist den Ring und blickt vom höchsten Punkt in den Abgrund – „ahnungsvoller Engel, du“, wird Faust sie später nennen. Er aber wird in seinem dunklen Drange nach Gottgleichheit glauben, er könne selbst dem Teufel befehlen.

Unterdessen wird er in Selbstüberhebung zum ziemlich niederen Rocker, der, allein in Gretchens Kammer, in seiner Hose fummelt, die Unschuld dann nicht verführt, sondern gewaltsam umlegt. Das Opfer wird auch noch von Mephisto rangenommen. Faust&Kumpel als Bang-Gang.

Nimz nimmt das Stück nicht auseinander, aber filmisch hart und kühl und auch surreal schneidet er die Szenen an- und ineinander, formt einige poppig à la Video-Clip, setzt Lichtspuk, Flüstermusik und Techno-Gedröhn ein. Goethes hoher Ton wird komödiantisch runtergestimmt. Es gibt Texttausch zwischen den Figuren, auch Verfremdungen. Wenn Schauspieler Text scheinbar erst lernen. Wenn Gretchen Pause hat, hilft sie als Ankleiderin für Faust.

Alles modern und ok, aber wenn sie sich bis auf die Wäsche auszieht, um sich bedächtig die Haut weiß zu schminken, dann Kinder her- und wegtransportiert, also eine Viertelstunde Stummfilm ist, erinnert man sich an Fausts „Fluch der Geduld“ und könnte getrost auf der Regie-App nachsehen, welche Marotten noch umlaufen.

Der Geduldstest am Publikum, alter Regie-Hut übrigens, ernüchtert, schädigt den Eindruck von Metaphern – wie die Engel-Symbolik im Kerker – zu denen Nimz die Figuren hier und da arrangiert. Sie im ausgeräumten Raum leuchten zu lassen, bedarf es schauspielerischer Energie. Die strömt nicht überall voll. Andreas Anke hat sie als gestenreicher Faust. Er ist so triebgesteuert wie klug. In seiner Anmaßung werden Weltekel und Lebensgier zur Brutalität. Ein witziger, zynischer Mephisto? Bei Julia Keiling ist er’s im Geplänkel mit dem Schüler, sonst agiert die „Spottfigur“ meist eher lässig. Hannah Ehrlichmanns Gretchen, eine Selbstbewusste, hat ihre starke Szene im Wahn der Betrogenen.

Ein Neustart in Schwerin. In dieser „Goethe-Übersetzung“ ist er spielerischer Anfang mit dem Wort und mit schwankendem Sinn. Die hinreißende Tat steht aus.

Weitere Vorstellungen:
30. 9., 21.10., 12. und 18.11., 6. (ausverkauft) und 18.12., 5. und 30.1. (ausverkauft), jeweils 19.30 Uhr

 

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