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Mecklenburg-Vorpommern

22. September 2017 | 13:39 Uhr

Eurofighter in Laage : Ein Jahrzehnt im Einsatz

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Am 30. April 2004 nahmen die ersten Eurofighter der Luftwaffe in Laage bei Rostock den Flugbetrieb auf. Oberstleutnant Gero Finke war von Anfang an dabei

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erstellt am 12.Mai.2014 | 12:00 Uhr

Deutlich ist das Rattern der Bordkanone im zweiten Sitz des Eurofighter-Trainers zu hören. Der Flugschüler im Cockpit vor Oberstleutnant Gero Finke reißt den Jet nach dem kurzen Feuerstoß hoch, während das Zieldarstellungsflugzeug sein Schleppziel weiter durch eine Linkskurve über der Nordsee zieht. Finke ist zufrieden: Auch die letzte Salve saß im Ziel. Sein Schüler bringt die Maschine auf den Rückweg zum Fliegerhorst Laage bei Rostock, wo das Taktische Luftwaffengeschwader 73 „Steinhoff“ (TaktLwG 73 „S“) stationiert ist. 2004 nahmen hier die ersten Eurofighter den Einsatz-Flugbetrieb auf – und Finke war immer dabei: Er ist der einzige Pilot, der das modernste Kampfflugzeug der Luftwaffe schon zehn Jahre ohne Unterbrechung fliegt.

„Den Eurofighter steuern – das war schon mein Ziel, als ich 1989 zur Bundeswehr kam“, erzählt der 44-jährige Kommandeur der Fliegenden Gruppe des TaktLwG 73 „S“. Jagdflieger wollte er werden, und die Karriere klappte bilderbuchmäßig. Nach der Jet-Piloten-Schulung in Sheppard im US-Bundesstaat Texas und der Umschulung auf Phantom in Holloman in New Mexico wurde das „Richthofen“-Geschwader in Ostfriesland seine Heimat. Nur der Eurofighter – der ließ auf sich warten.

Bis 2001: „Da wurde eine Liste erstellt mit den Namen derjenigen, die auf dem neuen Jet ausgebildet werden und sich in die Erprobung einarbeiten sollten“, so der Oberstleutnant weiter. Finke fand sich auf der Liste wieder. Die Ausbildung wurde Service Instructor Pilot Training (SIPT) genannt und umfasste zehn Flugzeugführer, die im bayrischen Manching von den Testpiloten der Industrie umgeschult werden und damit zugleich Fluglehrer-Status erhalten sollten.

Allerdings gab es bei der Fertigstellung der Maschinen Verzögerungen – unter anderem, weil die Software noch nicht auf dem Niveau war, auf dem sie bei der Auslieferung sein sollte. Ende 2003 standen endlich die ersten beiden Doppelsitzer bereit, doch da diese immer wieder wegen kleinerer Probleme am Boden bleiben mussten, wurde es April 2004, bis alle umgeschult waren.

Dementsprechend vollgepackt waren die Missionen. Finke erinnert sich an seinen ersten und einzigen Nachtflug während des SIPT: „Das war zugleich ein Formationsflug. Und für den Testpiloten, der mich schulte, wie für meinen SIPT-Kameraden im anderen Doppelsitzer ebenfalls der erste Nachtflug. Dessen Testpilot hatte allerdings schon einen gemacht – und daher war er unser Nachtflug-Papst. Das Wetter war schlecht, die Wolken reichten bis über 9000 Meter. Wer den Eurofighter kennt, weiß, was es bedeutet, in dieser Höhe Formation zu fliegen. Viel Zeit war nicht, denn Zusatztanks gab es noch keine. Und auf dem Rückweg bekam ich ein Problem mit der Kraftstoffanlage, was mich zur sofortigen Landung zwang. Eigentlich hatte ich noch eine Runde drehen und zwei Landungen machen wollen.“ Immerhin: Mit der Mission hatte Finke seine Formationsflug-, Nachtflug- und Nachtlandelizenz auf dem Muster erlangt.

Ab dem 26. April 2004 war es dann so weit: Die ersten Eurofighter landeten in Laage und läuteten mit der Indienststellung am 30. April den Start des operationellen Flugbetriebs in der Luftwaffe ein. Mit fünf Doppelsitzern wurde in der 2. Staffel des „Steinhoff“-Geschwaders der Truppenversuch begonnen. Gero Finke war Stellvertreter des Staffelkapitäns und Einsatzoffizier. Zu dieser Zeit flog in Laage noch die MiG-29: „Wir wollten auch gegen diese Tests durchführen, doch viel Zeit war nicht, denn im August wurden die letzten MiG-29 an Polen abgegeben.“ Manche Einsätze waren zudem tabu: „Mit dem Eurofighter durfte noch kein Luftkampf gemacht werden. Es wurde befürchtet, dass beim Durchfliegen der Wirbelschleppe eines anderen Jets unzulässige Werte an die Flugsteuerungs-Computer gemeldet würden und die Maschine im schlimmsten Fall zum Absturz bringen könnten. Daher waren große Sicherheitsabstände erforderlich.“ Ohne Computer ist ein Eurofighter nicht steuerbar, weil er negativ stabil ausgelegt ist: Der Schwerpunkt liegt hinter dem Auftriebspunkt. „Das Flugzeug will sozusagen immer die Nase hochreißen und muss mit Hilfe der Computer zum Geradeausfliegen gezwungen werden – deshalb ist er auch so wendig“, erläutert Finke.

Ursprünglich war geplant, dass die SIPT-Flugzeugführer sofort mit der Schulung der nächsten Piloten beginnen sollten. „Aber das System Eurofighter war einfach noch nicht reif genug.“ In schneller Folge gab es Software-Updates, die das Flugzeug grundsätzlich veränderten. Zudem sollte zunächst eine ausführliche Phase von Tests erfolgen. „Bis wir die erste Klasse umschulen konnten, verging etwa ein Jahr.“ Im September 2005 wurde Finke Staffelkapitän.

„In der Zwischenzeit gab es immer neue Updates an Soft- und Hardware“, so Finke weiter. Das erhöhte zwar kontinuierlich die Leistungsfähigkeit des Flugzeugs und die ursprünglichen Limitationen fielen mehr und mehr weg. Dafür kamen neue hinzu – und die Rüstzustände der Maschinen wurden immer unübersichtlicher: „Zeitweise hatten wir allein in Laage sieben verschiedene Software-Standards. Dazu kamen noch die unterschiedlichen Hardware-Bestückungen der verschiedenen Herstellungs-Tranchen und Blocks.“ Vor allem für junge Flugschüler in den B-(Basis-) Grundkursen wäre das sehr verwirrend gewesen. „Deshalb hatten wir in den ersten Klassen nur erfahrene Phantom- oder Tornado-Einsatzpiloten als Umschüler.“ Und alle waren schon Fluglehrer, denn in dieser Funktion sollten sie auch in Laage bleiben. „An den ersten echten B-Kurs haben wir uns erst 2008 getraut.“

Zusätzlich wurden ab 2007 auch alle österreichischen Eurofighter-Piloten in Laage ausgebildet. Die Alpenrepublik wollte ursprünglich Jets der Tranche 2 kaufen, deren Auslieferung im Oktober 2008 begann. Stattdessen wurde jedoch beschlossen, 15 Tranche-1-Maschinen – zum Teil gebraucht von der Luftwaffe – zu übernehmen. Da jedoch einsatzbereite Tranche-2-Eurofighter nicht so zügig zuliefen, wie Tranche-1-Flugzeuge abgegeben wurden, konnten nicht genug Fluglehrer ausgebildet werden, um die Fluktuation derjenigen zu kompensieren, die mit Erreichen der Altersgrenze ausschieden. Eine große Lücke tat sich auf, und es sollte Jahre dauern, bis sie einigermaßen gestopft war. „Aber 2013 haben wir es endlich geschafft, alle geplanten Lehrgänge auch in der vorgegebenen Zeit abschließen zu können – es geht jetzt geregelt vorwärts“, sagt Finke erfreut.

Das bestätigt auch Oberstleutnant Jürgen Schumann, stellvertretender Kommodore des TaktLwG 73 „S“: „Der eingeschwungene Zustand lässt einen stabilen Ausbildungsbetrieb zu“, sagt er. 2013 seien in Laage 100 Prozent der Ausbildungsziele erreicht worden. „Das ist für dieses und die Folgejahre ebenfalls absehbar.“

Die Stabilisierung ist auch ein Verdienst Finkes, der 2010 als Standardisierungs-Stabsoffizier nach Köln ins Führungskommando der Luftwaffe wechselte – „eine ,voll fliegende‘ Stelle“, betont er. So baute er seine Erfahrung nahtlos weiter aus: Von 2400 Flugstunden absolvierte er 800 auf Eurofighter. Viel wichtiger aber: „Auf dieser Stelle konnte ich wirksameren Einfluss nehmen als aus dem Geschwader heraus.“ Das Angebot, nach nur 18 Monaten wieder zurück nach Laage zu gehen und dort Kommandeur zu werden, war aber „zu verlockend, obwohl ich noch so manche Dinge angehen wollte“. Denn vieles ist noch offen: Die Entwicklung der Jagdbomber-Rolle, die Integration eines Daten-Display-Helms oder die Einführung der neuen Lenkwaffe Meteor. „Die Flugschüler gehen heute auf ein Waffensystem, das extrem leistungsfähig ist, noch auf Jahre Aufwuchspotenzial bietet, sich vor niemandem verstecken muss – und eine wahre Freude zu fliegen ist“, fasst Oberstleutnant Gero Finke zusammen. Einen Sicherheitsrekord hält der Jet auch: Es gab vorher noch nie ein Einsatzmuster in der Luftwaffe, das das erste Jahrzehnt über unfallfrei blieb. Toi, toi, toi für die nächsten zehn Jahre!


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