Welt-Tanz-Tag : Ein Jahr tanzen, das war der Deal

Das Ballettensemble des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin
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Das Ballettensemble des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin

Oft sind es die Eltern, die ihren Kindern den Weg ins Ballett vorgeben. Bei manchen wird daraus jedoch ein erfüllender Lebensinhalt

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29. April 2017, 07:25 Uhr

Obwohl es ein warmer Frühlingstag ist und die Sonne durchaus kurze Ärmel zuließe, sitzen Eliza und Dan dick eingepackt vor mir. Mit Jacken, Schals, Stulpen und dicken, wattierten Stiefeln. Für sie ist es wichtig, ihren Körper jederzeit warm zu halten. Er ist ihr Kapital – denn sie beide sind Balletttänzer am Staatstheater.

<p>Eliza und Dan </p>
Foto: Viviane Offenwanger

Eliza und Dan

Dabei war es ursprünglich von keinem der Plan, mal professionell zu tanzen. „Meine Mutter hat mich damals angemeldet“, erinnert sich Dan Datcu. Der 30-Jährige stammt ursprünglich aus Rumänien. Eliza Kalcheva neben ihm nickt eindringlich – auch ihre Mutter hat sie damals zum Tanz gebracht. „Ein Jahr sollte ich es an einer professionellen Schule probieren, das war der Deal“, sagt die gebürtige Bulgarin. „Aber schon nach wenigen Wochen wusste ich, dass ich weiter tanzen will.“

Diese Entscheidung war für beide einschneidend. Sie gaben ein großes Stück ihrer Kindheit auf. Während alle anderen ihre Freizeit genießen konnten, über den Hof tobten und neue Freunde fanden, wurde von ihnen eiserne Disziplin erwartet. „Wir wurden geradezu gedrillt“, schätzt Eliza es heute ein. Damals mit nur sieben Jahren machte sie das traurig. Heute ist sie dankbar für den Vorschlag ihrer Mutter. Dan dagegen hatte nicht nur mit der strengen Disziplin, sondern auch mit den Vorurteilen der anderen Jungen zu kämpfen. „Ballett ist eben kein Fußball“, sagt er. „Wir mussten schneller erwachsen werden, disziplinierter sein und alle Entscheidungen schneller treffen.“

Doch die Faszination des Tanzes täuscht schnell über versäumte Jugendträume, „Zigaretten rauchen hinter der Schule“ oder die körperliche Belastung des Trainings hinweg. „Schmerzen und blutige Füße gehören zum Job. Ziel ist es, diese zu überwinden“, erklärt Eliza. Auf der Bühne sind auf einen Schlag all das Blut, der Schweiß und die Tränen vergessen. „Plötzlich hast du das Gefühl, genau dorthin zu gehören und kannst einfach den Moment genießen“, fasst Dan es zusammen.

Manch Zuschauer mag sich fragen, woran Tänzer denken, während sie ihre Körper mit traumwandlerischer Sicherheit über die Bühne bewegen. „Eigentlich nichts“ lautet die einstimmige Antwort. „In dem Moment denke ich nicht. Ich bin einfach da, atme und fühle“ erklärt es Eliza. So bemerkt das Publikum auch nicht, wie anstrengend das Tanzen ist. Mühelos und leicht wirken die Bewegungen, obwohl sie in Wahrheit pure Muskelkraft verlangen. Tanzen ist nicht nur ein Hobby, es ist ein Leistungssport , der dem Körper sehr unnatürliche Bewegungen abverlangt. Sieben bis acht Stunden müssen die Tänzer dafür täglich in Bestform sein.

Sechs spannende Zahlen rund um das Thema "Tanz"

214 Millionen Dollar hat der Film „Dirty Dancing“ in den Kinos eingetanzt.

180 Schritte macht man pro Minute beim klassischen Wiener Walzer.

250 Kalorien verbraucht man durchschnittlich bei einer halben Stunde Tanzen. Bei lateinamerikanischen Tänzen sogar bis zu 400 Kalorien.

5000 vor Christus entstand der älteste Tanz  der Welt, wie Malereien  von damals belegen.6 Zentimeter ist die ideale Absatzhöhe für Tanzschuhe.

76 Prozent geringer ist das Demenzrisiko von Tänzern.

Die grazilen Bewegungen sind natürlich nicht nur Dekoration – sie sollen Emotionen vermitteln und Geschichten erzählen. Der Kopf dahinter ist im Falle des Staatstheaters Jutta Ebnother. Auch sie hat einst als Tänzerin angefangen, genoss eine klassische Tanzausbildung, die neun Jahre dauerte. Doch nach kurzer Zeit als Tänzerin bekam sie ein Angebot, das sie nicht abschlagen konnte.

„Ich hatte eigentlich nie geplant, Choreografin zu werden“, sagt sie und lacht. Auch das Tanzen hatte zwischenzeitlich Konkurrenz. Das Hotelgewerbe habe sie immer sehr gereizt. Doch die Faszination Tanz war stärker. „Manche reißen sich förmlich darum, Ballettdirektor zu werden, und mir wurde es einfach angeboten. Noch dazu als Frau, was in der Branche eher selten ist. Es wäre dumm gewesen, das abzulehnen.“ So choreografiert die Schwerinerin inzwischen länger, als sie getanzt hat.

Dabei vermittelt sie ganze Geschichten, ohne sich der klassischen Ausdrucksform der Worte bedienen zu können. „Für mich hat jede Bewegung eine ganz eigene Emotion“, erklärt sie. Man müsse nicht jede Handbewegung erklären, damit sich die vielen kleinen Momente zu einer Geschichte zusammenfügen. Sie habe eine hohe Affinität zu Künstlerpersönlichkeiten – Musikern, Malern, Bildhauern – sagt sie. So würde es ihr nie an Stoff für neue Stücke fehlen. Und obwohl sie seit dem Wechsel in die Ballettdirektion nicht mehr auf der Bühne stand, „fühle ich mich noch, als würde ich tanzen, wenn ich choreografiere.“

Jutta Ebnother
Foto: Viviane Offenwanger

Jutta Ebnother

Ihrer Tanzkarriere trauert Jutta Ebnother nicht nach. Vielleicht auch, weil sie nun ein längeres Berufsleben vor sich hat. Das Tänzerleben endet viel früher, als es der normale Berufstätige vermuten mag. Die Faustregel lautet: Ab 40 Jahren ist Schluss. „Natürlich gibt es auch einige Tänzer, die länger arbeiten. Ich persönlich finde ältere Tänzer sehr reizvoll“, erklärt die Ballettdirektorin. Da es in der Regel aber nicht dazu kommt, würden viele Tänzer sozusagen im Moment leben, erklärt sie. „Das macht die Erfahrung umso intensiver. Gedanken über eine zweite Karriere sollte man sich trotzdem machen – vor allem da immer das Risiko einer Verletzung besteht.“

Eliza möchte noch nicht an das Ende der Karriere denken: „Ich genieße gerade jeden Tag und bin noch nicht bereit, das Tanzen aufzugeben“, sagt sie. Doch wenn sie eines bei ihrer harten Ausbildung gelernt habe, dann, dass man nie aufgeben sollte. So ist die 27-Jährige sich sicher, einen neuen Job zu finden. Dan, der nur drei Jahre älter ist, denkt dagegen schon länger an das Danach. „Auf jeden Fall bleibe ich dem Theater und der Kunst treu, vielleicht als Choreograf. Ich entwickle schon jetzt eigene Stücke.“ Auch Chefin Jutta sieht der Zukunft ihrer zwölf Tänzer am Staatstheater gelassen entgegen. „Menschen, die so diszipliniert, lernfähig und vielseitig sind, werden keine Probleme haben, sich umzuorientieren“, sagt sie. Mögliche Alternativen wären beispielsweise in der Physiotherapie, als Fitnesstrainer oder Tanzfotograf. „Ich denke aber, da Tänzer so eine Präsenz haben, wären sie auch super im Marketing oder Management aufgehoben.“

Das Ensemble in Aktion
Foto: Viviane Offenwanger

Das Ensemble in Aktion

 

Das alles sind vorerst nur Gedanken – noch bestimmt der Tanz den gesamten Alltag der drei – von früh um 10 Uhr bis abends um 18 Uhr. Wie Arbeit fühle es sich dennoch nicht an, sagt Dan. „Ich mache das, wofür ich brenne. Darum ist das Theater für mich kein Arbeitsplatz, sondern eine Chance, meine Leidenschaft auszuleben.“ Da wundert es nicht, dass auch im Privaten die Lust am Tanz nicht abgeflaut ist. „Wenn ich in der Küche bin und warte, bis das Wasser kocht, dann tanze ich oft durch den ganzen Raum“, berichtet Eliza mit breitem Lächeln. Und Dan tanzt sich durch die Clubs. Wen das Fieber einmal gepackt hat, lässt es eben nur schwer wieder los – und lässt wenig Freizeit. „Ich wüsste aber gar nicht, was ich mit so viel Zeit anfangen sollte“, erklärt Dan leicht entschuldigend, bevor es zur nächsten Trainingseinheit geht.

Service: Die nächsten Termine

Mazl Tov! 11. Mai, 19.30 Uhr im E-Werk; 27. Mai, 19.30 Uhr im E-Werk

Apropos Liebe 7. Mai, 18 Uhr im E-Werk; 16. Mai, 19.30 Uhr im E-Werk; 17. Mai, 10.30 Uhr im E-Werk

My Fair Lady 17. Mai, 19.30 Uhr Großes Haus; 20. Mai, 19.30 Uhr Großes Haus; 3. Juni, 19.30 Uhr Großes Haus; 4. Juni, 15 Uhr Großes Haus

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