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Flüchtlingskind Reem : Ein Jahr nach den Tränen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Vor einem Jahr brachte die Bundeskanzlerin das Flüchtlingskind zum Weinen, heute sagt Reem „Danke“

Sie gilt als das Gesicht der Flüchtlingskrise. Ihr Schicksal steht beispielhaft für das von Tausenden von Flüchtlingen in Deutschland. Die Begegnung im Sommer des vergangenen Jahres hat ihr Leben verändert. Es sei ein Wendepunkt für sie gewesen, sagt sie heute. Reem Sahwil, junge Palästinenserin aus einem Lager im Libanon und die Bundeskanzlerin – Angela Merkel und das Flüchtlingsmädchen in Tränen – eine Begegnung mit weitreichenden Konsequenzen.

Es war der 15. Juli 2015, die Kanzlerin beim Bürgerforum in Rostock. Merkel spricht mit Schülern vor der Kamera darüber, wo der Schuh drückt. Dann kommt Reem, das Flüchtlingsmädchen aus dem Lager im Libanon, zu Wort. „Ich weiß nicht, wie meine Zukunft aussieht, sagt sie in perfektem Deutsch. Studieren wolle sie, doch sei unklar, ob sie und ihre Familie in Deutschland bleiben dürften, schließlich hatten sie keine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung.

Rekordzuwanderung nach MV
Rekordzuwanderung nach MV
 

Angst, Unsicherheit und Ungewissheit quälen die Schülerin. „Es ist wirklich sehr unangenehm zuzusehen, wie andere das Leben genießen können und man selber es halt nicht genießen kann“, so Reem. Und als die Kanzlerin kühl reagiert, weil Politik „manchmal auch hart“ sei, dass nicht Tausende aus dem Libanon und Afrika kommen könnten, und Merkel sagt „das können wir auch nicht schaffen“, bricht Reem in Tränen aus.

Nicht wenige sehen darin eine Schlüsselszene für Merkels späteren Kurs in der Flüchtlingskrise, einen Impuls auch für die Entscheidung im September, die Grenzen zu öffnen und Flüchtlinge aus Ungarn nach Deutschland einreisen zu lassen. Merkel wurde zur „Flüchtlingskanzlerin“.

Mehr als eine Million kamen dann nach Deutschland. Nun steht Deutschland ein langer Integrationsprozess mit seinen Flüchtlingen bevor. Dafür gilt Reem als Vorbild. Der Rostocker Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) sagt: „Reem Sawihl ist für mich das Gesicht gelungener Integration.“ Reem findet das selbst auch: „Ich würde sagen, wir haben jetzt eine zweite Heimat dazu bekommen. Im Libanon habe ich meine Kindheit verbracht, meine Familie und meine Wurzeln. Rostock ist jetzt unser Zuhause.“ Jedenfalls bis 2017. Im Dezember hatte Reem einen Aufenthaltstitel erhalten, der auch für ihre Familie gilt. Noch immer lebe sie mit der Sorge, abgeschoben zu werden, sagte sie kürzlich.

Die Begegnung mit Merkel habe ihr Leben verändert. Es sei ein Wendepunkt für sie gewesen. „Selbstbewusster und mutiger“ sei sie geworden. Wenn sie die Kanzlerin heute träfe, würde sie „einfach nur Danke“ sagen wollen. „Von mir und von meiner Familie, aber auch von all den Flüchtlingen, denen sie geholfen hat.“ Ganz bestimmt sei das für Merkel und für Deutschland „alles nicht so einfach“, sagt Reem. Zu Hause der harte monatelange Konflikt mit der CSU, Pegida-Proteste und das Erstarken der AfD, in Europa der Streit mit den Staats- und Regierungschefs über den richtigen Kurs in der Krise.

Die junge Palästinensierin ist Flüchtlingskind der zweiten Generation, wurde zwei Monate zu früh in einem Lager im Libanon geboren, in dem schon ihre Eltern aufgewachsen waren. Bei der Geburt bekommt sie lange keinen Sauerstoff. Die Folge: Sie ist bis heute linksseitig gelähmt. Mit sechs wird sie bei einem Autounfall schwer verletzt. Das Rote Kreuz hilft. Mit ihrer Mutter und ihrem Bruder darf sie mit einem Krankenvisum nach Deutschland reisen. Dort folgt eine Serie von schweren Operationen – ein Martyrium, aber auch die Rettung für das Kind. Der Rest der Familie kam wenig später nach.
Die fünfköpfige Familie lebt seit drei Jahren in einer Rostocker Plattenbausiedlung.

Nach fünf Jahren spricht sie perfekt Deutsch, war zuletzt Klassenbeste in dem Fach. „Ich liebe Sprachen“, schwärmt sie, die einmal Dolmetscherin werden und den Menschen helfen will, sich zu verstehen. Was sie mit Deutschland verbindet? Wofür das Land steht? „Für Sicherheit und Frieden“, sagt sie. Es sei für sie „wie eine Heimat“ geworden. „Das Land, in dem ich meine Zukunft sehe.“

Inzwischen haben sich Merkel und Reem wiedergesehen: Nach den Osterferien war die 15-jährige auf Einladung Merkels zu Gast im Berliner Kanzleramt, wie Merkels Regierungssprecher erst jetzt wissen ließ, aber nicht mehr über das Treffen verraten wollte. Es dürfte wohl ein Dankeschön gegeben haben und vielleicht auch eine Verabredung für ein nächstes Mal.

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erstellt am 15.Jul.2016 | 06:25 Uhr

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