Flüchtlingstagebuch : Ein Jahr danach: Mohas Ankunft in MV

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Moha war über ein Jahr auf der Flucht. Vergangenen September erreichte er Deutschland. In Mecklenburg-Vorpommern beginnt er ein neues Leben. Redakteurin Lisa Kleinpeter begleitet ihn.

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18. August 2016, 05:00 Uhr

Zufrieden blinzelt Moha in die Sonne. „The summer is coming back“, sagt er, während er einen Schluck von seinem Espresso nimmt – der Sommer kommt zurück. Er lächelt. Auf dem Schweriner Pfaffenteich streiten sich ein paar Möwen um ein Stück Brot. „Es hat so viel geregnet in letzter Zeit. Ist das normal?“, fragt er und schaut mich an. „Ja, das ist Deutschland“, antworte ich. Wir lachen. Nun ist es fast ein Jahr her, dass Moha nach Mecklenburg-Vorpommern kam. Vor fast zwei Jahren floh er vor dem Krieg in seiner Heimat Syrien. Seine Reise ging in die Türkei, dann Griechenland. Schließlich kam er nach Deutschland. Hier wurde er erst in der Erstaufnahmeeinrichtung von Horst untergebracht, dann auf ein Dorf bei Neubrandenburg geschickt. Schließlich bekam er in Schwerin eine Wohnung. Das alles scheint schon so lange her.

„Wo wollen wir beginnen?“, frage ich Moha mit Stift und Block bewaffnet. Der stellt seine Tasse ab. Denkt kurz nach, bevor er antwortet – wie er es immer tut. „Von der Vision, die wir von den Deutschen hatten, bevor wir herkamen“, sagt er. „Welche Vision?“ – „Wir hatten die Vorstellung, die Deutschen sind wie Maschinen mit einem sehr guten staatlichen System“, sagt Moha. „Es ist auch gut, aber nicht so gut.“ – „Was meinst du?“, frage ich. „Zum Beispiel: nach einem Jahr in Deutschland habe ich festgestellt, dass mein Englisch viel besser geworden ist. Mein Deutsch aber nicht.“

Wieder nimmt er einen Schluck von seinem Kaffee. Genießt es, als ob er ewig keinen Espresso getrunken hätte. „Ich habe es mit Videos im Internet versucht. Deutsch ist wie ein Gebäude für mich und ich finde den Eingang nicht“, sagt er. „Was ist mit deinem Integrationskurs?“ – „Ich denke, ich kann nächsten Monat beginnen. Endlich.“ – „Endlich“, wiederhole ich. „Als ich dich damals in Horst das erste Mal traf, meintest du, du willst innerhalb eines halben Jahres Deutsch lernen.“ – „Das stimmt. Ich habe aber nicht gesagt, wann dieses halbe Jahr startet.“ Moha lacht und kneift dabei seine Augen zusammen. Dann wird er ernster. „Nein, ich bin kein gutes Beispiel. Aber ich denke, es reicht nicht nur, die Sprache zu sprechen. Du musst auch das System verstehen. Und das, denke ich, habe ich besser begriffen, als viele andere hier“.

– „Hast du das Gefühl, das letzte Jahr verschenkt zu haben?“ – „Nein. Ich habe viel gemacht. Aber ich denke, ich hätte mehr tun können.“ Ich denke kurz nach. Schon in der Erstaufnahmeeinrichtung hat Moha anderen Flüchtlingen geholfen. Später begleitete er die Filmemacher Dieter Schumann und Michael Kockot mit ihrem Dokumentarfilm „Wenn Fremde näher kommen“, durchs Land und erzählte von seinen Erfahrungen auf der Flucht. Bei seinem letzten Projekt organisierte er gemeinsam mit anderen Asylbewerbern die Ausstellungs- und Vortragsreihe „Syrer erzählen von Syrien“. Als er im September vergangenen Jahres ankam, war Moha begeistert von der Arbeit der ehrenamtlichen Helfer. So etwas wolle er auch machen, sagte er damals.

„Ich denke, die Syrer finden jemanden, der ihnen hilft, wenn es darauf ankommt“, sagt Moha. „Wichtig ist, dass es jemanden gibt, der zwischen den zwei Kulturen vermittelt.“ – „Das willst du machen?“ – „Ja. Aber ich bin nicht in der Position zu sagen, was ich machen will. Hauptsache ich habe Arbeit.“ Nachdenklich betrachtet Moha den Kaffeegrund in seiner Tasse. „Ich habe das Gefühl, ich müsste schon viel weiter sein. Viel mehr erreicht haben.“ Ein Jahr. Eine lange Zeit.

„Was läuft falsch an der Integration der Flüchtlinge?“, frage ich. „Weißt du“, sagt Moha, „jemand der 60 Jahre alt ist, den wirst du nicht mehr integrieren können. Auch nicht einen 50-Jährigen. Einen 40-Jährigen vielleicht noch. Aber die große Chance liegt bei den Jugendlichen. Aber die werden vergessen.“ – „Du meinst, es wird sich nicht genug um sie gekümmert?“ – „Genau. Die 20-Jährigen sind fast noch Jugendliche. Sie brauchen noch jemanden, der ihnen sagt, was richtig und was falsch ist. Aber sie sind auch die große Chance. Sie können sich am besten anpassen“, meint Moha. „Auch ich habe noch viel über die Syrer gelernt“, sagt er. Wir schauen aufs Wasser.

„Wie ist es für dich jetzt hier. Ist Schwerin eine neue Heimat für dich?“ – „Schwerin ist sehr schön. Aber das kann ich noch nicht sagen. Heimat ist aber auch nicht unbedingt ein Ort. Manchmal ist Heimat eine Person.“

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