Kosovo-Einsatz : Ein Hügel im Nirgendwo

Einsatz von Hagenower Panzergrenadieren gestern während einer KFOR-Übung im Norden des Kosovo
1 von 4
Einsatz von Hagenower Panzergrenadieren gestern während einer KFOR-Übung im Norden des Kosovo

200 Soldaten aus MV sind seit Januar im Kosovo-Einsatz. Innenminister Lorenz Caffier war zum Truppenbesuch

von
14. März 2016, 12:00 Uhr

Trostlos sieht es aus, draußen in der Landschaft, die an der Autoscheibe vorbeizieht. Man kann das Gefühl gar nicht so richtig fassen, das einen befällt, wenn man im Kosovo unterwegs ist. Liegt es an den unverputzt und doch schon verwohnt aussehenden Häusern in den Hügeln zwischen Pristina und Prizren? Liegt es an der neuen, aber leeren Autobahn, deren Ränder Erosionsschäden zeigen? Liegt es am Müll und den Autowracks überall? Es ist alles zusammen.

Und doch ist dieses alles zusammen besser, als es vor 17 Jahren war. Und es ist vor allem sicherer. Das sagt Oberst Hans-Jürgen Freiherr von Keyserlingk, der Kommandeur des Einsatzkommandos der Kosovo Forces, besser bekannt als KFOR, in Prizren und Pristina. Er kommt aus Neubrandenburg. Mit 200 Soldaten aus MV ist er seit Januar im Kosovo. 1,8 Millionen Menschen leben hier. Vergessen sind die ethnischen Konflikte zwischen Kosovo-Serben und Kosovo-Albanern bis heute nicht. Präsenz zeigen, bei Konflikten einschreiten, eine Kosovo-Armee aufbauen – das ist der Auftrag. Spannend klingt das nicht. Ungefährlich ist es aber auch nicht. Sieht man Fernsehbilder aus dem neuen Landesparlament in Pristina, wo die Opposition regelmäßig Tränengas versprüht, ahnt man, dass neue Konflikte hinzukommen.

Eine halbe Stunde nördlich der Hauptstadt liegt Nove Selo und die Einsatzkompanie aus MV. Von den 200 Mann kommen 102 aus Hagenow. Die Hagenower Soldaten gelten als eine wichtige Stütze der Auslandseinsätze der Bundeswehr. Die meisten von ihnen haben bereits mehrere Auslandseinsätze hinter sich. Mitten im Gebiet der Kosovo-Serben halten sie ein Stück nördlich von Nove Selo einen Stützpunkt 20 Kilometer vor der serbischen Grenze entfernt. Genannt „Nothing Hill“. Ein Hügel im Nirgendwo. Früher gingen hier die Schmugglerwege entlang. Waffen, Frauenhandel, Autos. Jetzt hat die organisierte Kriminalität andere Wege gefunden. Würden die Soldaten hier weggehen, wären die Schmuggler wieder da.

Gestern hatten die Soldaten im Nirgendwo Besuch aus der Politik. Für den Innenminister aus MV haben sie eine Einsatzsimulation vorbereitet. Man kann Proteste ja nicht bestellen. Nicht einmal im Kosovo. Lorenz Caffier (CDU) bekommt vorgeführt, wie die Soldaten einen Angriff auf die KFOR abwehren, Störer einkesseln. Tun mussten das die Soldaten aus Hagenow noch nie. Hauptfeldwebel Enrico. H. erzählt, die Serben seien sehr freundlich zu den Deutschen. Aber sie schrauben ihre Autoschilder ab, wenn sie in den Süden fahren. Wenn Albaner kommen, ist es umgekehrt. Sein Kamerad Mario S. sagt: „Angst hätten die Serben nicht vor den deutschen Soldaten, sondern vor den Nachrichten aus Pristina.“

Caffier will zeigen, dass der Einsatz nicht vergessen ist. „Wir wissen, dass Sie hier in Prizren manchmal das Gefühl haben, die Soldaten im Kosovo seien uns aus dem Gedächtnis gefallen. Seien Sie sicher, dass die Politik Ihre Arbeit hier zu würdigen weiß.“

Mit den Soldaten diskutiert er auch über Deutschland. Einer will wissen, warum geduldet werde, dass die Flüchtlinge die ganzen Pferde von den Weiden essen. Die Heimat mit all ihren falschen Gerüchten ist auch bei den Soldaten im Kopf. Caffier erklärt: „Niemand in Deutschland darf zurückstehen, weil wir den Flüchtlingen helfen wollen. Aber helfen wollen und müssen wir.“ Tatsächlich ist er auch hier, um zu erfahren, wie wahrscheinlich es ist, dass sich Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak nun Umwege über den westlichen Balkan suchen. Und Caffier will heute mit dem hiesigen Innenminister über die Rücknahme von abgelehnten Asylbewerbern aus MV sprechen.

Das Feldlager im südlichen Prizren, wo Caffier übernachtet, zählt zu den angenehmeren Einsatzorten der Bundeswehr. Seit 2010 gibt es eine riesige Feldküche, ein moderner Neubau. Wie für die Ewigkeit gebaut. Zum Ausspannen können die Soldaten wählen zwischen Restaurants wie „Antalya“, „Wolfs Revier“, „Oase“ oder dem „Swiss Châlet“, eine Art Skihütte. Ein Feldlazarett gleich einem Kreiskrankenhaus gibt es auch. Nächste Woche reist Prinz Charles in den Kosovo, heißt es im Lager. Er will die britischen Truppen besuchen, und sich um den Feinstaub kümmern. Davon gibt es viel im Kosovo.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen