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Mecklenburg-Vorpommern

19. September 2017 | 15:42 Uhr

Ostseeschweinswal : Ein großes Rätsel

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Durch 300 Detektoren im Wasser wollen Forscher mehr über den seltenen Ostseeschweinswal erfahren

Einige ältere Fischer behaupten, es gäbe sie überhaupt nicht. Der Ostseeschweinswal sei ein Phantom. Auch vor Finnlands und Lettlands Küsten – im äußersten Norden und Osten der Ostsee – wurden lange keine Schweinswale gesichtet. Doch in historischen Dokumenten werden auch in diesen Gebieten der zentralen Ostsee immer wieder Totfunde oder Lebendsichtungen der bis zu 70 Kilogramm schweren Meeressäuger erwähnt. Auf den ersten und auch auf den zweiten Blick unterscheiden sie sich nicht von den Artgenossen in der Nordsee (260 000 Tiere) oder im Kattegat/westliche Ostsee (11 000 Tiere).

Forscher aus den Ostsee-Anrainerstaaten schätzten bislang den Bestand der Ostseeschweinswale auf rund 600 Tiere; der Meeressäuger gilt als vom Aussterben bedroht. Der Tag des Ostseeschweinswals am 18. Mai soll deshalb auf die seltenen Tiere aufmerksam machen. Die Datenlage war lange dünn – bis die Wissenschaftler 2011 einen großen Lauschangriff starteten. In dem internationalen Forschungsprojekt SAMBAH (Static Acoustic Monitoring of the Baltic Sea Harbour Porpoise) haben Meeresbiologen aus allen EU Ostsee-Anrainerstaaten nun nach drei Jahren nachweisen können, dass der Schweinswal auch in der zentralen Ostsee östlich der Insel Rügen bis hoch nach Finnland und weit vor den Küsten Lettlands schwimmt. Dass der Ostseeschweinswal offenbar die gesamte zentrale Ostsee besiedelt östlich des 13,5 Längengrades (Insel Rügen), hat selbst die Forscher überrascht, wie Anja Gallus, Biologin am Deutschen Meeresmuseum in Stralsund, berichtet.


Erstellung von Bewegungsmustern


Seit 2011 hat die internationale Wissenschaftler-Gruppe nach den seltenen Meeressäugern gefahndet. 304 Detektoren wurden im Gebiet der zentralen Ostsee ausgebracht. Das Areal ist fast so groß wie Deutschland. An 140 Detektoren – also knapp der Hälfte der Unterwasserlauscher – haben die Forscher in den vergangenen zwei Jahren die typischen Klickgeräusche der Schweinswale dokumentiert. Ob es sich dabei um Gruppen, Einzeltiere oder Mehrfachzählungen handelt, ist bislang offen.

Die Auswertung der Daten, die Erstellung von Bewegungsmustern läuft noch. Ende 2014 wollen sich die Forscher auf einer Tagung in Schweden auf eine Bestandszahl festlegen. Doch schon jetzt fordern sie einen konsequenten Schutz der Tiere. Umweltschützer wollen gar ein Verbot der Stellnetze, in denen sich Schweinswale verfangen können. Der Grund für den Alarm: „Die Ostseeschweinswale paaren sich nicht mit den Artgenossen aus der westlichen Ostsee“, sagt Anja Gallus. „Jedes Tier, das als ungewollter Beifang in den Netzen endet, geht für den Erhalt der Population verloren.“

Während der Paarungszeit befinden sich die Schweinswal-Bestände aus der westlichen und der zentralen Ostsee in unterschiedlichen Gebieten. Männchen und Weibchen der verschiedenen Bestände fänden deshalb einfach nicht zusammen – auch wenn sie sich nach Einschätzung der Forscher vermutlich paaren könnten. Denn so groß wie noch vor Jahren vermutet, sind die genetischen und morphologischen Unterschiede zwischen den Beständen der zahlenmäßig überlegenden Schweinswale in der westlichen Ostsee und denen in der zentralen Ostsee wohl doch nicht. „Die genetischen Daten zeigen keine klare Abgrenzung“, schreibt die Biologin Annika Wiemann 2011 nach einem genetischen Vergleich von Proben von 500 Schweinswalen. Statt um unterschiedliche Arten oder „separate Populationen“ handele es sich maximal nur um verschiedene Managementeinheiten. Die Nachbarn sind sich viel näher als angenommen.

Den östlichen Bestand aber gemeinsam mit den viel größeren Beständen im Kattegat oder in der Beltsee zu betrachten, könnte argumentativen Vorschub für eine höhere tolerierte Beifangrate von Schweinswalen in der Ostsee leisten, fürchten die Wissenschaftler.


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