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Ein großer Tag für die "Zuckertütenfürsten"

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erstellt am 02.Aug.2013 | 09:51 Uhr

Der Ernst des Lebens beginnt mit etwas Süßem: 700 000 kleine ABC-Schützen halten in diesen Tagen stolz ihre Schultüte mit Geschenken in den Händen. Ein schöner Brauch, der vor 200 Jahren geboren wurde. Begehrt sind längst nicht mehr nur Schokoriegel oder Kuscheltiere. Angesagt ist vor allem alles, was glitzert, lärmt - und kostet. Ein kleiner Familienbetrieb in Sachsen beliefert die gesamte Republik.

Die Kaschiermaschine zischt. Klebstoff kleckst auf Druckbögen. Es riecht nach Leim und Papier. Dreieckig ausgestanzt, wird die graue Pappe auf einer kegelförmigen Wickelform zusammengeleimt und mit bunten Folien beklebt. Noch ein wenig Silberglitter auf die Außenhaut, ein bisschen Tüll als Dekoration - dann hält Juniorchefin Bettina Nestler die fertige Schultüte in der Hand. Modell "Mia and me", dieses Jahr einer der Verkaufsrenner bei Nestler Feinkartonagen im Erzgebirge.

Bettina Nestler und ihre Mutter Ursula sind die ungekrönten Zuckertüten-Königinnen der Republik: Schleppt irgendwo in Deutschland ein ABC-Schütze eine Schultüte nach Hause, hält er wahrscheinlich eine aus Sachsen in den Armen. Der kleine Familienbetrieb im ehemaligen Silberbergbau-Mekka Ehrenfriedersdorf ist bundesweit einsamer Marktführer und damit gleichzeitig der weltweit größte Hersteller von Schultüten, Wachstum durch Export ausgeschlossen: Außer in Deutschland und Österreich ist der Brauch so gut wie unbekannt. "Wir sind eine Nische."

Sechs bis sieben Tüten pro Erstklässler

"Die Zuckertüte ist heute Teil eines Events", sagt Bettina Nestler. "Wie eine kleine Hochzeit" werde die Einschulung gefeiert. Mit großem Tamtam im Festsaal und bis zu zehn Tüten. Die größte kommt von den Eltern, die kleineren Ableger von den lieben Tanten und Onkeln, Omas, Opas und den Nachbarn. Vier bis fünf Millionen Tüten landen so jährlich bei den 700 000 deutschen Wichten, was einem Schnitt von etwa sechs bis sieben Tüten pro Erstklässler entspricht.

Erich Kästner (1899 bis 1974) begnügte sich an seinem ersten Schultag noch mit einem Exemplar und war dennoch stolz wie ein "Zuckertütenfürst". Wie eine Fahnenstange trug er sein Glück vor sich her. "Sie war bunt wie hundert Ansichtspostkarten, schwer wie ein Kohleeimer und reichte mir bis zur Nasenspitze." Immer wieder musste der Knabe sie ächzend auf dem Pflaster absetzen. Die Mutter half. "Wir schwitzten wie die Möbelträger!"

Die typisch deutsche Tra dition, den Start in die komplizierte Welt der Zahlen und Buchstaben zu versüßen, führt zurück ins Ostdeutschland des frühen 19. Jahrhunderts. Nach Sachsen, Thü ringen, Schlesien und Böhmen. Ein eindeutiges Premieren-Datum existiert nicht. Um 1810 wird in Sachsen "kleinen Menschen der erste Abschied vom Elternhaus mit einer ,Zuggodühde versüßt". Spätestens 1820 taucht sie in Dresden auf, 1836 in Leipzig.

Zu den frühesten Zeugnissen zählt die biografische Notiz eines Jenaer Ackerbürger-Sohns von 1817: "Bei meiner Einschulung überreichte der Kantor mir eine mächtige Tüte mit Konfekt, wahrscheinlich als symbolisches Zeichen der vom Fleiße zu erwartenden Vorteile." Damit die Erstlinge nicht gleich am ersten Vormittag heulend davonliefen, wurde den Kindern wochenlang der bevorstehende Aufbruch in den Ernst des Lebens schmackhaft gemacht: Ein "Schultütenbaum" stehe dicht behangen in der Schulstube und warte nur darauf, geplündert zu werden. Wenn die Tüten reif seien, wäre es höchste Zeit zur Schule zu gehen. Andere Überlieferungen berichten von Brezel-Bäumen auf Dachböden.

Als Schüler wollte der Volkskundler Josef Meder in den 1850er-Jahren der süßen Sache auf den Grund gehen. Heimlich kletterte er hinauf zum Dachboden des Schulhauses, fand dort zu seiner Enttäuschung aber nur Mehltruhen, aufgehängte Wäsche und Gerümpel. Umso größer war sein Erstaunen nach der ersten Schulstunde: "Merkwürdigerweise erhielt ich an diesem Tag dann doch vom Lehrer eine Zuckertüte, die ... dem Zuckertütenbaum entstammen sollte."

Etwa zur selben Zeit reiht sich in Dresden das "Zuckertütenbuch für alle Kinder, die zum ersten Mal zur Schule gehen" (1852) in den Chor der Motivatoren ein: "Für die braven Eleven pflückt der Lehrer die Zuckertüten." 70 Jahre später erscheint der "Der Zuckertütenbaum" des sächsischen Gendarmensohns Albert Sixtus (1892 - 1960, "Die Häschenschule") - ein Klassiker heute.

Bettina Nestlers Vorfahren waren die Ersten, die vor hundert Jahren Schultüten in Serie fertigten. Als Urgroßvater Carl August Nestler 1910 im sächsischen Wiesa die industrielle Produktion von Schultüten startete, hatte sich der Papp-Kegel noch längst nicht überall durchgesetzt. Zu unterschiedlich waren die Auffassungen von Bildung in Stadt und Land: Das Bürgertum war am Schulbesuch seiner Kinder interessiert. In den ländlichen Gegenden wurde der Unterricht dagegen häufig als überflüssig angesehen: "Kinder gehören auf den Acker. Sie sollten bei der Ernte helfen!", räsonierte Christoph Tornée, Lehrer und Küster in der Niedersachsen-Gemeinde Lilienthal.

Der kleine Unterschied: 15 Zentimeter

Anderen Lehrern fiel aus Sorge um den sozialen Frieden vor Erregung das Monokel aus dem Gesicht: Pädagogisch unmöglich! Form, Größe und Füllung entlarvten, welches Kind aus armen und welches aus reichen Verhältnissen stamme!

Bis sich die Zuckertüte in ganz Deutschland durchsetzte, vergingen noch etliche Jahre. Ihr Siegeszug begann in den Städten: Ab 1915 erobert sie Berlin. Der erste Beleg für Hamburg stammt aus dem Jahre 1919. In den 1930er-Jahren und mit der Wohlstandswelle der Adenauer-Ära stößt der Brauch bis in die entlegensten Zipfel Deutschlands vor.

Heute gehört die Tüte zur Standardausrüstung fast aller Erstklässler. Bis zu drei Millionen Schultüten verlassen jährlich das Erzgebirge. Die ganze Tüterei nahe der tschechischen Grenze beschäftigt bis zu 70 Mitarbeiter - überwiegend Frauen. "Hier ist fast alles noch Handarbeit", sagt Bettina Nestler.

Die spitzkegelige Form ist noch dieselbe wie vor 200 Jahren. Doch Schultüte ist nicht gleich Schultüte: Sie variiert in Größe, Farbe und Form - und spaltet die Republik. Der Westen zieht im Vergleich zum Osten den Kürzeren. Die beliebtesten Modelle in den alten Bundesländern sind nur 70 Zentimeter lang. Sie sind damit 15 Zentimeter kleiner als die Tüten in den neuen Bundesländern. Von Rostock bis Dresden messen die Lieblingstüten 85 Zentimeter und: Sie sind sechseckig statt rund! Für die formale Abgrenzung des Ostens sorgte der findige Nestler-Clan: Er hatte mit seinen sechseckigen Tüten in den 1930er-Jahren einen Trend gesetzt, der bis heute ungebrochen ist. "Die deutsche Teilung blieb auch nach Wende erhalten", scherzt Juniorchefin Bettina Nestler.

Artikel für rund 20 Euro in der Tüte

Die Motive wechselten häufig: Zum Geburtstag des deutschen Kaisers erschienen Tüten mit Lorbeer-Blättern. Palmkätzchen und Frühlingsblumen garnierten die Papphaut. Auf vielen Kegeln, die wegen der damaligen Einschulung im Frühjahr auch "Ostertüten" hießen, thronte ein Osterhase aus Pappmaché. Später verunzierten Nazi-Symbole das süße Glück der Kinder.

Heute haben vor allem Helden aus Film und Fernsehen das Outfit erobert: Shaun, das Schaf und Prinzessin Lillifee, Transformer und Power Rangers. Auch Disneys Bambi, Minnie und Arielle kleben auf den Hüllen. Rennautos, Dinosaurier und Pferde sind allgegenwärtig. Blinkmodule und Lokomotivsound sind in den neuen Bundesländern der letzte Schrei. In Bayern und Baden-Württemberg sind "Do-it-yourself"-Modelle für Bastelfreaks besonders beliebt.

Was in den Tüten klötert, ist nicht von Pappe: Längst werden die lieben Kleinen nicht nur mit Naschwerk besänftigt. Nach einer Forsa-Umfrage würden 40 Prozent aller Eltern bis zu 40 Euro ausgeben, einem Drittel ist das Geschenk bis zu 60 Euro wert. "In den Schultüten finden sich im Schnitt Artikel im Wert von 20 Euro", sagt Geschäftsführer Willy Fischel vom Bundesverband des Spielwaren-Einzelhandels in Köln. "Buntstifte, Füller, Tuschkästen." Doch gehören neben Spielzeug, Leuchtwesten und Büchern mittlerweile auch Computerspiele, Armbanduhren, Sparbücher, Goldmünzen und Handys zur Erstausstattung. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

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