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Zen als Selbsterfahrung : Ein Goldfisch im Kopfkino

vom
Aus der Onlineredaktion

Im Zen-Dojo Ludwigslust beweisen die Meditierenden viel Konzentration. Volontär Armin Kung wagt den Selbstversuch im Nichts-Tun.

svz.de von
erstellt am 05.Feb.2017 | 08:55 Uhr

Werden Sie diesen Text in einem Stück lesen können? Ohne Ablenkung? Wenn ja, sind sie vermutlich kein „Millenial“. Laut einer Studie des Microsoft-Konzerns besitzen Millenials, also die Generation, die zwischen 1980 und 1999 geboren wurde, eine äußerst kurze Aufmerksamkeitsspanne. Sie sei geringer als die eines Goldfisches. Das Flossentier kann sich neun Sekunden lang konzentrieren. Millenials dagegen, aufgewachsen mit Computern und Videospielen, kommen gerade mal auf acht Sekunden. Aber ich frage Sie am Ende noch einmal, ob sie den Goldfisch geschlagen haben.

Um mir zu beweisen, dass ich einen Goldfisch besiegen kann, stelle ich mich einer Herausforderung, die mehr als neun Sekunden Konzentration benötigt. Genauer gesagt 4200 Sekunden. Ich besuche eine Gruppe Zen-Buddhisten und meditiere mit ihnen – zumindest versuche ich es.

An einem Dienstagabend stehe ich vor dem Eingang des Zentrums für Bildung, Erholung und Freizeit (Zebef) in Ludwigslust. Zen-Mönch Bertrand Schütz wartet bereits an der Treppe und winkt mir zu. Er trägt eine Brille, sein Kopf ist glattrasiert und er lächelt freundlich. Wir gehen eine Etage nach oben. In dem Übungsraum sitzen zwei Teilnehmerinnen. Zwei weiße Trennwände teilen den Raum. In der Mitte steht ein Tisch mit einem Schwarz-Weiß-Foto und einem Räucherstäbchen. Die Gruppe trifft sich hier wöchentlich und trainiert ihren Kopf.

Bertrand Schütz und die beiden anderen Teilnehmer tragen lange Gewänder aus dunklem Stoff. Er ist Zen-Mönch und lebt seit Jahren in Ludwigslust. „Ziehen sie sich erstmal um. Danach erkläre ich ihnen den heutigen Ablauf“, sagt er.

Ich schlüpfe in eine Jogginghose. Wenn schon Konzentration, dann wenigstens bequem.
„Suchen Sie sich dort hinten in der Ecke einen Platz. Wir sitzen immer mit dem Rücken zur Mitte.“ Tatsächlich. Die Gruppe sitzt mit dem Rücken zueinander und alle schauen an die Wand. Weniger Ablenkung geht kaum.

Ich lasse mich im Schneidersitz nieder. Mönch Schütz packt von der Seite meine Beine und verknotet sie zu einem „halben Lotus“. Mein rechter Fuß liegt dabei auf dem linken Oberschenkel. Und jetzt?

Schütz hockt sich neben mich. „Wir achten im Zen-Buddhismus auf die Körperhaltung. Sie sollten gerade sitzen und auf die Atmung achten. Wir betonen das Ausatmen“, sagt er. Wir betonen das Ausatmen – der Satz schallt wie ein Echo in einem Bergtal durch meinen Kopf. „Was genau soll ich jetzt machen?“, frage ich nach.

Wie sich herausstellt, nicht viel. Schütz erklärt mit ruhigen Worten, dass die Atmung helfe, den Verstand zu beruhigen. „Ständig entstehen Gedanken im Kopf. Das Ziel der Meditation sei, diese nicht zu verketten oder zu vertiefen.“ Gedanken beobachten, aber nicht mitreißen lassen. Sitzen, halten, atmen, nicht verketten. Verstanden, es kann los gehen.

Er steht auf und geht an seinen Platz. Die anderen Teilnehmer setzen sich ebenfalls vor die Wand. Ein metallischer Gong erklingt und es wird ruhig im Raum.

Ich atme tief ein. Ich atme betont aus. Funktioniert ganz gut. „Welcher Gedanke wird mir wohl als erstes kommen?“, frage ich mich. „Ab wann zählt es eigentlich als Gedanke? Werde ich es bemerken?“ Es dämmert mir: „Oh, dies war bereits ein Gedanke. Jetzt denke ich über das Denken nach.“

Nach wenigen Minuten zweifle ich, ob es überhaupt möglich ist, den Geist zu entspannen. „Kann man überhaupt nicht-denken?“, frage ich mich im Stillen. Das mit der Konzentration wird nicht so einfach, wie erhofft. Verdammter Goldfisch. Wie Blasen in einem Wassertopf, der langsam zu kochen beginnt, tauchen Sätze und Bilder auf. Ich verliere mich vollkommen in der Grübelei.

Mir ist langweilig, stelle ich fest. Sonst habe ich immer mein Smartphone zur Hand, wenn ich mich ablenken will. Ob nun in der Straßenbahn oder im Wartezimmer beim Arzt. Ich kann mich jederzeit ablenken. Das Nichtstun habe ich etwas verlernt. Auch meinem rechten Fuß ist so langweilig, dass er eingeschlafen ist. Und zu meinem Pech heißt der folgende Programmpunkt: Geh-Meditation.

Wieder ertönt der Gong. Geh-Meditation bedeutet, jeden Schritt bewusst zu setzen. Die Teilnehmer laufen dabei wie in Zeitlupe im Kreis. Unbeholfen drücke ich mich nach oben, reihe ich mich ein und humple hinter den anderen Meditierenden her. Langsam setzte ich die Ferse auf den Boden, rolle in Zeitlupe über die Sohle ab und setzte erst dann den Fuß vollständig auf. Tausende Nadelstiche zucken durch meinen eingeschlafenen Fuß. Nach zehn Minuten ist die Qual vorbei. Die Konzentration ist längst vergessen.

Wieder setzen. Den halben Lotus habe ich aufgegeben. Ich verharre im klassischen Schneidersitz. Es gongt erneut. Stille. Nach wenigen Momenten ertrinke ich wieder im Gedankenfluss: Ich plane den nächsten Arbeitstag, entdecke alte Erinnerungen und überlege, was es zum Abendbrot geben wird. Ins Kino könnte ich auch mal wieder gehen.

Doch nach einigen Minuten beginnen die Gedankenspiele zu nerven. Auch wenn es anfangs nicht viel gebracht hat: Ich versuche es noch mal mit dem Tipp, den mir Schütz gegeben hat: Konzentration auf die Atmung. Einatmen – „Muss ich noch tanken?“ – Ausatmen – „Was läuft im Fernsehen?“ – Einatmen – Ausatmen – Einatmen. Es wird besser. Der Kopf lässt sich nicht abstellen, aber ich kehre immer wieder zum Atem zurück. Ich bin tatsächlich konzentriert. Ist das des Pudels Kern? Gedanken kommen und gehen. Doch wir haben es in der Hand, ob wir darauf reagieren?

Die Glocke klingt ein letztes Mal. Am Ende drehen sich die Teilnehmer doch noch zueinander. Sie rufen lautstark ein buddhistisches Gebet. Etwas zu laut für meinen Geschmack, besonders nach eineinhalb Stunden totaler Ruhe. Danach ziehen wir uns um, packen die Sachen zusammen und der letzte macht das Licht aus. Bertrand Schütz verabschiedet sich. Wie nach dem Training in einem Sportverein, nur eben Sport für den Geist.

Während des langen Sitzens fiel mir ein Witz ein, der mich an mein Kopfkino beim Meditieren erinnerte. Der ging so: In einem See schwimmen zwei junge Fische. Sie treffen auf einen alten, klugen Fisch. Die höflichen Jungfische grüßen den Alten. Der erwidert: „Hallo Jungs, wie ist das Wasser?“ Die Jungfische lächeln und schwimmen vorbei. Daraufhin fragt der eine den anderen: „Welches Wasser?“

Apropros Fische. Haben Sie beim Lesen durchgehalten? Herzlichen Glückwunsch, Sie haben den Goldfisch geschlagen.

 

Hintergrund: Warum Buddhisten meditieren
Der Buddhismus ist die viertgrößte Religionsgemeinschaft der Welt und hat je nach Quelle zwischen 230 und 500 Millionen Anhänger. Sie stammt ursprünglich aus dem antiken Indien und breitete sich über China bis nach Japan aus. Die Religion teilt sich in viele unterschiedliche Strömungen. In Japan heißt er Zen-Buddhismus. Jede Richtung meditiert aus anderen Gründen. Als gemeinsamer Ursprung gilt allen die Erleuchtung des „Buddha“, dem Religionsstifter. Laut der Legende meditierte „der Erwachte“ wochenlang unter einer Pappelfeige und erreichte als erster Mensch die Erleuchtung. Was genau dieses  „Erwachen“ war, beantworten die Strömungen unterschiedlich. Für einige Schulen ist die schlagartige Erleuchtung das Ziel ihrer Praxis. Anderen genügt die regelmäßige Meditation als Form des Erwachens. Generell gilt, Buddhisten meditieren, um das Leiden zu beenden.



Wer es Armin Kung gleich tun will, findet hier die Ludwigsluster Zen Praxis




 

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