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Ein Gläschen Chardonnay versüßt die Rückfahrt

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erstellt am 28.Mär.2012 | 09:32 Uhr

Breese | Die so häufig erwähnte und von manchen gar als Heilsbringer postulierte Lage der Prignitz auf halber Strecke zwischen Hamburg und Berlin hat für Sigrid und Eckehard Scharein eine ganz besondere Bedeutung. Die Breeser gehören zu den rund 7000 Pendlern, die täglich zur Arbeit den Landkreis verlassen. Er fährt seit mehr als zehn Jahren nach Hamburg, sie seit drei Jahren nach Berlin. Ihr Lebensplan sah anders aus, aber dennoch sind sie glücklich.

Eine echte Nachteule morgens um 6.05 Uhr in den ICE nach Hamburg zu zwängen ist wie einem Vegetarier ein saftiges Steak zu servieren. Es passt einfach nicht. Auch nach zehn Jahren hat sich das für Privatdozent Dr. Eckehard Scharein nicht geändert. "Ich quäle mich jeden Morgen aus dem Bett, es ist eine einzige Katastrophe." Aber er macht es, obwohl er es damals so viel angenehmer hatte. Damals in Hamburg.

"Zehn Minuten Fußweg waren es bis zum Universitätskrankenhaus Eppendorf, wo ich als Dozent arbeite. Ein angenehmer Weg, mitten durch eine grüne Stadtoase." Ewig hätte es so weiter gehen können, wenn 1980 Sigrid nicht in seinem Hörsaal gesessen hätte. Bei seinen Studenten war er schon immer beliebt. Erst vor wenigen Wochen wählten sie ihn wiederholt zum "Teacher of the year". Auch Sigrid hatte ihn damals auserwählt, allerdings aus anderen Gründen. Sie wurden ein Paar, heirateten 1987 und acht Jahre später nahm Dr. Sigrid Scharein eine Chefarztstelle im Kreiskrankenhaus Prignitz an - der Beginn ihrer Pendlergeschichte.

"Eines Tages mussten wir uns entscheiden. Auf Dauer eine Wochenendbeziehung zu führen, ist nicht gut, man lebt sich auseinander und das fanden wir blöd. Entweder pendelt er oder ich. Ecki sagte zu mir: Ich mach’s." Diese Entscheidung fiel im Jahr 2000 zeitgleich mit einem Hauserwerb in Breese.

4000 Euro Fahrtkosten pro Jahr

"Tja, ich dachte wirklich, das ist kein Thema. Dann fahr ich halt täglich." Mit den Jahren ist es für ihn tatsächlich zur Routine geworden. Die Stunden im Zug, die Stunden auf namenlosen Bahnhöfen bei Verspätungen oder Umwegen - er kann sie nicht mehr zählen. Konkret ab rechenbar hingegen sind die Fahrkarten: "Jedes Jahr rund 4000 Euro", sagt Eckehard Scharein.

Abgesehen vom qualvollen Aufstehen habe er sich im Laufe der Zeit mit der Fahrerei tatsächlich arrangiert. Mittlerweile sei die Stunde morgens im Zug seine effektivste Arbeitszeit. "Ich lese oder arbeite am Rechner, dabei bin ich dann auch hellwach." Und Dank ICE sei die Hinfahrt meist komfortabel, schnell, zuverlässig. Ganz anders die Rückfahrt. Einen Regionalzug gibt es nicht, einen Stundentakt ebenfalls nicht. Nur alle zwei Stunden kann Scharein abends fahren. Bestenfalls ist er um 17.30 Uhr zu Hause, meistens aber 19.30 Uhr und wenn es schlecht läuft erst 22.30 Uhr. "Dann ist der Abend futsch."

Geburtstagsfeten im Zug

Aber Pendler lernen offenbar mit solchen Situationen umzugehen, entwickeln ihre eigenen Strategien, sich die Heimfahrt zu versüßen. Das kann ein spannender Film auf DVD sein, Klassik direkt vom iPad oder ein Glas gut gekühlter Chardonnay. Allein sitzt er längst nicht mehr im Speisewagen.

Eine Gruppe von sechs bis acht Personen hat sich gebildet. Sie alle leben in oder bei Wittenberge, fahren wie Scharein täglich nach Hamburg. "Morgens sehen wir uns eigentlich nie, aber abends sitzen wir zusammen, sprechen über unsere Arbeit, auch über Probleme." Jeder gebe mal eine Runde aus und selbst Geburtstage feiern sie auf der Schiene. Zum Ritual sei das Lesen des "Prignitzers" geworden. "Ich bringe ihn mit, dann geht er reihum. Und wenn ich ihn mal vergesse, schimpfen sie mit mir."

Unter ihnen ist eine Bahnmitarbeiterin, die früher auf dem Wittenberger Bahnhof beschäftigt war, heute in Altona. Sie sei eine wichtige Person, schmunzelt Scharein. "Verspätung, kein Speisewagen, Sonderzug - egal, was es ist, sie informiert mich vorab per Handy."

Einmal sei es ihr sogar gelungen, einen außerplanmäßigen Halt in Wittenberge zu organisieren: Couch statt Bahnhof Berlin - dank ihr war der Familienabend daheim gerettet.

Jahre habe es gedauert, bis sich die Gruppe fand. Sogar Beziehungen untereinander sind entstanden. Eckehard Scharein spricht diplomatisch von Pärchen, verschweigt aber Einzelheiten. Nur so viel sagt der Psychologe: "Pendeln ist für bestehende Beziehungen nicht gefahrlos. Man hockt auf fremden Bahnhöfen zusammen, jemand öffnet die Flasche Wein, man kommt sich näher..." Er selbst sei davor gefeit. "Für so etwas bin ich zu alt, wir feiern im April unsere Silberhochzeit", scherzt der bekennende Ästhet.

Seine Frau kann solche Anekdoten nicht berichten. Seit Juli 2009 fährt sie täglich nach Berlin, hat in Spandau eine privatärztliche Praxis eröffnet. "Aber auf dieser Strecke ist es anders, unpersönlicher: "Durch den Stundentakt des Regionalexpresses fahren viel mehr Züge, sie sind deutlich voller und Sitzplätze sind in Berlinnähe oft rar."

Treffpunkt Grieche: Der Abend kann beginnen

Vor dem ersten gemeinsamen Fahrtag stellte sich für das Paar eine logistische Frage: "Wir haben nur ein Auto, müssen aber beide zum Bahnhof und abends zurück", sagt Sigrid Scharein. Von 5.50 Uhr bis 7.01 Uhr am Bahnhof zu sitzen, sei für sie nicht verlockend. Aber für so kurze Zeit zurück nach Breese bedeute Stress. Im ICE um 7.41 Uhr fand sie eine gute Alternative. "Das funktioniert, da kann ich daheim noch in Ruhe einen Kaffee trinken."

Und wie ist es abends? "Da freuen sich die Taxifahrer", sagt er und beide lachen. "Manchmal kommen wir fast zeitgleich an, telefonieren vorher miteinander. Oder ich gehe vor und warte beim Griechen, der sich auch immer freut, uns zu sehen", erzählen sie.

"Und wenn zeitlich alles nicht zueinander passt, hole ich Ecki ab." "Oder ich verschlafe das Aussteigen und dann sehen wir uns schon in Berlin, fahren gemeinsam zurück. Auch das ist schon passiert."

Sie haben sich mit der Pendelei abgefunden, sehen es nicht als Schicksal, sondern als ihre persönliche Lebensentscheidung an. Breese aufzugeben, wegzuziehen, sei für sie keine Alternative. Sie fühlen sich wohl in der Prignitz. "Meine Entscheidung damals war ohne Wenn und Aber richtig", sagt Eckehard Scharein. Er wisse noch gar nicht, wie das eines Tages sein werde, so ganz ohne tägliche Zugfahrt. Noch jedenfalls wolle er weiter arbeiten, auch wenn er zum Jahresende das 65. Lebensjahr vollendet. "In Hamburg wird der Lehrplan für Medizinstudenten in Form eines Modelstudiengangs neu strukturiert. Daran arbeite ich mit, das möchte ich beenden und in der Übergangszeit meine Studenten weiter betreuen."


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