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Mecklenburg-Vorpommern

18. November 2017 | 11:32 Uhr

Ein Freitag, den keiner vergisst

vom

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erstellt am 04.Apr.2012 | 08:37 Uhr

Güstrow | Hannes Möller hat großes Glück gehabt. Er ist einem der schwersten Autounfälle Deutschlands knapp entkommen: Am Freitag, den 8. April 2011, tobte ein Sandsturm über die Autobahn 19. Die Sicht war durch die aufgewirbelten Sandmassen stark getrübt, drei Laster und 82 Autos rasten südlich von Rostock bei Kavelstorf ineinander. Acht Menschen starben bei der Massenkarambolage, 130 wurden verletzt.

Riesige, sich stapelnde Automassen ragen plötzlich vor Hannes Möller auf, dann der Stillstand: "Ich war privat auf der A 19 aus Richtung Rostock unterwegs und bin direkt auf den Unfall zugefahren", sagt der Güstrower Wehrführer. "Ich war einer der Ersten, die nicht mehr in den Unfall reingeschoben worden sind." Zunächst habe er starr vor Schreck abgewartet, ob noch etwas mit ihm passiere, sagt Möller. Als sich sein Auto nicht rührte, habe er sich hinter den Leitplanken in Sicherheit gebracht und sofort eine Notrufmeldung abgesetzt.

Dann ist Möller - in Jeans und Hemd - losgelaufen, um zu helfen. "Man schaltet sofort um, ich kann das schlecht ausdrücken. Ich bin dafür ausgebildet, auf solche Situationen zu reagieren", erklärt er. "Es geht einem zwar emotional genauso nahe, aber man schaltet um und hat dann einen Job zu machen." Das Schlimmste dabei sei für ihn gewesen, ohne Löschfahrzeuge und Ausrüstung vor Ort zu sein. Mit den kleinen Feuerlöschern aus Lastwagen haben er und andere Ersthelfer noch versucht, die sich ausbreitenden Brände zu bekämpfen - doch ohne Erfolg. "Es ging nicht mehr, die Feuer waren schon zu groß." Nach dem Eintreffen der Rettungskräfte übernimmt Möller die Einsatzleitung und hilft, gemeinsam mit seinen Kollegen, Autos zu löschen und Menschen aus den Fahrzeugen zu bergen.

Möller ist froh, dass er und sein Team so vielen Menschen helfen konnten. "Das ist für uns auch das Entscheidende an diesem Einsatz", betont der Güstrower. "Wir haben gemeinsam eine Leistung vollbracht. Dazu sind wir da und dabei sollte man es auch belassen."

Trotzdem sei der Einsatz auf der A 19 vor einem Jahr einer der außergewöhnlichsten seiner Laufbahn als Feuerwehrmann gewesen, sagt Möller. Und ihm persönlich werde der Tag des Unfalls im Gedächtnis bleiben: "Am 8. April feiere ich jetzt auch Geburtstag, weil ich nicht zum Betroffenen geworden bin. Da hab ich wirklich ganz viel Glück gehabt."

Bereits 35 Minuten nach der Alarmierung waren auch Markus Paschen, Möllers Stellvertreter, und 40 seiner Kollegen von der Freiwilligen Feuerwehr Güstrow vor Ort. Ihr Einsatz auf der A 19 dauerte 14 Stunden - von halb ein Uhr mittags bis halb drei Uhr nachts halfen sie die Autowracks zu löschen und Menschen zu bergen.

Schon bei ihrer Ankunft am Unfallort sei eindeutig gewesen, dieser Einsatz würde anders sein als alle bisherigen: "Noch bevor wir eintrafen stand da diese Wand, diese riesige Sandwand, vor der im Verkehrsfunk schon am Nachmittag gewarnt wurde", sagt Paschen. Der Sandsturm schlug ihm und seinen Kollegen mit voller Härte ins Gesicht. Es sei ihm sofort klar geworden, dass der Einsatz keine einfache Sache werde, schon allein deshalb, weil die Retter kaum etwas sehen konnten.

"Viele von uns sind an ihre körperlichen und seelischen Grenzen gegangen. Dieses Datum wird auch mir mein ganzen Leben lang im Gedächtnis bleiben", sagt Markus Paschen. Zudem hätte der Unfall den Anstoß gegeben, sich in ihrer Wehr mit dem Thema der posttraumatischen Belastungen zu befassen. "Viel schlimmer als dieser Unfall kann es nicht mehr kommen", schätzt Paschen ein. Solche Unglücke könne man zwar nicht vermeiden, aber dafür sorgen, sich gut darauf vorzubereiten. "Wir gehen sehr offensiv mit dem Thema um, reden darüber, es wird nichts totgeschwiegen."

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