Konzert in Schwerin : Ein Fräulein macht Furore

Das Berliner Cornelis-Quartett in der Schweriner Schlosskirche
Das Berliner Cornelis-Quartett in der Schweriner Schlosskirche

Cornelis-Quartett spielte Werke der Mecklenburger Komponistin Emilie Mayer

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06. September 2017, 12:00 Uhr

Über die komponierende Dame im Allgemeinen und Speziellen schrieb der Gründer der Berliner Opernakademie, Hermann Zopff, 1867: „Daß Frauen ziemlich selten ganz sattelfest in der sprachlichen Orthographie etc. Sind, ist bekannt. Um die musikalische Orthographie und Stimmenführung aber ist es bei ihnen in der Regel noch mißlicher bestellt …“. Andere männliche Kunst- und Musikkenner sprachen zu jener Zeit Frauen Schöpferkraft sogar ganz ab.

Insofern kamen die europaweiten Erfolge einer Frau, die sich seit ihrem ersten Berliner Aufenthalt 1851 selbstbewusst „Componistin“ nannte, einer Sensation gleich. Die Rede ist von der Mecklenburgerin Emilie Luise Friederika Mayer, deren Werke jetzt in einer kleinen, von mehreren hiesigen Clubs von Soroptimist International, der weltweit größten Service-Organisation berufstätiger Frauen, getragenen Konzerttournee zu hören waren. Mit Stationen in Sternberg, Swantow auf Rügen, Schwerin und Greifswald.

Am 14. Mai 1812 im Mecklenburgischen Friedland als drittes Kind des Ratsapothekers August Friedrich Mayer und dessen erster Frau geboren, verbringt sie ihre Kindheit und Jugend in der ziemlich verschlafenen Kleinstadt im Herzogtum Mecklenburg-Strelitz. Zwar erhält die kleine Emilie schon mit fünf Jahren ihren ersten Klavierunterricht und zeigt früh Talent zum Komponieren. Aber zu ihrem Unglück ist das Talent ein Mädchen, das nicht einmal das Gymnasium besuchen darf. Noch mit Ende 20 kümmert sich die älteste Tochter um ihren verwitweten Vater und vertrocknet in der Provinz. Erst als sich ihr Vater im Sommer 1840 erschießt, ändert sich ihr Leben jäh und gibt ihr eine unerwartete Chance. Emilie nutzt sie und verlässt im Alter von fast 30 Jahren ihre Heimatstadt und geht zunächst nach Stettin und später nach Berlin, um nun doch Komponistin zu werden – mit großem Erfolg.

Am Ende ihres Lebens – Emilie Mayer stirbt nach einer Lungenentzündung am 10. April 1883 in Berlin – wird die ungeheuer produktive Künstlerin u. a. acht Sinfonien, zwölf Streichquartette, Klavierkammermusik, 15 Konzertouvertüren, Violin- und Cellosonaten sowie Klavierwerke und auch Lieder geschrieben und viel Anerkennung erfahren haben: in Stettin und Berlin, aber auch in Halle und Köln, in Brüssel und in Wien. Kämpferisch setzte sie sich für das Veröffentlichen ihrer Werke ein.

Wie gut die sind, davon konnten sich die Zuhörer in der Schweriner Schlosskirche am Freitag überzeugen. Die vier Damen des Berliner Cornelis-Quartetts brachten zwei Streichquartette von Emilie Mayer zur Aufführung: das geschlossener wirkende Streichquartett g-Moll und das eher wilde, gebrochene Streichquartett e-Moll. Schade, dass sie ebenso wie zum Beispiel ihre 5. Sinfonie oder die mit fast 70 Jahren geschriebene, außerordentlich erfolgreiche und damals vielfach aufgeführte „Faust-Ouverture für großes Orchester“ wahrscheinlich aus dem Jahre 1880 derzeit (noch) nicht auf CD zu haben sind. Denn, so Barbara Kernig, die Violoncellistin des Cornelis-Quartetts, Emilie Mayer sei eine grandiose und originelle Komponistin, die eine großartige Musik geschrieben habe und die über einen erstaunlichen Durchsetzungswillen verfügt habe.

Es wird Zeit, dass die spätestens im Jahr ihres 200. Geburtstages 2012 einsetzende Wiederentdeckung dieser nach ihrem Tode schnell, aber völlig zu Unrecht in Vergessenheit geratenen mecklenburgischen Künstlerin kräftig fortgeführt wird und dass sie vor allem wieder in den Konzertsälen Europas, einschließlich Mecklenburg-Vorpommern, zu hören ist. Sie hat es mehr als verdient. Als Komponistin wie als Kämpferin für die Anerkennung weiblichen Komponierens – auch wenn die eher plakative Bezeichnung „weiblicher Beethoven“ eigentlich Unsinn ist. Sie war und ist einfach – „Emilie Mayer, Componistin“.
 

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