Frauendomäne Grundschule : Ein Exot im Klassenzimmer

Leonid Rzaev steckt mit seinem ganz eigenen Humor auch seine Schüler an.
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Leonid Rzaev steckt mit seinem ganz eigenen Humor auch seine Schüler an.

Als Grundschullehrer hat Leonid Rzaev seine Berufung gefunden – obwohl dieser Beruf eigentlich eine Frauendomäne ist

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12. März 2016, 16:00 Uhr

„Ich tu so, als ob ich streng bin – aber in Wirklichkeit bin ich gar nicht streng. Das dürfen die Kinder bloß nicht wissen“, erzählt Leonid Rzaev mit dem für ihn so typischen Augenzwinkern. Denn natürlich ahnt er, dass die 22 Mädchen und Jungen aus seiner 4 a an der Schweriner Nils-Holgersson-Grundschule ihren Klassenlehrer ganz genau durchschauen. Und dass sie wissen, dass er sie alle ins Herz geschlossen hat.

„Jedes Kind hat etwas Liebenswertes“, ist der 52-Jährige überzeugt. Ein wichtiger Wert, den er auch den Kindern vermittelt. „Wir setzen uns zusammen und überlegen gemeinsam, was wir an jeder Schülerin und jedem Schüler mögen.“

Selbst bei dem Kind, das anfangs versuchte, mit unflätigen Worten und körperlicher Gewalt seine Probleme zu lösen, gibt es solche Eigenschaften. Inzwischen pöbelt und schubst es schon lange nicht mehr. Die Klasse sei daran gewachsen, sagt Leonid Rzaew – und zusammengewachsen.

Auch die Kinder, die aus einem fremden Land und oft ohne ein einziges Wort Deutsch zu sprechen in die Klasse kommen, werden von vornherein einbezogen – sanft geführt von ihrem Lehrer. Der kann besser als viele andere verstehen, wie es ist, in einem fremden Land noch einmal ganz von vorne anzufangen. Vor 13 Jahren wanderte Leonid Rzaev mit seiner Frau und den beiden gemeinsamen Kindern aus Russland aus. In Moskau hatte er als Sportlehrer und Fechttrainer gearbeitet. Doch die Diplome, die er dort erworben hatte, wurden in Deutschland nur zum Teil anerkannt. Rzaev musste deshalb noch einmal ein Ergänzungsstudium aufnehmen – und natürlich so schnell wie möglich die neue Sprache so gut lernen, dass er darin auch Kinder unterrichten konnte. „Das war nicht einfach“, erinnert er sich und gesteht, dass er manche Prüfung erst im zweiten Anlauf abgelegt hat. Und auch das verrät Rzaev: Grundschullehrer ist er nur durch Zufall geworden. „Ich hatte, als wir hier ankamen, wirklich keine Ahnung vom deutschen Schulsystem, sollte mich aber fürs Studium für eine Schulart entscheiden. ,Nimm die Kleinen, die machen noch mit‘, hat meine Frau gesagt. Und wie so oft hat sie recht gehabt.“ Er könne sich jedenfalls keine schönere Arbeit vorstellen.

Frauenanteil in Lehrerkollegien

  • Grundschule 92,7 Prozent
  • Förderschule 84,8 Prozent
  • Gesamtschule 76,9 Prozent
  • Regionale Schule 80,7 Prozent
  • Gymnasium 71,2 Prozent
  • Berufliche Schule 67,8 Prozent

(Quelle: Bildungsministerium MV)

Dabei war der Neu-Schweriner schon im Studium in Hamburg ein Exot – weil er doppelt so alt war wie viele seiner damaligen Kommilitonen. Jetzt im Beruf ist er es auch: 92,7 Prozent der Grundschullehrer in Mecklenburg-Vorpommern sind nach Angaben des Bildungsministeriums Frauen. Die Schweriner Nils-Holgersson-Grundschule mit gleich drei Männern im Kollegium ist eher eine Ausnahme.

Leonid Rzaev unterrichtet dort mehrere Fächer: Mathematik, Werken, Philosophieren mit Kindern – und seit diesem Schuljahr auch, wie einst in Moskau, Sport. Außerdem leitet er einen Schachkurs – „ich bringe da beste Voraussetzungen mit, als Kind habe ich immer gegen meinen Vater verloren“, witzelt er.

Dass in seiner Klasse Kinder aus acht verschiedenen Nationalitäten sitzen, hat nichts mit Leonid Rzaevs Herkunft zu tun – aber es ist für nicht wenige der Mädchen und Jungen dadurch sehr viel einfacher, sich hier zurecht zu finden. Als unlängst ein russischer Junge in die Klasse kam, der kein einziges Wort Deutsch beherrschte, habe er ihm in der gemeinsamen Muttersprache helfen können, erzählt der Grundschullehrer – „obwohl ich da inzwischen nach manchen Wörtern ganz schön lange suchen muss“.

Auch die deutschen Kinder profitieren von der Internationalität an der Schule. „Viele stammen aus Verhältnissen, die nicht einfach sind“, weiß ihr Lehrer. Dass er, trotz vieler Bemühungen, nicht einmal genug Mütter oder Väter gefunden hat, die sich in der Elternvertretung seiner Klasse engagieren wollten, spricht Bände. Leonid Rzaev versucht, das so weit es ihm möglich ist wett zu machen, den Kindern dennoch möglichst viele Türen zu öffnen – und für sie da zu sein. Gerade die jüngeren Schüler suchen seine Nähe, erzählen von Problemen zu Hause oder mit Freunden, wollen getröstet, aber auch gelobt werden. „Manche nennen mich – versehentlich oder bewusst - sogar Papa“, erzählt Leonid Rzaev. „Psychologen sagen, als Lehrer muss man nicht alles persönlich nehmen. Aber ich finde das ganz schön schwer und beherrsche das noch nicht immer“, gesteht er. Viele erfahrene Grundschullehrerinnen hätten ihre Linie, die sie durchziehen, hat Rzaev , der jetzt im fünften Jahr an der Nils-Holgersson-Schule arbeitet, beobachtet. „Ich muss meine erst noch finden.“

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