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Mecklenburg-Vorpommern

21. Oktober 2017 | 09:00 Uhr

Ein Erbe mit Sprengkraft

vom

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erstellt am 16.Dez.2011 | 12:15 Uhr

Parchim | Zehn Meter ist der Krater groß, den der Blindgänger an der Landstraße in Brandenburg hinterlassen hat. Die Explosion war gewaltig. Vor wenigen Tagen mussten 45 000 Menschen in Koblenz ihre Häuser und Wohnungen verlassen, weil im Rhein eine britische Luftmine aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden wurde. Es war die größte Evakuierung in der deutschen Nachkriegsgeschichte. In der Nähe von Dargun hat ein Bauer auf seinem Feld sechs Panzerfäuste gefunden - sie waren noch funktionsfähig. Tonnen gefährlicher Bomben, Granaten und Minen werden Jahr für Jahr aus dem Waldboden gebuddelt, auf Feldern geborgen und aus Vorgärten geholt.

Die Suche, Bergung und Entschärfung kostet Millionen. Eben um diese ist Streit ausgebrochen. Die Bundesländer wollen, dass sich der Bund an den Kosten für die Beseitigung alliierter Kampfmittel beteiligt. Denn bislang zahlt Berlin nur für die reichseigenen Kriegshinterlassenschaften. Die Kosten für die Entschärfung und Evakuierung von Koblenz beispielsweise muss Rheinland-Pfalz allein tragen. Das soll sich ändern.

In MV wird es noch 196 Jahre dauern, bis das Land "entmunitioniert" ist, hat Robert Mollitor ausgerechnet. "Das ist ein riesiges Problem, mit dem unsere Erben noch zu tun haben", sagt der Chef des Munitionsbergungsdienstes Mecklenburg-Vorpommern.

Ein Besuch auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz in Slate bei Parchim: Der rote Bulli holpert über die Waldwege. Bodo Krause, der Fahrer biegt links ab, dann geradeaus und wieder rechts. Im Gewirr der Wege und Kreuzungen stehen Hinweisschilder für Krankenwagen und Polizei. Auf einer großen Wiese ist ein Landeplatz für den Rettungshubschrauber ausgewiesen. All das muss sein, damit die Rettungskräfte im Notfall schnell vor Ort sind und nicht im Wald umherirren. Militärschrott verliert auch nach Jahrzehnten im Boden nichts von seiner Gefährlichkeit.

Der Wald bei Slate ist besonders gefährlich

In blauen Overalls und die Mützen tief ins Gesicht gezogen, graben sich die Männer durch den Wald. Einer mit dem Metalldetektor vorweg, der andere mit dem Spaten hinterher. Zwischen den Kiefern und Tannen hat zu DDR-Zeiten die Sowjetarmee geübt. Das Areal ist 600 Hektar groß. 23 davon sollen bis zum Ende des Jahres entmunitioniert sein, sagt Burkhard Pohl vom Munitionsbergungsdienst. Seit 30 Jahren arbeitet er als Sprengmeister. Er hat Fünf-Zentner-Bomben entschärft und sieben Meter lange Torpedos unschädlich gemacht. Pohl ist der Bereichsleiter und beaufsichtigt den Fortschritt. Geräumt wird im Land seit Jahren von Privatfirmen.

Slate wurde in die Kategorie vier eingestuft - die gefährlichste. Hier liegen viele Kampfmittel im Boden, sagt der 54-Jährige. Der Wald wird von Radfahrern, Wanderern und Pilzsammlern genutzt. Deshalb muss schnellstmöglich geräumt werden. Zwischen den Bäumen hat ein Bagger eine Schneise geschoben. In einer kleinen Kuhle liegen zwei Splittergranaten sowjetischer Bauart. 20 bis 30 Gramm Sprengstoff ist in jeder von ihnen. Nicht viel. Nicht die Menge ist das Perfide. Detoniert eine Granate, wird die Stahlhülle in tausend Splitter zerrissen. Das tötet die Soldaten.

Bislang war die Bezahlung für die Beseitigung von Kriegsmunition klar: Für reichseigene Munition kommt die Bundesregierung auf. Sie ist die Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches. Die Länder stellen dem Bund die Kosten für die Beseitigung der reichseigenen Munition in Rechnung. Grundlage für dieses Prozedere ist das "Gesetz zur allgemeinen Regelung durch den Krieg und den Zusammenbruch des Deutschen Reiches entstandener Schäden (Allgemeines Kriegsfolgengesetz)".

Für alliierte Munition und die der Sowjetunion, wie in Slate, müssen die Länder selber zahlen. Das soll sich ändern: Niedersachsen und Brandenburg haben im Bundesrat eine Initiative angestoßen, die vorsieht, dass der Bund sich an den Kosten beteiligt. Für Brandenburg sei nicht nachvollziehbar, warum die Länder die Lasten des Krieges allein tragen sollen. Mecklenburg-Vorpommern unterstützt die Initiative für ein Gesetz über die Finanzierung der Beseitigung von Rüstungsaltlasten in der Bundesrepublik Deutschland, hieß es vom Innenministerium.

Die beiden Granaten in Slate können nicht mehr transportiert werden. "Die Zünder sind zu empfindlich", sagt Pohl. Bei Erschütterungen könnten sie explodieren und werden deshalb gleich hier zerstört. Er hat Sprengstoff in der Hand, groß wie ein Stück Kernseife. In die zähe Masse steckt er zwei Stecker an langen Kabeln. In sicherer Entfernung dreht Pohl die Kabel an einen elektrischen Zünder und kurbelt bis eine kleine Lampe leuchtet. "Das ist ein bisschen lauter als ein Silvesterknaller", sagt der Sprengmeister. Eins, zwei, drei - ein Knall zerreißt die Stille, Erde stiebt aus der Kuhle. Ein sehr lauter Silvesterknaller. "Das war noch gar nichts", sagt Pohl. Von den Granaten ist nicht viel mehr als weiße Pulverreste geblieben.

Die Arbeiten im Stadtwald dauern schon mehrere Jahre. Tonnen lebensgefährlicher Munition haben sie aus dem Boden geholt. Aber auch Mauern und Schießanlagen, alte Reifen und Bahnschienen ausgegraben. Die Flächen sind gespickt mit Stöckchen, an denen Absperrband flattert. Sie weisen auf Störpunkte hin, an denen der Metalldetektor angeschlagen hat. Das Gerät kann nicht zwischen Munition und Bierdose unterscheiden. Wenn der Schrott beseitigt ist, muss ein zweites Mal kontrolliert werden. Das macht es so viel teurer.

Für die Beräumung von Landesflächen stehen jedes Jahr rund eine Million Euro zur Verfügung. Gemessen an den Kosten, die für die Arbeiten auf einem Hektar anfallen, nicht viel: 10 000 Euro sind es im Durchschnitt. Das Land könnte also nur rund 100 Hektar jedes Jahr bearbeiten lassen. In MV wird fast ausschließlich reichseigene Munition gefunden. Rund 100 000 Euro musste das Land im vergangenen Jahr für die Entsorgung von alliierter Munition bezahlen.

Eine unberechenbare Schatzsuche

151 500 Hektar Fläche und die Ostsee hat der Kampfmittelräumdienst Anfang 2010 als prekär eingestuft. Bevor Flächen öffentlich ausgeschrieben werden, stellen die Sprengmeister des Munitionsbergungsdienstes die Belastung fest. Ein bis zwei Prozent des Areals testen sie dafür, protokollieren das unwegsame Gelände. Für Slate gab es Luftbilder aus dem Jahr 1952, die Hinweise auf Blindgänger liefern können. Trotzdem bleibt es immer eine unberechenbare Schatzsuche. Krüge aus dem Mittelalter oder eine Kanonenkugel aus der Zeit Napoleons haben es auf diesem Wege ins Museum geschafft.

Burkhard Pohl stapelt verrottete Munitionsreste in Transportkisten. Im Zerlegebetriebe in Jessenitz werden sie gereinigt und noch einmal sondiert. Von dort geht es in die Panzeröfen nach Munster in Niedersachsen, wo sie endgültig zerstört werden. Wieder ein Stück Kriegserbe weniger.

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